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Schah 1979: So erlebte ein Hardtberger die Revolution im Iran

Ein Hardtberger berichtet : „In Teheran musste ich mich jeden Tag beim Geheimdienst melden“

Hossein Pur Khassalian stammt aus Iran. Ende der 50er Jahre kam er zum Studieren nach Deutschland. Wie hat der Hardtberger im Februar 1979 das Ende der Monarchie in seiner Heimat erlebt?

Es war ein Sonntag, an dem Hossein Pur Khassalian davon erfuhr, dass in seiner Heimat die Revolution gesiegt hatte. „Meine Frau und ich waren bei einer befreundeten Familie“, sagt er. Der Mann stammte wie Pur Khassalian aus Iran. „Unsere Gastgeberin sagte: Sie haben eben im Radio durchgesagt, dass die Monarchie gestürzt wurde “, erinnert sich Pur Khassalian. An diesem 11. Februar 1979 endete die Herrschaft des Schahs endgültig. Heute ist der Tag ein Feiertag. Er erinnert an die Proteste gegen das autoritäre Regime des Schahs Mohammad Reza Pahlavi und an den Siegeszug der Islamischen Revolution, die von Ajatollah Ruhollah Chomeini angeführt wurde.

Zeichen für die Instabilität des Landes habe es schon eine Weile davor gegeben, schreibt der britische Historiker Peter Frankopan. Das korrupte Regime des Schahs, politischer und ökonomischer Stillstand sowie Polizeigewalt hätten eine fatale Mischung ergeben, die den Gegnern des Regimes in die Hände spielte.

Unter diesen Umständen wuchs Pur Khassalian in den 40ern und 50ern auf. Nach dem Abitur wollte er in Iran eigentlich Medizin studieren. „Aber die wenigen Studienplätze bekamen die Söhne der Generäle“, sagt der 82-Jährige am Telefon. Ein Jahr lang arbeitete er, um das Geld für die Reise nach Deutschland zu verdienen. 1957 setzte er sich dann in Teheran in einen Bus – im Gepäck ein Visum und eine Zulassung zum Medizinstudium an der Uni Bonn. Erst ging es nach Istanbul, wo er in den Orient Express einstieg. Von München nahm er einen Zug nach Bonn. Zwölf Tage sei er unterwegs gewesen, sagt Khassalian. In Bonn sei der erste Eindruck alles andere als positiv gewesen.

Praktikum als Pfleger in der Uniklinik

Am Hauptbahnhof stieg er in ein Taxi und sagte: „Hotel“. Er habe damals nur sehr wenig Deutsch gesprochen, sagt Khassalian. „Der Taxifahrer hat mich dann durch die halbe Stadt gefahren.“ Für die Fahrt habe er zehn Mark bezahlt, eine Menge Geld damals. Am nächsten Morgen musste er feststellen, dass das Hotel nur drei Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof entfernt lag. 

Während der Semesterferien arbeitete Pur Khassalian in einer Felgenfabrik in Oberdollendorf, in einer Schleifsteinfabrik in Beuel und in der Leichtmettalfabrik in Bonn. Staubig und stinkig sei es dort gewesen. „Das war eine harte Zeit für mich“, sagt Pur Khassalian.

Während seines Studiums lernte er seine Frau kennen. An ihre erste Begegnung erinnert sich Pur Khassalian so: Als Teil des Studiums machte er ein Praktikum als Pfleger in der Uniklinik auf dem Venusberg. Um das Geld für den Bus zu sparen, ging er nach Feierabend zu Fuß zu seiner Wohnung in Endenich. Als er unterwegs auf einer Bank eine Pause machte, fuhr eine junge Frau auf dem Rad vorbei. Er stand auf und sagte: „Sie gefallen mir.“ Die Frau fuhr weiter.

Einige Zeit später sah er sie in der Innenstadt wieder – zusammen mit ihrem Vater. Er entschied sich, die beiden noch mal anzusprechen. „Der Vater mich dann auf ein Bier eingeladen“, sagt Khassalian. Es war für den Moslem der erste Schluck Alkohol seines Lebens. 1964 heiratete er Hilka. Das Paar lebt heute auf dem Venusberg. Für die Evangelische Gemeinde dort verteilt Pur Khassalian den Gemeindebrief. „Es ist mir wichtig, Distanz zwischen Muslimen und Christen abzubauen“, sagt er.

