1. Bonn

Urteil im WCCB-Prozess: "Kim ging mit hoher krimineller Energie vor"

Urteil im WCCB-Prozess : "Kim ging mit hoher krimineller Energie vor"

Die Erschütterung ist Man-Ki Kim deutlich anzusehen, als er den Richterspruch hört: Die Bonner Wirtschaftsstrafkammer verurteilt den gescheiterten Investor des World Conference Center Bonn (WCCB) wegen zweifachen Betruges im besonders schweren Fall und Abgabe einer falschen Eidesstattlichen Versicherung zu sechseinhalb Jahren Haft.

Damit bleibt das Gericht zwar unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die sieben Jahre Haft gefordert hatte. Dennoch hat sich die Hoffnung des 52-Jährigen zerschlagen, nach 28 Monaten U-Haft möglichst sofort auf freien Fuß und zu seiner Familie in die USA zu kommen.

Nicht minder geschockt sind Kims ehemalige Rechtsberater über die Entscheidung des Gerichts: Ha-S. C., der Rechtsanwalt mit Kanzlei in Hessen, wird wegen Betruges im besonders schweren Fall und Bestechung zu drei Jahren und drei Monaten Freiheitsentzug verurteilt, der mehrfach vorbestrafte 66-jährige Jurist ohne Anwaltszulassung, Wolfditrich Thilo, erhält wegen Beihilfe zum besonders schweren Betrug zweieinhalb Jahre Haft. Sie hatten beide auf Freispruch gehofft, zumindest aber auf Bewährungsstrafen.

Doch das Gericht unter Vorsitz von Richter Jens Rausch hat an diesem 120. Prozesstag keinen Zweifel daran, dass Kim und C. gemeinsam die Stadt und ihre Politiker bewusst über die wahre Identität von Kims Firma SMI Hyundai getäuscht haben, um den Auftrag für das WCCB zu bekommen.

"Denn Kim", so Richter Rausch in der über dreistündigen Urteilsbegründung, "erkannte das Potenzial und die Außenwirkung dieses Kongresszentrums und dachte daran, es als Referenz für andere Baupläne zu nutzen. Seine Vision war ein weltweites Imperium, und der Zugriff auf ein kostenloses Millionen schweres Grundstück wollte er für seine Pläne in Libyen nutzen", so der Richter. Und genau in der Übertragung des Baugrunds im Wert von mindestens zehn Millionen Euro, so Rausch, liege der Schaden für die Stadt Bonn.

In groben Zügen skizziert Rausch den Gang, den das Verhängnis nahm von dem Moment an, als der anfänglich von der Stadt favorisierte Heinz-Dieter Kals und Man-Ki Kim sich in New York kennenlernten. Kals holte Kim als Mit-Investor ins Boot - und wurde im Mai/Juni 2005 selbst ausgebootet. Kim war nun der alleinige Favorit, auch dank des städtischen Investorenberaters Michael Thielbeer, der Kims Firma Wirtschaftlichkeits- und Finanzierungsgeschäft Bestnoten gab.

Auf Grundlage von Kims Informationen. Als Bestechung der WCCB-Projektleitung wertet es das Gericht, dass C. auf Wunsch der WCCB-Beauftragten Eva-Maria Zwiebler die Zahlung von Thielbeers Beraterrechnung von 32.000 Euro veranlasste.

Kim hatte C., der als Anwalt in Deutschland auch große koreanische Firmen aus dem Hyundai-Konzern vertrat, engagiert. Kim brauchte den perfekt Deutsch sprechenden Anwalt nicht nur als Rechtsberater, sondern auch als bevollmächtigten Vertreter in Bonn. Aber C. trat auch als Sprecher von Kims Firma SMI Hyundai auf, und niemand in Bonn ahnte, dass das Unternehmen erst kurz zuvor aus der Taufe gehoben worden war, und wofür der Name SMI stand: S(uzie), M(imi), I, also Kims Tochter, Ehefrau und er selbst.

Für das Gericht steht fest: Kim brauchte für seine Firma ein Renommee, das sie nicht hatte. "Und so griff er auf das amerikanische Modell der Übertreibung zurück und stellte seine Firma als großes potentes Unternehmen dar", sagt Rausch. In Präsentationen vor Bonns Politikern erweckten Kim und C. den Eindruck, dahinter stehe der Weltkonzern Hyundai, der Bonn als Europa-Standort für ein Kongresszenrum auserkoren habe. Denn Kim wollte den Auftrag unbedingt, "obwohl er keine konkreten Vorstellungen hatte, wie er das mit seiner Firma schultern sollte", so Rausch. Und das Täuschungsmanöver von Kim und C. wirkte: "In ganz Bonn herrschte Euphorie", so Rausch. Das hätten die Ratsmitglieder ausgesagt. Die Medien berichteten von Kims Firma als "größtem Baukonzern der Welt", "und beide Angeklagte korrigierten diese Darstellung nicht", sagt Rausch.

Als dann auch noch die städtischen WCCB-Beauftragten Kim ein gutes Zeugnis ausstellten und die Sparkasse ihr Okay für den Kredit an Kim gab, war das Schicksal der Stadt besiegelt: Der Rat erteilte Kim den Zuschlag, Dass die Sparkasse den Kredit nur zusagte, weil die Stadt sich per Nebenabrede zur Bürgschaft verpflichtete, ahnte niemand. Und auch nicht, was hinter den Kulissen abgelaufen war.

