GA-Talk „200 Jahre Weiberfastnacht“ Warum Frauen tun sollten, was sie wollen

Beuel · Bei einer Talkrunde im Zeughaus der Beueler Stadtsoldaten gingen prominente Gäste aus dem Karneval der Frage nach, wie die Weiberfastnacht die Frauenbewegung beeinflusst. Rückblick auf einen unterhaltsamen Abend mit gestandenen Revolutionärinnen und bekennenden Hardcore-Rechtsrheinern.

GA-Redakteur Holger Willcke begrüßt seine prominenten Gäste auf dem Podium im Zeughaus der Beueler Stadtsoldaten.

GA-Redakteur Holger Willcke begrüßt seine prominenten Gäste auf dem Podium im Zeughaus der Beueler Stadtsoldaten.

Foto: Benjamin Westhoff

In Düsseldorf sagen sie „Helau“, und durch Wuppertal geht kein Zoch, sondern nur eine Schwebebahn. Grund genug für GA-Redakteur Jörg Manhold, mit seiner Quetsch ein Loblied auf den Bonner und insbesondere den Beueler Karneval zu spielen. Für die GA-Talkrunde am Mittwochabend hat Manhold sogar ein neues Stück komponiert: „Op d’r schääl Sick ben isch jebore“. 100 Gäste erleben im Zeughaus der Beueler Stadtsoldaten diese Welturaufführung und singen und schunkeln fröhlich mit.

Stadtsoldaten-Kommandant Hans Hallitzky freut sich sehr, dass der GA-Talk wie schon vor zehn Jahren erneut im Zeughaus stattfindet: „Ich hoffe auf eine schöne Veranstaltung mit tollen Gesprächen“, sagt er, während sein fleißiges Thekenteam die ersten Bestellungen auf die hübschen Sonnenseite-Bierdeckel mit dem 200er-Logo stellt.

Das Geheimnis der Spachtelspitze

Wäscherprinzessin Sabrina I. (Michel) begrüßt die GA-Gäste mit einer kurzen Rückschau auf die Proklamation: „Das war grandios.“ Sie erläutert, wie sich die Ornate der Wäscherprinzessinnen durch kleine Details unterscheiden und warum die kostbare Spachtelspitze sie besonders gut kleidet. Obermöhn Ina Harder verrät, dass Sabrina I. nach Berlin reisen und das Land Nordrhein-Westfalen beim Bundeskanzlerempfang vertreten wird.

Dann geht es auf dem Podium ans Eingemachte, nämlich um die Leitfrage von Moderator und GA-Redakteur Holger Willcke: „Hat die Beueler Weiberfastnacht die Frauenbewegung beeinflusst?“ Von Gabriele Uelsberg kommt ein klares „Ja“, das die frühere Direktorin des Rheinischen Landesmuseums auch noch historisch unterfüttert, indem sie die geistigen Verbindungslinien zwischen den Wäscherinnen zur Zeit der französischen Revolution und dem pazifistischen Aufstand der Frauen 1824 in Beuel zieht. Gestandene, starke Frauen, die der Männerherrschaft geschlossen und solidarisch entgegentreten – das sind für Uelsberg die Tugenden der historischen Wäscherinnen, aber auch ein Auftrag für die Generation der Frauen von heute: „Das Gefühl der Solidarität und das gemeinsame Tun sind ganz wichtig.“

GA-Talkabend im Zeughaus​: 200 Jahre Beueler Weiberfastnacht​ - Bilder
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So schön war der GA-Talkabend im Zeughaus

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Ein guter Schuss Unberechenbarkeit und Anarchie

Kabarettistin Anka Zink beschreibt auf gewohnt humorvolle Art, 93 Prozent der Männer verträten die Ansicht, dass Frauen dafür da seien, ihnen Freude zu bereiten. „Und die anderen sieben Prozent interessieren sich nicht für Frauen.“ Von den historischen Beueler Wäscherinnen habe sie gelernt, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Frauen sollten tun, was sie tun wollen – und das nicht nur während der Beueler Weiberfastnacht, an der Anka Zink übrigens vor allem auch den Schuss Unberechenbarkeit und Anarchie sehr schätzt.

