Selbstbehauptungskurs im Jugendzentrum So trainieren Kinder entschlossenes Auftreten und ein lautes „Nein!“

Duisdorf · Egal ob bei Mobbing auf dem Schulhof oder bei unangenehmen Begegnungen mit Erwachsenen: Beim einem Selbstbehauptungskurses in Duisdorf lernen Kinder, sich zu wehren. Notfalls müssen sie auch zutreten können.

 Am Schienbein tut es jedem weh: Birgit Sutter lässt alle Kinder mal treten.

Am Schienbein tut es jedem weh: Birgit Sutter lässt alle Kinder mal treten.

Foto: Stefan Knopp

Auch im schüchternsten Kind steckt ein energisches „Nein!“, und Birgit Sutter kitzelt es heraus. Da ist zum Beispiel Mina, acht Jahre alt, laut ihrer Mutter Beate Weingartz eins von diesen schüchternen Mädchen. Sie ist mit zwei Freundinnen im Selbstbehauptungskurs im Jugendzentrum Sankt Martin, den Sutter leitet, und reagiert auf das, was die Trainerin macht, zunächst sehr zaghaft. Aber das vergeht schnell, Sutter schafft eine Atmosphäre, in der die Kinder aus sich herausgehen können.

Der Kurs wird schon länger im Jugendzentrum angeboten und ist jetzt neu gestartet. Die Trainerin ist von rund 20 Kindern umgeben, die einen sehr ruhig, die anderen – vor allem Jungs – lebhaft bis wild. Ihnen allen bringt Sutter bei, dass ein selbstbewusstes Auftreten viel bewirkt. Gerade stehen, den Blick erhoben, beide Füße auf dem Boden, das macht ganz anders Eindruck als schlaff und zusammengesunken aufzutreten, den Blick gesenkt. So kann man nicht nur in der mitunter fiesen Welt des Schulhofs zur Zielscheiben werden. Denn: „Angreifer suchen sich immer leichte Opfer aus“, sagt Sutter.

Das Nein kommt aus dem Bauch

Sie arbeitet für die Sportschule „Kompetenz für Pänz“, die Kinder, aber auch Erwachsene darin schult, sich selbst zu behaupten und sich notfalls auch zu wehren. Das beginnt mit einem entschlossenen Auftreten. Sutter zeigt den Kindern, wie es nicht geht: Ein zaghaftes oder gekichertes „Lass das“ werde niemanden abhalten, der einen ärgern, mobben oder angreifen will. Sie übt das, indem sie den Kindern einzeln gegenübertritt und „Ja“ sagt. Die Kinder sollen „Nein“ entgegnen, und zwar zunehmend lauter und deutlicher. Das klappt erfreulich gut – die Kinder haben schnell begriffen, woher dieses „Nein“ kommen soll, nämlich aus dem Bauch. Dazu den Blick fest auf das Gegenüber gerichtet. Der Trick ist: Nicht in die Augen, sondern auf den Nasenrücken der anderen Person gucken, so gewinnt man jedes Wettstarren.

Die Übungen gehen weiter. Mit einem gepolsterten Schlagstock geht Sutter nacheinander auf die Kinder zu, sie sollen sie mit ausgestreckter Hand und einem lauten „Stopp!“ aufhalten. Nicht bei allen gelingt das auf Anhieb überzeugend, aber auf die ersten Versuche lässt sich aufbauen. Es ist ja nur die erste Stunde des Anfängerkurses für Kinder ab sieben Jahren, und wenn sie den absolviert haben, können sie im Fortgeschrittenenkurs weitermachen. Sutter wird mit dem Nachwuchs weitere Abwehrübungen trainieren. Außerdem gibt es Rollenspiele, bei denen die Kinder auf bestimmte Situationen reagieren sollen.

Vor dem Veranstaltungsraum im Jugendzentrum sitzt Beate Weingartz mit Anja Bär, der Mutter von Leonie (7), und Natallia Hlotava, Mutter von Sofja (7), zusammen und wartet. Warum ihre Kinder den Kurs besuchen? „Grundsätzlich ist es wichtig, sich behaupten zu können, und wenn die Kinder zurückhaltender sind, umso mehr“, meint Bär. Sie möchte, dass ihre Tochter weiß, wie sie sich verhalten muss, wenn Fremde sie ansprechen. Denn es geht im Kurs ja nicht nur um schubsende Mitschüler auf dem Pausenhof, sondern auch um allgemeine Situationen. Es gebe ja immer wieder Meldungen von fremden Erwachsenen, die Kinder ansprächen und womöglich versuchten, sie in Autos zu locken.

Hlotava erzählt, dass ihre Tochter schon im ersten Schuljahr in der Grunschule schlechte Erfahrungen gemacht habe. Sofja ist klein, zierlich und hat eine dunklere Hautfarbe. „Sie wurde schon geschubst und von Viertklässlern gemobbt.“ Oder man habe sich einfach vor sie gedrängelt. „Nein sagen hat nicht funktioniert“, sagt die Mutter. Das Mädchen solle hier lernen, mit solchen Situationen umzugehen. „Es ist gut, wenn sie weiß, wie man sich wehrt.“

Kinder bekommen auch Tipps für Selbstverteidigung

Der erste Schritt ist das selbstbewusste Auftreten, die Selbstbehauptung. Wenn das nicht reiche und man sich einer Situation nicht entziehen könne, dann müsse man zur Selbstverteidigung übergehen, erklärt Sutter den Kindern im Raum. Der erste Schritt ist ein Tritt, und zwar gegen das Schienbein: Das, sagt die Trainerin, sei eine ungeschützte Stelle am Körper, wo der Knochen direkt unter der Haut liege. Ein Tritt dagegen tue jedem weh – aber nicht mit den Zehenspitzen, sondern mit der ganzen Fußunterseite. Und nicht mit weit ausholender Geste, die man vorausahnen könnte, sondern „so, als ob ich auf Eis ausrutsche“, erklärt Sutter.

Die Kinder dürfen dann alle mal zutreten – die Trainerin stellt sich dafür ein Polster vor die Beine. Und dann muss das Kind zusehen, dass es schnell wegkommt: „Immer dahin rennen, wo Licht, Lärm und Leute sind.“ Die Kinder sollten nicht denken, dass sie vor einem Erwachsenen nicht weglaufen könnten. Denn eins können die Kleinen besser als die Großen: Haken schlagen.

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