1. Bonn

Nach vierjähriger Sanierung: Bonner Münster feierlich wiedereröffnet

Nach vierjähriger Sanierung : Bonner Katholiken feierten Wiedereröffnung des Münster

Münsterchor und Münsterschola, kritische und kämpferische Worte von Stadtdechant Wolfgang Picken und zum Abschluss eine Vernissage: Am Vorabend von Allerheiligen feierten die Bonner Katholiken die Wiedereröffnung ihrer Münsterbasilika nach vierjähriger Sanierungspause mit einer Messe.

Sie gehört einfach zu Bonn, wie jeder weiß, der schon einmal bei der Rückkehr nach längerer Abwesenheit von weitem ihre Türme erblickt hat. Seit Sonntagabend ist auch der Innenraum der Münsterbasilika als Resonanzraum für Heimatgefühle, vor allem aber als ein geistliches Zentrum der Stadt an seinen angestammten Platz in der Mitte der Bonner zurückgekehrt. Dies natürlich nur im übertragenen Sinne: Doch gerade aus Sicht der katholischen Gemeinde verursachte die vierjährige Sanierungsphase und die mit ihr verbundene Schließung der Kirche eine schmerzhafte Lücke.

Wie sehr den Gläubigen angesichts der Wiedereröffnung nun zum Feiern zumute war, davon zeugte die festliche Stimmung im restlos gefüllten Kirchenschiff. Ebenso wie ins Internet wurde das Geschehen in die gleichfalls vollbesetzte Krypta sowie in den Gangolfsaal nebenan übertragen. Und hätte Corona den Gästen nicht zwangsläufig feste Sitze zuweisen lassen, die Kirche wäre mutmaßlich auch bis auf den letzten Stehplatz gefüllt gewesen. Viele bekannte Gesichter waren zu sehen, unter ihnen Altbürgermeister Hans Daniels und zahlreiche Vertreter von Politik, Wirtschaft, Handel, Universität, Karneval, Brauchtum, Kultur und Wohlfahrtsverbänden.

Viele namhafte Gäste nahmen teil

Die Stadt vertraten Bonns stellvertretende Bürgermeisterin Melanie Grabowy und Kulturdezernentin Birgit Schneider-Bönninger. Ebenfalls auf der Gästeliste: Landtagsabgeordneter Guido Déus, Ex-Regierungssprecher Friedhelm Ost, die frühere Bad Godesberger Bezirksbürgermeisterin Annette Schwolen-Flümann und ihr amtierender Nachfolger Christoph Jansen (alle CDU), Karin Clement, Gattin des früheren Ministerpräsidenten Wolfgang Clement, Uni-Rektor Michael Hoch, Verfassungsrechtler Udo di Fabio, sein emeritierter Kollege Josef Isensee, die Bonner Orgelbauer (und Erzeuger der Münster-Orgel) Hans Gerd und Philipp Klais, Unternehmerin Susanne Birkenstock und Schriftstellerin Renan Demirkan.

So mannigfaltig wie die Gästeliste waren auch die Worte, mit denen die Bonnerinnen und Bonner ihre Freude über die Wiedereröffnung zum Ausdruck brachten. „Wir wohnen nebenan und das noch gar nicht so lange. Aber als Katholiken fühlen wir uns in der Gemeinde als Familie hervorragend aufgenommen, da haben wir natürlich gern an der heutigen Messe teilgenommen“, sagten Bianca und Stefan Schmitz, die mit ihren Söhnen Oskar und Theo dabei waren. Letzterer teilte sich als Kommunionskind unter anderem mit Altbürgermeister Ashok Sridharan und Polizeipräsident Frank Hoever die Fürbitten. Er habe als Junge früher selbst als Ministrant im Münster gedient, erzählte ein anderer Teilnehmer und nannte den Abend „ein großartiges Ereignis“. Und seine Frau berichtete, sie führe regelmäßig Gäste durch die Innenstadt und sei froh, dass „ich ihnen jetzt auch wieder unser Münster zeigen kann. Krypta und Kreuzgang sind wunderschön geworden“.

