Tierische Bundespolitik in Bonn Hunde müssen draußen bleiben

Bonn · Im April 1954 sorgten Haustiere von Politikern in Bonn für Gesprächsstoff. Ihnen wurde der Zutritt zum Bundestag verwehrt.

 Fische hatten es ihm angetan: Helmut Kohl mit seinem Aquarium im Kanzlerbüro.

Fische hatten es ihm angetan: Helmut Kohl mit seinem Aquarium im Kanzlerbüro.

Foto: GA Archiv

Nicht nur Alice hat im Wunderland Bekanntschaft mit Kaninchen gemacht. Ausgewählte Gäste von US-Vizepräsident Mike Pence durften dem Familienmitglied Marlon Bundo die Ohren streicheln. Mikes Ehefrau Karan machte den Nager mit einer Kinderbuchtrilogie sogar bekannt. Viele US-Präsidenten brachten Hunde ins Weiße Haus, William Howard Taft auch eine Holsteiner-Kuh namens Pauline (zumindest in den Garten). Joe Biden hält einen Deutschen Schäferhund namens Commander.

Aber auch in der Bonner Republik standen Tiere hoch im Kurs. Willy Brandt umgab sich in seiner Bonner Zeit als Außenminister und Bundeskanzler gleich mit mehreren Hunden. Darunter waren der Golden Retriever Bastian und die Zwergpudeldame Julichen, vor allem aber der weiße Kuvasz Husar, ein ungarischer Hirtenhund, der einen SPD-Parteikollegen in der Familienvilla auf dem Venusberg gelegentlich entschlossen ins Bein biss. Allerdings hatte ersterer dem schlafenden Hund auch vorher auf den Schwanz getreten.

Im April 1954 widmete der General-Anzeiger der Tatsache einen eigenen Bericht, dass trotz aller Tierliebe nur Zweibeiner Zutritt zum Bundestag haben. Das hatte Folgen: So sei mit Beginn der warmen Tage ein rotbrauner Spaniel vor dem Portal des Bundeshauses gesichtet worden. Ein Korrespondentenhund namens Dandy, wie Recherchen der Zeitung ergaben. In Obhut des Parlamentspförtners wartete er auf seinen Besitzer.

Ebenfalls vor den Toren des Parlaments, aber nicht in freundschaftlicher Verbundenheit mit Dandy, wartete Loisl lieber bequem im Wagen von FDP-Chef Thomas Dehler. In einem anderen Auto saß – hoffentlich bei geöffnetem Fenster – Flocki, die vierbeinige Freundin des Abgeordneten Linus Kather. Letztere wurde seitens eines Parlamentarier-Kollegens ungehörigen und streitlustigen Bellens bezichtigt. Aus dem Fenster seiner Wohnung habe er Flocki und ihren Halter regelmäßig beim Gassigehen beobachtet. Allerdings maß der schreibende Redakteur der Anschuldigung wenig Bedeutung bei, da der Urheber als Halter eines Katers namens Julius sich eben nicht auf Hundehaltung verstehe.

Großes Seewasseraquarium im Büro

Tatsächlich waren 1954 selbst innerhalb des Bundeshauses Tiere zu finden. Der Chef des Bundespresseamtes, von Eckhardt, hielt in seinem Büro nicht nur einen roten Kardinal aus Südamerika. Er betrieb dort auch ein großes Seewasseraquarium mit Fischen aus dem Mittelmeer, mit Strandkrabben und Hornkorallen. Das wirke wie Nervenbalsam auf gestresste Naturen. Seine Empfehlung, auch in der Wandelhalle vor dem Plenarsaal ein großes Aquarium aufzustellen und mit siamesischen Kampffischen – durch Glasscheiben getrennt – zu besetzen fand indessen keinen Widerhall. Helmut Kohl indessen mag die Idee Jahrzehnte später gefallen haben. Der Pfälzer ist – bezogen auf Tiere – neben dem von ihm favorisierten Saumagen auch für das Aquarium in seinem Bonner Kanzlerbüro bekannt geworden. Viele Beobachter hielten das Wassermöbel seinerzeit für provinziell. Heute ist es Teil der Sammlung im Haus der Geschichte – allerdings unbesetzt. Nachdem das Aquarium lange als verschollen oder zerbrochen galt, war es bei einer Frau in Norddeutschland wieder aufgetaucht.

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