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Eine Bonner Mutter berichtet: So teuer ist der Schulbeginn für eine Hartz-4-Familie

Eine Bonner Mutter berichtet : So teuer ist der Schulbeginn für eine Hartz-4-Familie

Zum Schulbeginn fallen für Eltern viele Kosten an: Tornister, Etui, Sporttasche und Co. können dabei ganz schön ins Geld gehen. Eine Mutter berichtet, was das für Hartz-4-Empfänger bedeutet.

Seit einer Woche geht Matteo jetzt zur Schule. Wie alle anderen Kinder hatte auch er eine Schultüte. „Mit Polizeiauto drauf“, sagt der Sechsjährige. Wie alle anderen Eltern hat Sandra Abel für ihren Sohn vor der Einschulung Hefte, Malkasten und Turnschuhe besorgt. „Aber ich kann halt nicht die teuersten Sachen kaufen“, sagt sie. Sandra Abel und ihr Sohn leben von Hartz 4.

Abel, die eigentlich anders heißt, sitzt auf dem Spielplatz, der nur ein paar Minuten von ihrer Wohnung entfernt ist. Hier kommt sie oft mit ihren Kindern hin. Ihren jüngsten Sohn, der zwei Jahre alt ist, hält sie auf dem Arm, während sie aus ihrem Leben erzählt. Matteo schwingt sich auf die Schaukel.

Ein Tornister mit Etui und Sportbeutel kostet Eltern bei neuen Modellen an die 300 Euro. Matteo hat seinen von Robin Good, sagt Abel. Die Initiative der Caritas und der Diakonie verteilt Schultaschen an bedürftige Kinder – 530 waren es im vergangenen Jahr. Auf Matteos ist ein Polizist drauf. Dazu hat Abel die passende Schultüte gebastelt. „Da waren Bonbons drin – Erdbeere“, sagt Matteo. Die mag er am liebsten.

60 Euro hat Abel für die Schulsachen ausgegeben, die Matteo brauchte, der Beitrag für die Klassenkasse ist darin schon enthalten. 100 Euro für Materialien bekommt sie am Beginn des Schuljahres vom Amt für jedes Kind – und noch mal 50 Euro zum Halbjahr. So sieht es das Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung vor. Auch für Essen in der Schule, für Ausflüge oder Klassenfahrten gibt es Zuschüsse: 15 Euro für Sportverein oder Musikschule. Zur Einordnung: An der städtischen Musikschule kostet der Gitarrenunterricht 50 Euro im Monat, beim FC Hardtberg zahlen Jugendliche 80 Euro im Jahr.

Bei Matteo hätten die 100 Euro für Material gereicht, sagt Abel. Anders sieht es da bei ihrer Stieftochter aus, die in die siebte Klasse der Gesamtschule geht. „Da geht das Geld alleine für die Bücher drauf“, sagt Abel. Und auch die Fahrkarte muss bezahlt werden. Die braucht Matteo nicht, er geht zu Fuß zur Schule.

Fünf Kinder hat ihr Partner aus einer früheren Beziehung mitgebracht, zwei haben sie gemeinsam. Als die Kinder kamen, hörte Abel auf zu arbeiten. Zu neunt leben sie auf 112 Quadratmetern, sagt sie, vier Zimmer. Auch Abels Partner bekommt Hartz 4. Im Monat hätten sie für sich und die sieben Kinder ungefähr 3000 Euro.

Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat, gilt in Deutschland als von Armut bedroht. Die Schwelle zur Armut lag in NRW im vergangenen Jahr für ein Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2188 Euro.

„Wir leben nicht in großer Armut“, sagt Abel. „Wir kommen ganz gut zurecht.“ Sie versuche, ein kleines finanzielles Polster aufzubauen, falls es unerwartete Ausgaben gibt. „Es ist aber auch schon mal vorgekommen, dass es fehlte und kein Geld da war“, sagt die 31-Jährige. Kommt sie sich manchmal wie eine Bittstellerin vor? „Ich fühle mich nicht immer wohl, wenn ich weiß, dass andere für mich zahlen“, sagt sie. „Ich möchte meinem Kind aber auch nicht sagen: Du kannst nicht mit auf Klassenfahrt, weil wir kein Geld haben.“

Auch für einen Urlaub ist meistens keins da. „Ich würde gerne mal ans Meer fahren – vielleicht an die Ostsee“, sagt Abel. „Es ist immer ein bisschen blöd, wenn die anderen Kinder in der Schule erzählen, wo sie in den Ferien waren.“ Im Sommer haben sie mit den Kindern viel Zeit draußen verbracht, waren zelten, haben ein Lagerfeuer gemacht oder sind in der Sieg geschwommen.

„Solche Erfahrungen sind wichtig“, sagt Fabian Kosse. Der Ökonom hat mit einigen Kollegen am Bonner Institut für die Zukunft der Arbeit eine Studie zu Armut von Kindern gemacht. „Die Untersuchung in Köln und Bonn hat gezeigt, dass Kinder aus benachteiligten Familien eine niedrigere Intelligenz haben und weniger soziale Fähigkeiten – sie vertrauen und teilen zum Beispiel weniger“, sagt er.

Kinder aus diesen Familien würden weniger erleben und von der Welt sehen. Erfahrungen könnten sie aber auch ohne viel Geld machen. Teil der Studie war auch ein Mentoren-Programm: Die Ehrenamtlichen backen dabei etwa Kuchen mit den Kindern oder gehen ein Eis mit ihnen essen. „Mit der Rheinfähre nach Beuel zu fahren ist vielleicht keine Kreuzfahrt, aber dennoch ein Erlebnis“, sagt Kosse. Die Studie zeigte, dass sich mit Hilfe der Mentoren die sozialen Fähigkeiten von Kindern aus armen Familien verbesserten. Die Kosten liegen im Jahr bei etwa 1000 Euro pro Kind.

Helmuth Göbel leitet bei der Bonner Diakonie die Arbeit in den Stadtteilen. Er sagt: „Armut macht einsam. Die Kinder laden zum Beispiel nicht so gerne andere zu sich nach Hause ein, weil sie nicht wollen, dass die mitbekommen, wie sie leben.“ Davon berichtet auch Abel: „Matteos Freunde kommen eher selten zu uns.“ Göbel fordert, eine Kindergrundsicherung einzuführen. Rund 650 Euro solle es im Monat für jedes Kind geben. Dafür würden dann Leistungen aus dem Teilhabepaket entfallen. „Denn das ist bürokratisch hoch drei“, sagt Göbel. „Und Familien müssten sich dann etwa im Sportverein auch nicht mehr als arm outen.“

Abel ist gelernte Friseurin. Wenn die Kinder alt genug sind, möchte sie wieder arbeiten. Sie sagt: „Ich will nicht nur zu Hause sein.“