Endlich hinter den Bauzaun blicken

„Wir sind alte Bonner. Immer nur am Bauzaun vorbeigehen zu können hat auf Dauer eine Lücke bedeutet“, sagten Rosemarie und Theo Lammersmann aus Auerberg. Den Stadtdechanten kennen sie noch aus seiner Zeit als Kaplan in Sankt Josef. Sie freue sich riesig, dass es weitergeht, bemerkte eine ältere Dame, die sich als Mitglied des Münsterbauvereins zu erkennen gab: „Ich vermisse nur einen Mann, das ist Monsignore Schumacher. Den habe ich von Herzen gern gemocht. Herr Picken ist sicher ein würdiger Nachfolger. Er hat sehr gut gepredigt“, sagte sie im Anschluss.

Eine zweistündige Eucharistiefeier ging da gerade nahtlos in die Vernissage anlässlich der spektakulären Kunstausstellung „Licht und Transparenz“ über, mit der Künstler wie die ebenfalls anwesenden Anthony Cragg und Mariele Neudecker gemeinsam mit Kollegen wie Gerhard Richter die Basilika bis Ende Januar in völlig ungekannte Sphären heben.

Weihrauch und das erste Forte

Am Sonntag war es zunächst aber spirituelle Spannung, die sich in der andächtigen Stille auflud, bevor der Zug aus Messdienern, Chargierten der katholischen Bonner Studentenverbindungen, Vertretern der Orden und schließlich Stadtdechant Wolfgang Picken und seine Mitzelebranten begleitet von Weihrauch und dem Lied „Nun jauchzt dem Herren alle Welt“ durch den Hauptgang in Richtung Altar zogen.

Und spätestens, als Münsterchor, Münsterschola und Mitglieder weiterer Chöre begleitet von Blechbläsern und Orgel unter Leitung von Markus Karas und Sylvia Dörnemann mit Delibes’ „Messe brèves“ Säulen, Gewölbe und Apsis das erste Forte widerhallen ließen, da war manch einem im weiten Rund die Ergriffenheit deutlich anzumerken. Mächtig auch das „Sanctus“, abermals weihrauchumwoben das Glaubensbekenntnis und von belustigtem Gemurmel begleitet der Friedensgruß, für den der Stadtdechant als Kompensation des gewohnten Handschlags alle Anwesenden zu einem innigen Augen-Blick aufrief.

Picken: Fehler nennen und ahnden

Schon einmal am Abend hatte Picken für Erheiterung gesorgt. Nämlich mit dem Zusatz „Na dann mal los“, den er seiner Predigt hatte folgen lassen. Darin hatte er zunächst den Finger in die Wunde der Missbrauchsskandale gelegt und zugleich die Anschlussfähigkeit der Kirche angemahnt. Er schäme sich zutiefst für vieles, so Picken, „was sich als Realität der Kirche zeigt“. Es brauche „Licht und Transparenz“, also schonungslose Aufklärung, gepaart mit Konsequenz, die den Opfern gerecht werde und Fehler der Verantwortlichen nenne und ahnde. Aber: Wo man von „Licht und Transparenz“ spreche, zeigten sich nicht nur Schatten und Defekte, sondern auch Schönheit, Vielfalt, Tiefe und Weite. Picken: „Es gibt immer eine Gleichzeitigkeit von Gut und Böse, von Hell und Dunkel.“ Das gelte auch für die Kirche. Es sei deshalb „dringend nötig, das Licht heller zu schalten“, etwa um denjenigen gerecht zu werden, die in der Kirche ihren Dienst am Nächsten leisten.

Der Applaus der Gemeinde bildete beinahe die vorgezogene Überleitung zum Abschlusslied: „Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land.“