„In Teheran musste ich mich jeden Tag beim Geheimdienst melden“

Während seiner Zeit an der Uni gründete er mit anderen Iranern einen Ableger der Partei von Mohammad Mossadegh gegründet, die liberal und demokratische Züge hatte. Der Premierminister war 1953 mithilfe britischer und amerikanischer Geheimdienste gestürzt worden. Das festigte die Macht der Schahs weiter. Nach 12 Semestern schloss Pur Khassalian sein Medizin-Studium ab.

1970 fuhr er mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in den Iran. Er wollte außerhalb der Hauptstadt Teheran eine Stelle finden. Sechs Wochen hatte er sich deshalb in dem Krankenhaus freigenommen, in dem er arbeitete. Die Strecke von 5000 Kilometern legten sie in ihrem Opel zurück. „In Teheran musste ich mich jeden Tag beim Geheimdienst melden“, sagt Pur Khassalian. „Die wollten auch wissen, welcher Partei ich angehöre.“ Die Mitarbeiter des Savak hätten darüber Bescheid gewusst, mit wem er in Deutschland gesprochen hatte und über was.

Mit Verspätung ließen die iranischen Behörden die Familie wieder ausreisen. Als er eine Woche zu spät bei der Arbeit erschien, begrüßte ihn eine der Schwestern und sagte ihm, wie glücklich sie sei, ihn gesund wiederzusehen. „Die Geheimpolizei hatte meinem Arbeitgeber ein Attest geschickt, das sagte, ich habe Typhus und könnte nicht reisen.“ Khassalian erzählte seinem Chef, was passiert war. „Der zeigte Verständnis“, sagt Khassalian. „Aber arbeiten durfte ich erst, als ich ein Attest vom Gesundheitsamt hatte.“

In Iran spitze sich die Lage zu: Die ersten Proteste gegen den Schah fanden 1977 nach dem Tod von Mostafa Chomeini statt. Offiziell soll der Sohn des Revolutionsführers Ruhollah Chomeini an einem Herzinfarkt gestorben sein, allerdings glaubten viele Menschen, dass der Savak für seinen Tod verantwortlich war. Am 8. September 1978, einem Freitag, kam es in Teheran zu einer Massendemonstration gegen die Alleinherrschaft des Schahs. Das Militär feuerte auf die Demonstranten auf dem Jaleh- Platz. Wie viele Menschen starben, ist bis heute ungeklärt – die Angaben reichen von weniger als 100 bis zu Tausenden. Der „Schwarze Freitag“ gilt als Wendepunkt der Islamischen Revolution.

Verfassung habe viele demokratische Züge

Zur Zeit der Unruhen waren Pur Khassalians Eltern gerade zu Besuch in Deutschland. Eigentlich hatten sie geplant, drei Monate zu bleiben. Als sie von den Vorfällen erfuhren, kehrten sie nach Iran zurück. „Mein Vater wollte seine Landsleute nicht alleine lassen“, sagt Pur Khassalian. „Meine Frau, mein ältester Sohn und ich haben die Ereignisse danach mit größter Sorge verfolgt.“

Am 1. Februar landete Ruhollah Chomeini in Teheran. Bis dahin hatte er im französischen Exil gelebt. Er erklärte die Regierung für unrechtmäßig. Ein paar Tage lang kam es zu Straßenkämpfen zwischen Chomeinis Milizen und Soldaten, die dem Schah die Treue hielten. Im April 1979 wurde nach einem Volksentscheid schließlich die Islamische Republik verkündet.

„Wir hatten uns Demokratie und Freiheit erhofft“, sagt Pur Khassalian. Obwohl es nicht so kam, habe es auch positive Entwicklungen gegeben. „Die Verfassung hat viele demokratische Züge“, sagt Pur Khassalian. „Wenn die zum Tragen kommen würden, wäre das Land viel weiter.“