Ihr Kollege Rainer Pause zeigt sich offen für den Wechsel von Geschlechtern und damit einhergehender Perspektiven – im Karneval wie im echten Leben. „Man kann ja auch als Frau ein Leben als Mann führen“, sagt der Chef des Pantheon-Theaters und spielt damit auch auf die Beueler Weiberfastnachtslegende „Stitze Männ“ an. Pause outet sich als Hardcore-Rechtsrheiner und überlegt laut, ob die Wäscherinnen in Beuel nachmittags nach dem Rathaussturm nicht auch noch das Pantheon stürmen sollten.

 GA-Redakteur Jörg Manhold spielt auf seinem alten Akkordeon und singt den Beuelern ein Loblied zum Jubiläum.

GA-Redakteur Jörg Manhold spielt auf seinem alten Akkordeon und singt den Beuelern ein Loblied zum Jubiläum.

Foto: Benjamin Westhoff

Immer gut, wenn Frauen sich zusammentun

Als Schirmherrin – oder doch eher als Schirmfrau? – begleitet Oberbürgermeisterin Katja Dörner die Jubiläumssession. Die Beueler Weiberfastnacht sei ein Alleinstellungsmerkmal für den Bonner Karneval, und die damit verbundene Botschaft gehe Jahr für Jahr hinaus in die Welt. Die engagierten Damenkomitees und Vereine seien das Fundament, das die Weiberfastnacht trägt. Und für den Karneval wie für die Politik gelte noch heute: „Es ist immer gut und richtig, wenn Frauen sich zusammentun, um gemeinsam Ziele zu erreichen.“

Das bestätigt Lara Mohn, die ehemalige Bezirksbürgermeisterin von Beuel und Wäscherprinzessin von 2010: „Es besteht an ganz vielen Stellen das Problem, dass Frauen sich zu wenig vernetzen.“ Und im Prinzip sei jedes Damenkomitee ein solches Netzwerk: „Man kennt sich, hilft sich und stellt gemeinsam was auf die Beine.“ Aus dieser gemeinsamen Wirkungskraft und gelebten Solidarität gingen wichtige Beziehungen hervor, von denen der gesamte Stadtbezirk profitiere.

Ein weiblicher Prinz für den Kölner Karneval

Ein gutes Beispiel dafür ist auch das Netzwerk für Frauen der Kölner Kulturszene, das Nici Kempermann gegründet hat. Die Frontfrau der Band „Kempes Feinest“ kritisiert, dass in der Kölner Musikszene nur vier „Female Fronted Bands“ am Start seien – bei gefühlt rund 400 männlich dominierten Bands. „Es gibt viele großartige Künstlerinnen“, sagt Kempermann, die dem Kölner Männerkarneval mit ihrem Hit „Prinz“ eine Unterwanderungsanleitung auf den Leib geschrieben hat. Der erste weibliche Prinz im Kölner Karneval sollte indes großes Selbstbewusstsein, Herz und Bühnenpräsenz mitbringen.

Moderator Holger Willcke wüsste da schon eine Kandidatin: Ina Harder. Die langjährige Obermöhn bedankt sich für dieses Kompliment und erneuert ihre Ankündigung, nach der Jubiläumssession ihr Amt in jüngere Hände zu geben. „Mir macht das unheimlich viel Spaß“, sagt sie, „aber mittlerweile ist eine mütterliche Distanz zu meinen Kindern da.“ Mit Kindern meint sie die Wäscherprinzessinnen und Wäscherinnen, für deren Sorgen und Nöte die Obermöhn qua Amt stets ein offenes Ohr hat.

Der spannende GA-Talk-Abend endet mit dem begeisternden Auftritt einer gemischten Tanzgruppe aus den Beueler Damenkomitees, die einen prächtigen, kontrastreichen Cancan aufführen. Am Ende singt der Saal gemeinsam die Hymne von Winni Lombardo: „Du bess ming Stadt, Beuel am Rhing“.

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