1. Bonn

Kunstaktion am Bonner Hofgarten

Kunstaktion am Bonner Hofgarten : 32-Jähriger lebt zwei Tage lang in einem gläsernen Wohncontainer

Mit seiner Aktion möchte der 32-jährige Alanus-Student auf Probleme im Gesundheitssystem aufmerksam machen. Zwei echte Pflegekräfte werden ihn während der Performance begleiten und sich um ihn kümmern. Auch Toilettengänge sollen in dem Container stattfinden.

Ein verglaster Wohncontainer, eingerichtet als Patientenzimmer ist für ein Wochenende lang die Bühne von Simon Theis. Am Rande der Hofgartenwiese will der 32-jährige Künstler mit seiner Installation und Performance „Der verlassene Patient“ auf Probleme im Gesundheitssystem aufmerksam machen.

Mit Pflegebett und Toilette im Container taucht der Alanus-Student zweieinhalb Tage lang in die Rolle eines pflegebedürftigen Menschen. Zwei echte Pflegekräfte unterstützen Theis bei seiner Performance und erledigen Aufgaben, wie das Bereitstellen von Waschutensilien und Mahlzeiten oder leisten Hilfestellungen bei der Körperpflege. Die Toilettengänge sollen ebenfalls im Container erfolgen, sagt der Künstler.

Inszenierung und Selbstexperiment

„Die Handlungen sind als echte Vorgänge sichtbar, werden aber diskret durchgeführt.“ Privatbesuche von Freunden und Verwandten soll es nicht geben. „Die Performance bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Selbstexperiment“, erklärt Theis. Vor seinem Studium an der Alanus-Hochschule in Alfter arbeitete er als examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger in der Notaufnahme eines Krankenhauses.

Seine Erfahrungen sind die Grundlage für die lang geplante Performance, welche „die Unzulänglichkeiten“ im Gesundheitssystem offenlegen soll. „Erst mit der direkten Einkehr von Betroffenheit spürt der Patient, der er plötzlich ist, wie sehr er sich von Lebensprozessen entfremdet hat. Zugleich wird mit dieser Entfremdung der Boden dafür bereitet, dass das Gesundheitssystem insgesamt sich nahezu ungestört zum Nachteil von sozial verträglichen Prozessen, von Wahrnehmung und Wertschätzung des Patienten als Mensch betriebswirtschaftlich und marketingstrategisch optimierten Workflows zuwendet“, schildert Theis. Diese Entwicklung sei in der Krankenpflege besonders deutlich auszumachen: „Der Patient, der pflegebedürftige Mensch, verschwindet hinter wirtschaftlichem Druck, leidet und vereinsamt.“ Theis will mit seiner Kunst aufrütteln, aber nicht politisieren, wie er betont.

Projekt soll „scheinbar Unsichtbares“ sichtbar machen

„Das Projekt soll scheinbar Unsichtbares sichtbar machen und dabei über die Wahrnehmung ein Bewusstsein für etwas fördern, zu dem viele Menschen ein entfremdetes Verhältnis entwickelt haben. Pflege betrifft uns alle. Wir als Bürgerinnen und Bürger gestalten die Bedingungen, unter denen sie erfolgt.“ Demnach werde nur ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein Bedingungen in einem Gesundheitssystem ändern können. „Sind wir als Einzelne plötzlich direkt oder indirekt betroffen, ist es grundsätzlich zu spät dafür, ändernd beziehungsweise verbessernd in das Gesundheitssystem einzuwirken“, meint Theis.

Die Passanten können die Aktion allerdings nicht gleich zu ordnen, wie man am Freitagabend feststellen konnte. Ein junger Mann dachte zuerst, dass es sich um einen Impfcontainer oder ein Testzentrum handle. Erst auf dem zweiten Blick erkannte er die Aktion. Er fand diese „cool“, weil dabei auch etwas passiere und es nicht nur ein starres Bild sei. „Uns hat das neugierig gemacht und habe deshalb mal gefragt, was das ist. Dass es eine Kunstaktion ist, habe ich mir schon fast gedacht“, so Ingrid Schulz.

Simon Theis studiert seit 2018 an der Alanus Hochschule

Seit 2018 studiert Simon Theis Philosophie, Kunst und Gesellschaft. Mit dem Projekt tritt er als Debütant erstmals mit einer Kunstaktion dieser Größe in der Öffentlichkeit auf. Die Kosten für die Aktion belaufen sich auf mehrere Tausend Euro. Die Hälfte der Ausgaben übernimmt Theis aus eigener Tasche. Die andere Hälfte bekommt er vom Förderverein der Alanus und aus einem Crowdfunding. Unterstützung bekommt Theis außerdem von der Universität Bonn, die seine Aktion genehmigt hat. „Ich bin froh, dass die Universität Bonn mir ihr Privatgelände für die Installation zur Verfügung stellt“, sagt er. Noch bis Sonntagnachmittag um 17 Uhr will Theis in dem Container leben – dann bringt ihn ein Taxi nach Hause.