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Bestimmung von Schmetterlingen: Wie ein Leuchtabend im Bonner Kottenforst abläuft

Bestimmung von Schmetterlingen : Wie ein Leuchtabend im Bonner Kottenforst abläuft

Wir haben Diplom-Biologe Rolf Mörtter bei einem Leuchtabend im Kottenforst begleitet. Was die Artenvielfalt der Schmetterlinge in Bonn betrifft, hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan.

Abends im Kottenforst: Nach Sonnenuntergang ist es hier stockdunkel, doch die mannshohe, leuchtende Säule auf einer Lichtung ist nicht zu übersehen. Dahinter sitzt ein Mann auf einem Klappstuhl an einem Campingtisch. Ein paar Meter weiter im Unterholz steht eine zweite leuchtende Säule. Rolf Mörtter ist Biologe und während viele seiner Kollegen bei ihren Tierbeobachtungen eher nicht auffallen wollen, legt er es geradezu darauf an. Der Mann aus der Nähe von Karlsruhe untersucht die Schmetterlingspopulation im Kottenforst. Seine Leuchttürme bestehen aus feinen Netzen und aus Lampen, die mit unterschiedlichen Lichtspektren verschiedene Arten anlocken sollen. Denn nicht alle Falter sprechen auf das gleiche Licht an. Unter den verschiedenen Lampen in beiden Türmen befindet sich auch jeweils eine Schwarzlichtleuchtröhre, deren Licht für das menschliche Auge nicht zu sehen ist. Zusätzlich hat Mörtter in Wein getränkte Wollfäden in die Bäume gehängt. „Jeder hat da sein eigenes Rezept“, erklärt er. „Grundsätzlich fliegen Falter auf Süßes und ein bisschen auf Alkohol.“ Daher gibt es bei Mörtter günstigen, mit Zucker gesättigten Rotwein mit einem Schuss Rum: „Für die Verdunstung.“

Der Biologe ist mit dem Kottenforst vertraut. Von 1982 bis 1986 untersuchte er bereits im Rahmen seiner Diplomarbeit die Schmetterlingsbestände in dem Wald. Damals konnte er rund 720 Arten feststellen. 2016 nahm er seine Beobachtungen wieder auf. Seitdem hat er nur noch rund 635 Arten zählen können. „Allerdings bin ich jetzt auch weniger vor Ort als während meiner Diplomarbeit“, räumt Mörtter ein, denn er führt seine Untersuchungen auf Eigeninitiative durch. Außerdem hat er jetzt eine viel aufwendigere Anreise. Seine bisherigen Untersuchungen dokumentieren einen Wandel in der Population. Obwohl seine Zahlen einen generellen Rückgang der Artenvielfalt belegen, zeigt sich, dass einige neue Arten dazugekommen sind, die vorher im Kottenforst noch nicht heimisch waren. Vor allem einige wärmeliebende Gattungen sind neu im Wald. Klar, der Klimawandel macht sich auch hier bemerkbar.

Biologe erkennt manche Schmetterlinge auf dem ersten Blick

Inzwischen finden sich die ersten flatternden Besucher an den Leuchttürmen ein. Einige Male steht Mörtter auf und betrachtet die Nachtfalter an seinen Leuchten genauer. Oft bleibt er aber auch einfach sitzen und bestimmt die Insekten aus der Ferne. „Wenn man das länger macht, erkennt man oft schon am Anflug oder an der Art, wie sie sich absetzen, um was es sich da handelt.“ Für den Laien ein Buch mit sieben Siegeln.

Im Kottenforst habe sich die Gesamtsituation für die Tiere aber verbessert, so Mörtter. Es gebe nun viel mehr Kleingewässer. Außerdem gebe es viele lichte Flächen und die Aufforstung mit Laubbäumen komme den Insekten ebenfalls zugute. „Einige der besonderen Arten, die ich in den 1980er Jahren beobachtet habe, sind noch da“, stellt Mörtter fest. Allerdings bedauert er sehr, dass von Seiten der Universität keine Doktoranden an derartige Untersuchungen gesetzt werden. „Da besteht einfach kein Interesse. Das geht eher ins Genetische. Parallel zum Insektensterben gibt es auch ein Insektenkennersterben.“

Aufgrund seiner Verpflichtungen und der aufwendigen Anreise schafft Mörtter selbst es sechs bis zwölf Mal im Jahr in den Kottenforst. Wissenschaftler vor Ort könnten deutlich engmaschiger untersuchen. Trotzdem gelingen ihm auch besondere Beobachtungen. 2019 fand er zum Beispiel im Kottenforst einen „Spanner“, der seit 150 Jahren im gesamten Rheinland als verschollen galt. „Die nächsten Artgenossen leben etwa 200 Kilometer von hier entfernt, es kann also kein Einflug sein.“ Für Mörtter bedeutet dies, dass sich irgendwo im Forst eine kleine Population gehalten haben muss.

Schließlich wird es Zeit, auch einmal die weingetränkten Wollfäden zu kontrollieren. Die erste Ausbeute fällt dünn aus. Aber ausgerechnet auf dem letzten Faden findet sich dann doch noch ein weinseliger Flieger. Einer längeren Untersuchung entzieht sich der Nachtschwärmer aber dadurch, dass er unversehens ins Gras plumpst, wo er wahrscheinlich seinen Rausch ausschläft. Warum sollte es einem Insekt auch besser gehen als einem Säugetier? Gegen 22 Uhr packt Mörtter seine Sachen zusammen. Immerhin ist er an diesem kühlen Abend auf zwölf Arten gekommen.