Die Entstehung des Karnevalszuges in Röttgen Wie im Märchen

Röttgen · Evi Keet und Hans-Josef Fabritius erinnern sich noch gut an die Entstehung des Karnevalszuges in Röttgen vor fast 60 Jahren. Damals beschlossen drei jecke Mädchen, dass ihr Heimatort auch einen Zoch haben sollte – und organisierten ihn einfach selbst.

Hans-Josef Fabririus und Evi Keet sortieren historische Fotos des Karnevals in Röttgen. Evi Keet zeigt die jecke Kinderschar des zweiten Umzuges von 1965.

Hans-Josef Fabririus und Evi Keet sortieren historische Fotos des Karnevals in Röttgen. Evi Keet zeigt die jecke Kinderschar des zweiten Umzuges von 1965.

Foto: Stefan Knopp

Die Entstehung des Karnevalszuges in Röttgen ist eigentlich eine richtig schöne Kindergeschichte. Man könnte sie so erzählen: Es waren einmal drei Mädchen, die Evi, Hilde und Hedi hießen. Sie waren richtig begeistert vom Karneval, den sie von Bonn, Lengsdorf und Alfter kannten. Aber in ihrem Heimatort Röttgen wurde er nicht im gleichen Maße gefeiert. Das wollten sie ändern. Sie suchten sich Unterstützung von anderen Kindern aus der Nachbarschaft in der Dorfstraße, sie verzierten zwei Handkarren und bestimmten kurzerhand zwei Kinder als Prinzenpaar. Die hießen Hans I. und Susanne I.

Am Karnevalssonntag des Jahres 1964 zogen also 25 bunt verkleidete Kinder durch die Straßen, begleitet von Hildes Vater, und sie sangen und tanzten. Die Nachbarn fanden das so toll, dass sie fanden, das müsse wiederholt werden. Und so zogen die Kinder seitdem jedes Jahr an Karneval umher und begründeten eine Tradition, die noch heute lebt.

Nur eine Zuschauerin in der Hubertusallee

Wie ein Märchen klingt das, aber so ist es passiert. Das wissen viele nicht, aber Evi Keet, die damals 13 Jahre alt war und noch Bauer hieß, und Hans-Josef Fabritius erinnern sich noch gut daran. Er war damals acht Jahre alt, seine Prinzessin Susanne Feyl, heute Felten, war fünf, und sie beide hatten keine große Wahl. Aber das erste Röttgener Prinzenpaar hatte gerne mitgemacht. Erstaunlicherweise gibt es einige Fotos von dieser Aktion, die in Keets Erinnerung nur eine Zuschauerin hatte. In der Hubertusallee habe Frau Krengel aus dem Fenster geschaut, als die jecken Pänz vorbeimarschierten. „Die hatte so viel Spaß!“

Im Bollerwagen durch das Dorf: Die erste Kinderprinzessin Susanne Feyl war 1964 fünf Jahre alt.

Im Bollerwagen durch das Dorf: Die erste Kinderprinzessin Susanne Feyl war 1964 fünf Jahre alt.

Foto: Stefan Knopp

Fabritius gestaltet seit 1970 für die katholische Kirche in Röttgen die Adventskrippe mit wöchentlich wechselnden Szenen und zeigt auch sonst viel ehrenamtliches Engagement, sei es Kirmes, Sankt Martin oder die Freiwillige Feuerwehr. Dazu gehört eben auch der Karneval. Er beugt sich über eins der Fotos, es zeigt ihn als Prinzen. „Ich hatte einen hellen Schlafanzug und eine Gardine oder so als Umhang“, beschreibt er. Aber die Kappe mit den Pfauenfedern, die war echt. Die anderen Kinder hatten ihn und seine kleine Prinzessin auf zwei Handkarren gestellt, die ein wenig mit Blumen aus Schreibmaschinenpapier geschmückt waren. „Wir haben mit Wachsstiften versucht, das weiße Papier bunt zu machen.“

Stundenlang Konfetti ausgestanzt

Und so ging es durch die Straßen, Keet als Tanzmariechen vorneweg. Statt Kamelle wurde selbstgemachtes Konfetti geworfen. „Wir haben stundenlang am Locher gesessen“, sagt sie. Der Zug kehrte auch in der Kneipe Herzogsfreude ein. „Da bekamen wir dann Rahmbonbons.“ Danach marschierten sie zur Dorfstraße zurück, wo ausgiebig gefeiert wurde und Nachbar Imhof dazu seine Quetschkommode spielte. Er meinte, das müsse doch wiederholt werden.

Tollität im Schlafanzug: Hans-Josef Fabritius ist 1964 der erste Röttgener Kinderprinz.

Tollität im Schlafanzug: Hans-Josef Fabritius ist 1964 der erste Röttgener Kinderprinz.

Foto: Stefan Knopp

„Wir Kinder wollten richtig Krach machen“, sagt Keet. Das war eigentlich schon die Hauptmotivation, das Ganze war ein Spiel, aber ein gut vorbereitetes. 1965 war das Ganze schon eine größere Angelegenheit, und so steigerte sich der Röttgener Karneval, bis die Organisation den damaligen Kindern über den Kopf wuchs. „Bis 1969 sind wir immer von Tür zu Tür gegangen und haben für den Kinderkarnevalszug gesammelt“, erzählt Keet. Das sei aber immer komplizierter geworden. „Wir brauchten plötzlich eine Genehmigung, um Geld zu sammeln.“ Vor dem Hintergrund passte es ganz gut, dass 1970 ein Festausschuss gegründet wurde. So jedenfalls erzählen es Keet und Fabritius. In der Chronik auf der Homepage des Festausschusses taucht das Engagement der Kinder vor der Gründung am 10. November 1970 nicht auf, aber auf der Startseite kann man sich das Kinderprinzenpaar von 1964 anschauen.

Fröhlicher Kinderumzug: 1964 nahm der Röttgener Nachwuchs das Karnevalsgeschehen selbst in die Hand.

Fröhlicher Kinderumzug: 1964 nahm der Röttgener Nachwuchs das Karnevalsgeschehen selbst in die Hand.

Foto: Stefan Knopp

Wie der Zug immer länger wurde

Der Zug wurde immer größer, neue Gruppen gründeten sich und schlossen sich an, es kamen richtige Festwagen dazu. Bis etwa 1990, meint Fabritius, habe sich die Sache stark weiterentwickelt. 1987 kam mit der Prinzengarde Weiß-Rot Röttgen die heute größte Karnevalsgesellschaft dazu. Andere bestehen nicht mehr. „Irgendwann flachte das ein bisschen ab“, sagt er. Er und Keet sehen eine Verbindung mit dem frühen Tod von Festausschuss-Mitgründer Wilhelm Kerp 1990. „Er hat wirklich viel getan.“

Keet und ihre Freundinnen Hilde Weck, geborene Werle, und Hedi Martini, die ältere Schwester von Fabritius, sind aber immer dabeigeblieben und jedes Jahr mit der „Gründergruppe“ im Zug mitgegangen. Die feiert auf dem kommenden Zug ihr 60-jähriges Bestehen. Auch das 50-jährige hatten sie zelebriert, 2014 waren Hans I. und Susanne I. noch mal als Jubiläumsprinzenpaar mitgegangen. Das ist für dieses Jahr nicht vorgesehen. Aber Fabritius gestaltet zum festlichen Anlass auch den Festwagen für die Gruppe, „mit dem letzten Anhänger, der noch in Röttgen ist“. Der steht bei ihm im Hof. Grobe Ideen gebe es schon, aber verraten werde natürlich nichts.

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