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Eindrücke aus dem Ort: Viertel mit zwei Gesichtern

Eindrücke aus dem Ort : Viertel mit zwei Gesichtern

Pfarrer Wolfgang Harnisch lebt seit den 80ern in Medinghoven. Mit ihm geht es in der GA-Serie „Spaziergänge mit Alteingessenen“ durch den Ort.

In Wolfgang Harnischs erstem Winter auf dem Hardtberg lag Schnee. Daran erinnert er sich noch genau. Im Januar 1987 war das, im Februar übernahm er das Amt des Pfarrers in der Johanniskirchengemeinde. Mit der Familie war er drei Jahre davor aus der DDR weggegangen. Ende der 80er zogen er, seine Frau und die drei Kinder ins Martin-Bucer-Haus an der Stresemannstraße in Medinghoven. Es waren glücklich Jahre, sagt Harnisch. An sie erinnert er sich gerne. Ab und zu mischt sich auch etwas Wehmut darunter.

Harnisch wartet vor dem Bau aus den 70ern, der nach Martin Bucer benannt ist. Der Reformator lebte ab 1542 in Bonn. Vor 15 Jahren zog Harnisch hier aus und die evangelische Jugendhilfe ein. Früher sei er von hier oft in den Kottenforst, sagt der 66-Jährige, zum Radfahren oder zum Joggen. Auch heute lebt er noch in Medinghoven – nur ein paar Hundert Meter entfernt.

Die Familie reist 1984

aus der DDR aus

An diesem Tag führt er zu Fuß durch das Viertel. Als erstes geht es in Richtung Henri-Spaak-Straße. Er sehe Medinghoven nicht als Problemstadtteil, sagt Harnisch, und könne keine besonderen Probleme benennen. „Hier leben auch viele Wohlsituierte“. Die Größe der Häuser und die Autos davor lassen darauf schließen, dass er recht hat. „Medinghoven wird schnell mit Harz IV gleichgesetzt“, sagt er.

In vielen Häusern hier ist Harnisch schon gewesen. Kennt die Bewohner seit Jahrzehnten. Er schätzt die Ruhe und die frische Luft, für die der Kottenforst sorgt. „Hier ist es immer ein, zwei Grad kühler als in der Stadt“, sagt Harnisch. „Das ganze Grün hier hat mich schon damals beeindruckt.“

Der Weg führt im Bogen zur B 56. Auf dem Weg erzählt Harnisch über die DDR. „Ich wollte meine Kinder dort nicht zur Schule schicken – die war zu sehr ideologisch beeinflusst.“ 1984 schließlich reiste die Familie mit dem Zug aus. Erst zu einer Tante im Harz, später nach Beuel. Die Kinder waren zwischen fünf und zehn. „Für sie war es wie eine Fernreise“, sagt Harnisch. „Es hat sie aber schon beschäftigt. Für sie war die DDR auch ein Stück Heimat.“

Unweit der B 56 befinden sich einige Hochhäuser. „Hier wohnen keine deutschen Familien mehr“, sagt Harnisch. „Hier gestalten sich manche Dinge anders.“ Dann macht er einen kleinen Schlenker zum Stadtteil-Büro der Diakonie. „Das ist eine wichtige Anlaufstelle“, sagt er. Die Zusammenarbeit sei eng. „Ich habe mir hier auch schon Rat geholt, wohin ich Menschen vermitteln kann, die zu mir kamen.“

Weiter geht’s zu einer kleinen Ladenzeile zwischen den Wohnblöcken. „Das war mal ein ganz lebendiger Ort“, sagt Harnisch. „Es gab eine Bäckerei, eine Fleischerei, einen Edeka.“ Heute gibt es hier auch Ladenlokale, die leer stehen. Eine Pizzeria ist noch dort, ein Kiosk und eine Spielhalle – und die Hardt Apotheke, eine Institution.

Über die Brücke führt der Weg auf die andere Seite der B 56. „Der Verkehr hat zugenommen“, sagt Harnisch. Auch Bucer soll hier schon unterwegs gewesen sein. Da war sie allerdings noch keine Bundesstraße. Von der Kommunalwahl ist an einem Laternenmast noch ein Plakat hängen geblieben. „Schulen sanieren, Oper schließen“, steht darauf. Wie sieht er das Verhältnis zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen? „Das kann ich schwer beurteilen“, sagt Harnisch. „Aber es ist schon eher ein Nebeneinander.“

Harnisch führt vorbei an der Derletalschule zur Margot-Barnard-Realschule. Dort spielen Kinder auf dem Schulhof. „Ich kann nicht sagen, dass alle Schulen in schlechtem Zustand sind, so wie das plakatiert ist.“ Schulen und Kitas seien zentral für die Integration. Dann weist er die Straße hinunter, die zur Burg Medinghoven führt. „In den Stichstraßen leben viele, denen es sehr gut geht“, sagt er. „Die Diakonie behält hier im Viertel die andere Seite im Blick.“

Dann: Rückweg. Am Martin-Bucer-Haus geht es noch mal um die Vergangenheit. „Ich habe viele gute Erinnerungen an das Haus“, sagt Harnisch. „Auch wenn ich mich hier von meiner Frau getrennt habe.“ Er sei dankbar, dass er dort leben durfte. Als seine Tochter nach dem Abi auszog, verreisten sie noch mal gemeinsam in die USA: Niagarafälle, Chicago, Philadelphia. „Ich habe Amerika als sehr tolerant erlebt“, sagt Harnisch. Es habe auch Spannungen gegeben zwischen Weißen, Schwarzen und Latinos. „Aber trotzdem wurde vermittelt: „Wir schaffen das“ – trotz riesiger Probleme.“ Hat ihn das ein bisschen an Medinghoven erinnert, das sich damals in Umbruch befand? „Unsere Probleme sind nicht so groß“, sagt Harnisch. „Es sind Herausforderungen.“

Eine schwere und eine leichte Frage gibt es für den ehemaligen Pfarrer zum Abschluss. Wie erklärt er sich, dass kaum noch junge Leute etwas mit der Kirche anfangen können? Er glaubt, es fange bei den Eltern an, die würden ihre Kinder nicht mehr mit den biblischen Geschichten vertraut machen. Die seien Schätze. „Ich bin trotzdem nicht sorgenvoll“, sagt Harnisch. Er sehe, wie sich junge Menschen etwa für das Klima oder Flüchtlinge einsetzen. „Das ist ein zutiefst christliches Erbe.“

Und wann hat er zuletzt einen Kopfstand gemacht? Da muss Harnisch lachen. „Ist schon eine Weile her. Früher hab ich das regelmäßig gemacht“, sagt er. Davon berichtet auch ein ehemaliger Konfirmand im Magazin der Gemeinde. Er erinnert sich an die Freizeit mit dem Kopfstand-Wettbewerb. „Ich habe die auch mal zu Liegestützen herausgefordert“, sagt Harnisch. „Damit die nicht denken: der alter Pfarrer.“