1. Bonn
  2. Hardtberg

Flüchtlingshilfe in Bonn: „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“

Flüchtlingshilfe in Bonn : „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“

Eine Projektwoche der Matthäikirche macht auf das Leid der über das Mittelmeer Geflüchteten aufmerksam. Mit klarer Aussage.

Das Meer ist für Karl-Erich Houtrouw mit tiefster Überzeugung ein Ort, der Menschen verbinden und nicht trennen soll. „Wir sehen das ganz deutlich im materiellen und wirtschaftlichen Bereich“, sagt der ehemalige Kapitän zur See und führt als Beispiel die Sperrung des Suez-Kanals an, was bis heute zu globalen Problemen mit den Lieferketten führte. Seit etwa fünf Jahren engagiert sich Houtrouw in der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Hardtberg und ist seit zwei Jahren als Presbyter Beauftragter der Matthäikirche für Flüchtlingsfragen. Nun gibt es eine Projektwoche „Flucht und Migration“.

Mit Houtrouw entstand auch der Arbeitskreis Flucht (AK Flucht), dem neben Houtrouw Sabine Bringmann und Gerald Möller aus dem Presbyterium sowie Irene Elbog und Lisa Rädler angehören. „Alle vier Wochen versuchen wir mit einem Bericht die Aufmerksamkeit wieder auf die Flüchtlingssituation im Mittelmeer zu lenken“, sagt Houtrouw. Der Marineoffizier und ehemalige Kommandant eines Schnellbootgeschwaders nennt Zahlen: „Anfang November befinden sich 800 aus dem Mittelmeer gerettete Geflüchtete auf der „Sea-Watch 4“, 1700 Menschen konnten in diesem Jahr aus dem Mittelmeer geborgen werden. 7000 Menschen sind ertrunken.“ Geschätzte 10.000 Geflohene wurden nach Lybien zurückgeführt, wo es ihnen nach Houtrouws Worten schlechter als in der von ihnen verlassenen Heimat ergeht.

„Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ Diesen Satz des EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm hat sich die im Dezember 2019 gegründete Hilfsorganisation United4rescue („Vereinigt für Rettung“) zu eigen gemacht, deren Aktivitäten durch den AK Flucht der Matthäikirche unterstützt werden. Durch Spenden konnte United4rescue den deutschen Hilfsorganisationen Sea-Watch und Sea-Eye bereits zwei Rettungsschiffe übergeben, die inzwischen Hunderte von Menschenleben retten konnten.

„Alle Menschen, die auf ihrem Weg über das Mittelmeer ertrinken, haben Schutz und eine menschenwürdige Zukunft für sich und ihre Familie gesucht. Solange die Fluchtursachen nicht bekämpft werden können und staatliche Seenotrettung fehlt, ist sie unsere humane Pflicht“, zitiert Houtrouw den EKD-Ratsvorsitzenden und betont, dass die Seenotrettung im Mittelmeer nicht aus Spaß betrieben wird, „sondern weil es sonst keiner macht.“

Während an den Küsten der deutschen Nord- und Ostsee an 60 Standorten 65 Rettungsschiffe stationiert sind, gebe es kein einziges im Mittelmeer, so Houtrouw. Stattdessen werden dort vonseiten der europäischen Staaten zivile Rettungsorganisationen systematisch bei ihren humanitären Einsätzen behindert: Den Schiffen wird das Anlanden mit den Geretteten untersagt und deren Mannschaften werden verunglimpft oder kriminalisiert. Der AK Flucht unterstützt die Aussage von United4rescue, dass die Rettung aus Seenot eine rechtliche Pflicht und staatliche Aufgabe ist.

„Der Grund, dass ich mich seit 2015 in der sogenannten Flüchtlingskrise engagiere“, so Houtrouw, sei einerseits das Elend der Geflüchteten, aber auch die beachtliche Willkommenskultur der Deutschen gewesen. Alles habe sich an dem Satz, „Wir schaffen das“ von Angela Merkel entzündet, dem die Meinung gegenüberstand, dass man nicht die ganze Welt retten könne.

Doch Houtrouw ist davon überzeugt, dass kein Mensch seine Heimat freiwillig verlässt und sieht als Christ und Seemann („das sind die beiden Standbeine, die ich habe“) seine Pflicht darin, sich für die Flüchtlinge einzusetzen. Mit weiteren Gemeindemitgliedern ist er jeden Mittwoch um 19 Uhr auf dem Bonner Rathausmarkt bei der Mahnwache der Bonner Seebrücke anzutreffen, die zusammen mit Sea-Watch und der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit (EMFA) zu einem Bestandteil des Netzwerks vom AK Flucht geworden ist.

„Wir tauschen uns aus“, sagt Houtrouw. Damit könne man den Flüchtlingen in der Gemeinde, die sich mit ihnen an einen Tisch setzten, oft eine direkte Hilfeleistung anbieten. So berichtet er von einer syrischen Apothekerin, deren Approbation hier nicht anerkannt wurde und nun als Laborantin arbeitet. Der Leiter eines Heizkraftwerks aus Aleppo konnte hier eine Stelle als Schichtführer in einem Dürener Werk antreten, während seine beiden Söhne das Hardtberg-Gymnasium besuchten. „Die haben sich alle gut integrieren können“, sagt Houtrouw und fügt hinzu, welcher soziale Abstieg sich oftmals für die Geflüchteten mit ihrer neuen Heimat in Deutschland verbindet.

In der Projektwoche „Flucht und Migration“ (siehe „Das Programm“) wird die Evangelische Kirchengemeinde Hardtberg mit dem Evangelischen Forum Bonn, der Seebrücke Bonn, der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Hardtberg und der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit Bonn mit einer Foto- und Informationsausstellung, mit Gottesdiensten, Symposien, Vorträgen und Führungen darauf aufmerksam machen, dass das unerträgliche Leid, das sich mit der Flucht für viele Menschen verbindet, noch immer der Hilfe und Unterstützung unserer Gesellschaft bedarf.