1. Bonn

So hat eine Bonnerin das Abitur während Corona erlebt

Mit dem Virus durchs Abi : So hat eine Bonnerin das Abitur während Corona erlebt

Für die Bonner Abiturientin Freya Dieckmann und ihre Mitschüler war die schriftliche Mathe-Klausur tückisch. Sie hat eine Petition unterschrieben mit dem Ziel, eine Neubewertung zu erreichen.

Ich sitze vor meinem Handy und warte gebannt auf das Ergebnis. Es ist nicht mein erster Corona-Schnelltest, aber der Wichtigste. Denn er ist mein Ticket für das Abitur in diesem Corona-Jahr, unter dessen Stern auch die Prüfungen meines Jahrgangs am Beethoven-Gymnasium 2021 stehen. Wir Schülerinnen und Schüler haben uns mittlerweile damit abgefunden, dass es keine Abifeier und schon gar keinen Abiball geben wird. Das Einzige, worauf wir uns jetzt konzentrieren, sind die Prüfungen, die wir trotz Corona so gut wie möglich machen wollen. Was also, wenn der Test positiv ist? Oder wenn das Ergebnis fälschlicherweise positiv angezeigt wird? Als ich endlich den Barcode des Testzentrums einscanne und ein grünes „Negativ“ auf meinem Bildschirm aufblinkt, bin ich für einen kurzen Moment so erleichtert, als hätte ich die Prüfung schon hinter mir. Der große Schock steht allerdings noch bevor…

Meine erste Leistungskurs-Klausur ist Französisch. Bei allen Klausuren ist der negative Testbeleg wortwörtlich unsere Eintrittskarte zu den Prüfungen. Vor der Turnhalle sitzt ein Lehrer, der unsere Tests, wie bei einer Einlasskontrolle, genau überprüft und uns dann durchwinkt. FFP2-Masken bzw. OP-Masken sind Pflicht. Mit großem Abstand sitzen wir alle voneinander entfernt an unseren Tischen.

Turnhalle wird bei Regen und Kälte zur Eiskammer

Wie bei allen folgenden Klausuren auch schreiben wir in der Turnhalle. Ein Ort, der bei schönem Wetter gemütlich warm sein kann, bei viel Sonne aber schnell überhitzt und bei Regen und Kälte zur Eiskammer wird. Während der Französisch-Klausur scheint anfangs die pralle Sonne durch die Fenster und bringt uns alle unter den dicken FFP2-Masken zum Schwitzen. Generell wird während aller Prüfungen auf die Hygiene-Maßnahmen geachtet. Das bringt auch einige Einbußen mit sich, die von vielen bedauert werden. Zum Beispiel gibt es dieses Jahr nicht die sonst so beliebten Snacks aus der Cafeteria mit belegten Brötchen und Obst. Stattdessen steht am Turnhallen-Eingang ein Korb mit abgepackten Riegeln. Jede und jeder baut sich einen eigenen Turm voll mitgebrachter Nervennahrung auf. Man muss sich also selbst versorgen. Das transportiert keine wirkliche Atmosphäre von Gemeinsamkeit.

Am Tag meiner zweiten Leistungskurs-Klausur in Deutsch herrscht draußen eisige Kälte. Viel zu kalt für Anfang Mai! Wegen des obligatorischen Dauer-Lüftens frieren mir während des Schreibens beinahe die Finger ab. Die anderen zittern ebenso vor Kälte wie ich. Wir wissen, dass das Lüften unserem Schutz dient, aber am liebsten würden wir uns in diesem Moment nur um unsere Textanalysen und Interpretationen kümmern.

„Dann der Schock. Was sind das für Aufgaben?“

Ich spreche eine Lehrerin an und muss in der Tat ziemlich frierend wirken, denn sie bietet mir an, Decken für uns zu besorgen. Etwas später kehrt sie mit einem Stapel zurück, den sie an die Frierenden verteilt. Der nächste Lehrer, der Aufsicht hat und uns derartig eingehüllt vorfindet, muss leise lachen. So etwas erlebt man auch nur beim Corona-Abitur 2021!

Nun habe ich also schon zwei Prüfungen hinter mir, aber die, vor der ich am meisten aufgeregt bin, steht mir noch bevor: Mathe. Nicht nur wir Abiturienten, auch die Medien haben vorab viel spekuliert, ob die Prüfungen dieses Jahr leichter gemacht werden, um so den erschwerten Bedingungen gerecht zu werden. Ich bin eigentlich guter Dinge. Decke, Smoothie, Studentenfutter, alles ist perfekt vorbereitet. Die Mathelehrer bekommen beim Zentralabitur insgesamt vier Klausuren zu drei Themenfeldern von der Landesregierung gestellt. Davon dürfen sie einen Teil herausnehmen, sodass wir am Ende drei Klausurteile bearbeiten müssen. Wir bekommen die Klausur ausgeteilt und überfliegen alle hastig die Aufgaben. Viel Zeit haben wir nicht in Mathe, da muss alles schnell gehen. Doch dann der Schock. Was sind das für Aufgaben? Wieso werden nicht die Standard-Aufgabentypen abgefragt, wie sonst üblich? Und was ist bitte die Tangente zu einem unbekannten Punkt auf der zweiten Winkelhalbierenden?! Es hätte alles so glatt laufen können!

Auch die Lehrer sind überrascht

Aber dieses Jahr sind die Prüfungen anders. Die letzten drei Jahre wurde im Abitur immer der gleiche Aufgabentypus abgefragt, bei dem man die eingeübten Kompetenzen aus dem Unterricht anwenden musste. Im Unterricht haben wir uns immer nach den Klausuren der letzten Jahre gerichtet und hatten für dieses Jahr die gleichen Kompetenz-Abfragungen erwartet. Jetzt müssen wir plötzlich völlig andere Sachen als üblich berechnen. Nach der Klausur geht die Diskussion los. Alle regen sich auf: „Wir dachten, die nehmen Rücksicht auf uns wegen Corona – aber das? Das war viel zu schwer!“

Auch die Lehrer zeigen sich eher unglücklich und erklären, dass auch sie mit solchen Aufgaben nicht gerechnet hätten. Am Abend erscheint in unserer Whatsapp-Gruppe dann die Petition. Sie ist ein Antrag an den Landtag von NRW und fordert eine bessere Bewertung oder gar ein Neuschreiben der Matheklausur. Ich unterschreibe sie. Im Sekundentakt steigt die Zahl der Unterschriften. Bis Freitagnachmittag waren es bereits mehr als 14.000. Damit die Petition Erfolg hat, müsste eine Sammelklage eingereicht werden. Obwohl das gesteckte Ziel von 15.000 Unterschriften bald erreicht ist, stagniert der Vorstoß momentan. Zu einer Klage wurde noch nicht aufgerufen. Immerhin sind die Lehrer jetzt, wegen des Aufruhrs, sensibilisiert.

Das Abitur 2021 hatte also einige Überraschungen und Emotionen zu bieten – mal sehen, was da bis zur Zeugnisvergabe noch so kommt und wie es danach für uns, den Corona-Jahrgang, weitergeht.