"Es gab ein Gespräch zwischen WCCB-Projektleiter Arno Hübner, Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann und Sparkassenchef Gustav-Adolf Schröder, weitere Erkenntnisse hat das Gericht nicht", erklärt Rausch dazu. Doch nach der Vertragsunterzeichnung zeigten sich Kims Finanzierungsprobleme. "Das Projekt droht von Anfang an zu scheitern, denn Kim findet nirgendwo die geforderten zehn Millionen Eigenkapital", so Rausch. Auf seiner verzweifelten Suche landete Kim bei der Firma Arazim, die ihm das Geld gab - zu horrenden Zinsen und mit der Maßgabe, das WCCB-Projekt an sie zu verpfänden, sollte er nicht fristgerecht zurückzahlen. Kim konnte nicht zahlen, und im Februar 2008 wechselte das WCCB den Eigentümer.

Doch Kim brauchte mehr Geld und erhielt zig Millionen von der Investmentfirma Honua. Sein neuer Rechtsberater Thilo half ihm dabei, indem er in einem Rechtsgutachten bescheinigte, dass Kim einziger WCCB-Eigentümer sei. Für das Gericht nun Kims zweiter schwerer Betrug mit 32 Millionen Schaden für Honua.

Die Beweise für diesen Tatablauf sind für das Gericht erdrückend, und alle gegenteiligen Beteuerungen der Angeklagten sind für die Kammer reine "Konstruktionen und Schutzbehauptungen". Für die Strafzumessung erklärt das Gericht: "Kim ging mit hoher krimineller Energie vor und nutzte Dritte für seine Zwecke aus." Aber es stellt auch fest: "Kim kam nicht mit dem Ziel, eine Stadt auszusaugen." Und, so Rauch: "Er fand bei der Stadt ideale Rahmenbedingungen, denn die wollte das Projekt unbedingt." Weiter geht das Gericht nicht auf die Rolle der städtischen Verantwortlichen ein, die vor derselben Kammer angeklagt sind. Berücksichtigt wird auch Kims Haftempfindlichkeit als Fremder ohne familiäre Bindung und der Ruin seiner Geschäfte und seines Rufs.

Nach GA-Informationen kann Kim nach der Hälfte der Haft entlassen und abgeschoben werden. C. und Thilo können, falls es bei dem Urteil bleibt, ihre Strafen einem Landeserlass zufolge im Offenen Vollzug verbüßen. Sofort nach dem Urteil kündigen alle drei Revision an. Kims Verteidiger Walther Graf und Matthias Sartorius erklären zum Urteil: "Wir sind enttäuscht, aber nicht überrascht. Der Prozessverlauf hat gezeigt, dass sich Kims Befürchtungen, zum Sündenbock für das WCCB-Desaster zu werden, sich bewahrheitet haben." Sie hätten sich gewünscht, dass die Spitzen von Stadt und Sparkasse zur Wahrheitsfindung beigetragen hätten.

Chronik 2005 bis 2011

  • 10. November 2005: Grundsatzzusage der Sparkasse KölnBonn, der Bauherren-GmbH des Investors Man-Ki Kim (SMI Hyundai Corporation) maximal 104,3 Millionen Euro (enthalten: 30 Millionen zur Eigenkapital-Vorfinanzierung) für das WCCB zur Verfügung zu stellen (nicht-öffentlich: Stadt sagt eine Bürgschaft zu).
  • 14. Dezember 2005: Der Stadtrat beschließt, dass Kim WCCB-Investor wird. Er soll ein Konferenzzentrum mit 352-Zimmerhotel für 139 Millionen errichten. Der Bund schenkt das Grundstück (Wert ca. 43 Millionen), das Land NRW gibt einen Zuschuss von 35,7 Millionen. Kim/SMI soll 40 Millionen Eigenkapital beisteuern.
  • 7. Februar 2007: Kim leiht sich von Arazim Ltd. (Zypern) 10,3 Millionen zu rund 60 Prozent Zinsen und Gebühren.
  • 19. März 2007: Unterzeichnung der bürgschaftsähnlichen Nebenabrede zwischen Sparkasse und Stadt Bonn über 74,3 Millionen.
  • 15. Mai 2007: Grundsteinlegung mit feierlicher Zeremonie.
  • 26. November 2007: Die Baukosten steigen auf 169 Millionen (nicht-öffentlich).
  • 4. Februar 2008: Aus einem städtischen Worstcase-Papier: "Es muss ein Imageschaden vermieden werden, der zu bundesweiten Schlagzeilen führen würde."
  • 2. Februar 2009: Neue Baukostenprognose: 210 Millionen (nicht-öffentlich).
  • 20. Juli 2009: Die Stadt bürgt für weitere 30 Millionen. Zusätzlich sollen 30 Millionen von Honua (Hawaii) kommen, obwohl das WCCB längst an Arazim verpfändet ist.
  • 2. April 2010: Fazit des Rechnungsprüfungsamtes zum WCCB: Die Baukostensteigerung von 60 Millionen sei nicht plausibel dargestellt worden, das Städtische Gebäudemanagement habe kein effektives Controlling durchgeführt. Wörtlich: "In der Außendarstellung feierte man 2008 das Richtfest der “Visitenkarte von Bonns neuer Mitte„, intern diskutierte man bereits eine Baukostensteigerung von 43 Mio. und ließ rechtliche Bewertungen zu Heimfall und Insolvenzen erstellen."
  • 30. September 2011: Beginn des ersten WCCB-Prozesses. (ww)