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Antje Dertinger porträtiert Frauen der Zeitgeschichte : Willy Brandt machte sie zur Autorin

Antje Dertinger porträtiert Frauen der Zeitgeschichte : Willy Brandt machte sie zur Autorin

Die Autorin Antje Dertinger hat zahlreiche Porträts und Biografien über Frauen der Zeitgeschichte geschrieben. Den ersten Anstoß dazu gab seinerzeit SPD-Politiker Willy Brandt.

Geschrieben hat sie schon immer. Schon als 13-Jährige konnte die Autorin und Journalistin Antje Dertinger (79) ihren Klassenkameradinnen eine Erzählung mit dem bedeutsamen Titel „Immer gen Westen“ vorlesen, von dem sie erst viel später erkannte, dass sie damit ihre Fluchtgeschichte als Vierjährige verarbeitet hatte. Heute bezeichnet Dertinger, die in diesem Jahr noch ihren 80. Geburtstag feiern wird, Stralsund als ihre Heimatstadt. „Dort verbrachte ich meine ersten Lebensjahre und dort wurde ich auch gezeugt“, sagt sie. Da ihr Vater 1940 als Marinearzt auf Lazarettschiffen unterwegs war, begab sich ihre Mutter zur Geburt des ersten Kindes in ihr Elternhaus nach Wilhelmshaven.

Die norddeutschen Wurzeln sind bis heute unverkennbar, obwohl Dertinger seit mehr als fünf Jahrzehnten im Rheinland lebt. Seit 1973 in Bonn. Um ihre Tochter Brigitte auch vor der Wohnung spielen zu lassen, zog die alleinerziehende Mutter von der Wohnung an der viel befahrenen Reuterstraße nach Lessenich. Mit ihrem zweiten Mann, der vier Kinder mit in die Ehe brachte, wechselte sie in ein Reihenhaus in Lessenich, das Dertinger – inzwischen alleine lebend – verkaufte und mit ihrer jetzigen Wohnung auf dem Brüser Berg tauschte. Zwischen Büchern und Kunst sowie mit Antiquitäten und modernen Designobjekten umgeben, genießt sie nun auch dort den Blick ins Grüne. „So viel gelesen wie in der letzten Zeit habe ich in meinem Leben noch nicht“, sagt die agile Rentnerin.

Geschrieben habe sie schon lange nichts mehr. Es sei zu schwer geworden, einen Verlag zu finden, sagt sie. Dem Leser ihrer umfangreichen Bibliografie dürfte diese Erfahrung kaum nachvollziehbar sein. Die rund 15 Sachbücher, da­runter auch ein Jugendbuch und ein Tatsachenroman, haben nicht nur schon einige Preise errungen, sondern beschäftigen sich durchweg mit zeitgeschichtlichen und gesellschaftlich hoch relevanten Themen, deren Fortsetzung man gerne in aktuellen Werken von Dertinger entgegensehen würde. Sie selbst beschreibt ihre Arbeitsschwerpunkte mit der Geschichte der Arbeiterinnenbewegung und des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in Deutschland sowie mit der frühen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, die sie überwiegend anhand von Frauenporträts und -biografien darstellte.

Noch kürzlich konnte Lisa Rädler vom Erzählcafé im Nachbarschaftszentrum Antje Dertinger dafür gewinnen, über ihre verschriftlichte Begegnung mit Elisabeth Selbert (1896 – 1986) zu sprechen. Selbert gehört zu den „vergessenen Frauen“, denen Dertinger einige ihrer biografischen Veröffentlichungen widmete. Wie im Untertitel des Selbert-Buches beschrieben, sind es die „ermutigenden Frauenleben“, die Dertinger schon früh faszinierten: Ob es die „Mutter des Grundgesetzes“ war, die das Gleichberechtigungsprinzip für unsere Verfassung erkämpfte, oder die „Frauen der ersten Stunde“, Politikerinnen und Künstlerinnen die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Bedeutendes für die Gesellschaft leisteten: „Die immer wiederholte Legende von den Trümmerfrauen war nicht das Wesentliche der Nachkriegszeit“, so Dertinger. Von Ilse Aichinger über Lore Lorentz bis Helene Wessel und Jeanette Wolff zeichnete Dertinger die Porträts von starken Frauen, die sich nicht nur über Steineklopfen für den Wiederaufbau hervortaten. In allen ihren Büchern kann die Journalistin und Reporterin ausgemacht werden, die von sich sagt, dass ihr die Recherche für die zeitgeschichtlichen Themen am meisten Freude bereitet habe. Das Lesen von Korrekturfahnen sei ihr dagegen schon immer ein Gräuel gewesen. Dabei dürfte gerade das Konzept und Lektorat zu dem 1978 von Willy Brandt herausgegebenen Buch „Frauen heute – Jahrhundertthema Gleichberechtigung“, ausschlaggebend für ihre Autorenkarriere gewesen sein. „Brandt war irrtümlicherweise der Auffassung, dass ich etwas von Frauenpolitik verstand“, erinnert sich Dertinger schmunzelnd über den von Willy Brandt erteilten Auftrag, ein Buch mit zahlreichen Frauenporträts zu entwickeln.

In dieser Zeit hatte sie schon ein Volontariat bei den Aachener Nachrichten und eine sich daran anschließende achtjährige Reporter- und Redakteurszeit hinter sich und saß nun als Redakteurin der SPD-Mitgliederzeitung im Erich-Ollenhauer-Haus an der Friedrich-Ebert-Allee. „Ich paukte Tag und Nacht linke Frauenpolitik, damit Brandt nicht merkte, dass ich viele Namen gar nicht kannte“, so Dertinger. „Brandt wusste unglaublich viel“, erinnert sie sich noch heute.

Ende 1980 beendete Dertinger ihre Arbeit in der SPD-Baracke und machte sich vorübergehend mit dem Pressedienst „Artikel 3“ selbstständig und begann ihre Karriere als Autorin.