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Impfkampagne in Bonn: Initiative will „Sorgenherbst“ verhindern

Impfkampagne in Bonn : Initiative will „Sorgenherbst“ verhindern

Eine Initiative aus Geschäftsleuten, Ärzten und Politiker in Tannenbusch macht auf die Stadt Bonn Druck, den Menschen in dem dicht besiedelten Stadtteil so schnell wie möglich vor Ort ein niedrigschwelliges Impfangebot gegen Corona zu unterbreiten.

Der Inzidenzwert in Bonn liegt mittlerweile im einstelligen Bereich, aber ein Grund zur Entwarnung ist das aus Expertensicht nicht. Die sogenannte Deltavariante bereitet ihnen Sorge, weil sie ansteckender ist als alle bisherigen Mutationen. Gesundheitsminister Jens Spahn warnt gar, auf einen Urlaubssommer dürfe kein „Sorgenherbst“ folgen. Deshalb sollten sich so viele Bürger wie möglich impfen lassen. Einen „Sorgenherbst“ befürchtet auch eine Initiative für die Menschen in Tannenbusch, wenn dort nicht bald eine Sonderimpfkampagne in Gang gesetzt werde.

In dem Stadtteil wohnen viele Menschen auf engem Raum zusammen, die Gefahr ist also groß, dass sich die Infektionen wieder schneller als anderswo ausbreiten, argumentiert die Initiative, der Ärzte, Geschäftsleute und örtliche Politiker angehören. Sie fordern vom städtischen Krisenstab mehr Einsatz und Ideen, wie eine solche Kampagne umgesetzt werden kann.  Bisher habe sich die Stadt Bonn lediglich darauf zurückgezogen, sie habe sich ja beim Land um zusätzliche Impfdosen für niedrigschwellige Impfangebote beworben, sei aber bisher nicht zum Zuge gekommen.

Impfspenden von Hausärzten als Idee

„Wir wissen, dass die Stadt den Impfstoff nicht bekommen kann, aber man könnte doch eine Kampagne in Bonn starten und Hausärzte bitten, für diesen Zweck Impfdosen abzugeben“, schlägt Philipp Seehausen vor, der mit seiner Buchhandlung inzwischen in der früheren Sparkassenfiliale am Paulusplatz zu Hause ist. In einem Pressegespräch stellten er sowie der örtliche SPD-Politiker Nico Janicke und Vize-Unterbezirksvorsitzender Max Biniek dem GA ihre Ideen vor, wie die Stadt Bonn mit Impfteams schon jetzt in Tannenbusch unterwegs sein könnte.

Zuvor hatten sie im Mai der Stadt Bonn einen offenen Brief geschrieben, in dem sie kritisierten, dass sie „viel zu zögerlich“ sei, obwohl in den als Corona-Hotspots identifizieren Stadtteilen wie Tannenbusch dringender Handlungsbedarf bestehe.  „Jetzt haben wir schon Juni, aber passiert ist nichts“, klagt Biniek. „Die Stadt könnte im Rahmen einer Solidaritätskampagne alle Ärzte bitten, einen Teil ihre Impfdosen für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen, zumal ja auch nicht alle Ärzte impfen“, schlägt er vor.

Er habe selbst bei ihm bekannten Medizinern die Probe aufs Exempel gemacht und auf einen Schlag auf diese Weise 50 Impfdosen bekommen können. Die katholische Kirchengemeinde habe sogar angeboten, ihre Außenfläche für ein Impfzentrum bereitstellen zu wollen. Auch seien die Vereine in Tannenbusch gut miteinander vernetzt, auf ihre Unterstützung könne man ebenfalls zählen, ist Janicke überzeugt.

Arzt Moroni: Viele schätzen die Gefahr nicht richtig ein

Einer der Ärzte, die die Initiative mitbegründet haben, ist der Zahnarzt Manuel Moroni, der seine Praxis an der Schlesienstraße hat. Er hat bereits vor Jahren in Tannenbusch die Dr. Moroni Stiftung für Integration und Bildung von Jugendlichen gegründet. Moroni kennt viele Familien in dem Stadtteil persönlich und weiß, für die Impfkampagne benötigt man nicht nur genügend Impfdosen, sondern man müsse auch viel Beratungs- und Überzeugungsarbeit leisten. „Ich sehe, dass vor allem jüngere Bewohner hier im Ort die Gefahr nicht richtig einschätzen und auch nicht erkennen, dass es nicht nur um den eigenen Schutz, sondern vor allem um den Schutz der Gemeinschaft geht.“  

Auch sei ein niedrigschwelliges Angebot wichtig, weil es nicht wenige Menschen mit Migrationshintergrund gebe, die sich aus ihrem Wohnumfeld nicht heraustrauten. Vor allem, wenn sie kein Deutsch sprechen könnten. „Ich kenne einige, die noch nie in der Bonner Innenstadt waren.“ Moroni macht keinen Hehl aus seiner Enttäuschung über die Stadtspitze. Er verstehe zwar, dass sie sich mit neuen Strategien und dem dafür nötigem Personal beschäftigten müsse, um ihre Ziele umsetzen zu können. „Ich wünschte mir aber, sie würde mehr Augenmerk auf die akuten Probleme hier in Tannenbusch richten, die die Pandemie mit sich bringt.“

Damit spricht er Seehausen aus der Seele: „Der Flyer, mit dem die Stadt Bonn jetzt fürs Impfen wirbt, reicht nicht aus. Viele der Menschen hier können gar nicht lesen“, weiß Seehausen, der sich schon lange an der Aktion zur Leseförderung in Tannenbusch beteiligt und dafür regelmäßig Bücher spendet. Er hat zudem rund 40 Comics mit dem Titel „Das geheime Tagebuch eines miesen Virus’“ für die Tannenbuscher Grundschulen angeschafft, in dem kindgerecht erklärt wird, was Corona ist und was das Virus bewirken kann. „Die Familien erreicht man am besten über die Kinder. Wir haben weitere 200 Comics bestellt, die wir in den kommenden Wochen vor allem über die Schulen verteilen wollen.“

Auf Nachfrage, wann denn die Stadt glaubt, eine Impfkampagne in Stadtteilen wie Tannenbusch starten zu können, hieß es vor einigen Tagen aus dem Stadthaus: „Eine niederschwellige Impfkampagne kann es erst geben, wenn Impfstoff da ist. Wir haben das im Blick.“