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„Sense of Balance“ in der Trinitatiskirche: Wippen für mehr Gleichgewicht

„Sense of Balance“ in der Trinitatiskirche : Wippen für mehr Gleichgewicht

Kunst zum Draufsetzen: In der evangelischen Trinitatiskirche ist die interaktive Installation „Sense of Balance“ von Iris Hoppe für fünf Wochen zugänglich.

„Rede, wenn’s um einen Freund dir gilt“, heißt es im Kanon „Das Reden“ von Ludwig van Beethoven. „Rede, rede, einer Schönen Schönes sagen.“ Wenn diese Komposition in der Trinitatiskirche erklingt, dann weiß man: Es hat sich wieder jemand auf die Wippe gesetzt, die dort in den nächsten fünf Wochen steht. Und wenn dann die Musik zum Kanon „Das Schweigen“ wechselt, dann bedeutet das, es sitzen zwei Menschen darauf, und sie haben ein Gleichgewicht hergestellt. „Lerne schweigen, o Freund. Dem Silber gleichet die Rede, aber zu rechter Zeit schweigen ist lauteres Gold.“

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Das von Johann Gottfried Herder geprägte Sprichwort findet sich auch in den Materialien wieder, die hat die Künstlerin Iris Hoppe für ihre interaktive Installation verarbeitet hat: Der Balken ist goldfarben lasiert, das Untergestell silberfarben. Es geht um das Gleichgewicht, und zwar in allem, aber besonders im Miteinander. Hoppes Thema sind Grenzthemen: Sie will räumliche und emotionale Grenzen ausloten, sagte sie bei der Vernissage am Sonntag in der evangelischen Trinitatiskirche. Anfassen und Ausprobieren ist Teil des Werkes.

„Ich finde, dass in der Gesellschaft ziemlich viel schiefgeht“, sagte die gebürtige Solingerin, die bei Köln wohnt. Vor allem der Gebrauch von Verurteilungen und Hate Speech in den sozialen Medien mache ihr Sorgen. „Das hat doch einen Einfluss auf das Weltbild von jungen Menschen.“ Hoppe möchte „ein Bewusstsein für das oftmals verlorene Gleichgewicht in der zwischenmenschlichen Kommunikation“ schaffen. Indem sich Besucher der Kirche auf der Wippe bemühen, behutsam ein Gleichgewicht herzustellen, müssen sie sich aufeinander einstellen. Das sei „eine Form der Sensibilisierung“.

Gesellschaftliches Spannungsfeld

Man kann das aber auf jegliche Weise interpretieren, es auch auf die Corona-Pandemie beziehen: Vorher habe sich ein gesellschaftliches Spannungsfeld zwischen den Menschen aufgebaut, sagte die Künstlerin. In den Lockdown-Phasen wurde es durchbrochen, Menschen waren auf engem Raum miteinander, eine ganz andere Art von Miteinander wurde ihnen aufgezwungen.

Aber die Installation, die den Titel „Sense of Balance“ trägt, ist kein Kind der Pandemie, sondern entstand schon 2019: Hoppe hatte die Idee dazu als Beitrag zum Kunstwettbewerb „Beethoven 2020“ eingereicht. Gewonnen hat sie nicht, aber verwirklichen wollte sie die Wippe trotzdem. Sie bemühte sich um ein Künstlerstipendium vom NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft und erschuf die acht Meter lange Wippe, die mit Hasenfell überzogen ist – im Gedenken an Joseph Beuys‘ Angewohnheit, ein solches an seiner Brusttasche zu befestigen.

„Es ist interessant: Kirchen scheint diese Arbeit sehr gut zu gefallen“, bemerkte Hoppe. Die Wippe stand zuerst im Atrium der Lutherkirche Köln, wo es die Künstlerin Alice Musiol sah, und dann in der katholischen Bundeskirche in Emmerich. Musiol stellte den Kontakt zum Arbeitskreis Kunst und Kirche der Trinitatiskirche in der Brahmsstraße 14 her. Dort führte am Sonntag Susannah Cremer-Bermbach in das Werk ein, das bis 15. August zu sehen ist: dienstags bis samstags 10 bis 19 Uhr sowie sonntags 12 bis 14 Uhr und 16 bis 18 Uhr.