75 Jahre Grundgesetz in Bonn 75 Gründungsgeschichten geben Einblicke in den Alltag von 1949

Bonn · Zeitreise ins Jahr 1949: Die Bundeszentrale für politische Bildung zeigt zum Grundgesetzjubiläum Geschichten aus dem Gründungsjahr der Bundesrepublik. Und so antiquiert das klingen mag: Auch Schüler finden ausreichend Anlass, sich mit dem Grundgesetz und seiner Entstehung zu beschäftigen.

Die Q1-Schüler des EMA eröffnen zusammen mit dem Evangelischen Kirchenkreis Bonn sowie den bpb-Verantwortlichen Anja Linnekugel (3. von rechts), Alexander Kupsch (2. von rechts) und Dr. Elke Kimmel (rechts) die Ausstellung „Gründungsgeschichten“ vor der Kreuzkirche.

Die Q1-Schüler des EMA eröffnen zusammen mit dem Evangelischen Kirchenkreis Bonn sowie den bpb-Verantwortlichen Anja Linnekugel (3. von rechts), Alexander Kupsch (2. von rechts) und Dr. Elke Kimmel (rechts) die Ausstellung „Gründungsgeschichten“ vor der Kreuzkirche.

Den 75. Geburtstag des Grundgesetzes gebührend feiern und gleichzeitig Gefahren für die Demokratie anmahnen – das möchte die neue Open-Air-Ausstellung „Gründungsgeschichten“ auf dem Platz vor der Kreuzkirche. Mit 75 besonderen gesamtdeutschen Geschichten aus dem Gründerjahr 1949 erinnert die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in einer detaillierten Zeitreise an die Anfänge des heutigen Grundgesetzes mit allen Licht- und Schattenseiten des damaligen gesellschaftlichen Alltags.

Die Gründungsgeschichten lockten bereits in den vergangenen Tagen viele Schaulustige vor der offiziellen Eröffnung an. Darüber freuten sich neben den Ausstellungsgestaltern der bpb und dem Evangelischen Kirchenkreis Bonn auch Oberbürgermeisterin Katja Dörner, die bei der feierlichen Eröffnung die Wichtigkeit dieser Ausstellung hervorhob: „Bonn ist die Wiege des Grundgesetzes und damit die Wiege der besten Demokratie, die wir jemals hatten“, so die OB. Und diese gelte es besonders jetzt zu verteidigen, wo zunehmend undemokratische Strömungen an Zulauf gewinnen.

Denn mit den Themen Demokratie, Zeitgeist, aber auch dem gedanklichen Erbe der vorausgehenden zwölf Nazi-Jahre beschäftigt sich die Ausstellung in beeindruckend anschaulicher Weise. „Oft blickt man auf die Geschichte wie in einem Rückspiegel. Wir haben die Blickrichtung geändert und schauen auf die Alltagsgeschichte der Menschen im Jahr 1949“, erklärt Historikerin Elke Kimmel, die die Geschichten in aufwendiger Detailarbeit beispielsweise durch Recherchen zeitgenössischer Zeitungen recherchiert hatte. Zwar könne man nicht in die Köpfe der Menschen schauen, doch ein Einblick in den Zeitgeist sowie die Hoffnungen, Sorgen und Weltbilder der Menschen aus unterschiedlichen Milieus und Regionen sei authentisch widergegeben worden.

Als Saarbrücken in Frankreich kickte

So erfahren die Besucher nicht nur, dass der 1. FC Saarbrücken in der Saison 1948/49 in der französischen Liga spielte, auf dem Kölner Neumarkt der erste Nachkriegskarneval gefeiert wurde, sondern auch, dass Rassismus immer noch ein großes Problem in der deutschen Nachkriegsgesellschaft war. Fotograf Alexander Klupsch hat bei einer 8000 Kilometer langen Reise quer durch die Republik alle Originalschauplätze besucht und bebildert die Gründungsorte mit Kollagen aus zeitgenössischen und modernen Aufnahmen. Mit dieser plastischen Darstellung soll ein direkter Zugang zur Geschichte möglich sein, wie Projektleiterin Anja Linnekugel erläutert: „Durch diesen alltagsgeschichtlichen Zugang ist Geschichte nicht so abstrakt.“ Dazu soll auch der Schulwettbewerb „Unsere Geschichte aus dem Jahr 1949" beitragen, bei dem Schüler in eigenen Recherchen ihren Heimatort erkunden können.

Bereits an einem eigenen Schulprojekt teilgenommen haben die Schüler des Ernst-Moritz-Arndt- Gymnasiums (EMA). Der Religionskurs der Q1 hat einen Poetry-Slam zum Thema Nachhaltigkeit im Grundgesetz veranstaltet, den die jungen Leute bei der Eröffnungsfeier aufführten. Das Ergebnis: Eindeutig und erschütternd – die junge Generation fühlt sich alleingelassen und hilflos. Trotz Klimakatastrophen und des Paragraphen 20a, der Umweltschutz im Grundgesetz verankert, geschehe politisch viel zu wenig. Daher ist Politik ein wichtiges Thema im Leben der Schüler – nicht nur, weil sie dieses Jahr zum ersten Mal wahlberechtigt sind: „Es ist gut und wichtig, dass das Grundgesetz existiert. Allerdings ist es in manchen Punkten so nicht mehr zeitgemäß und müsste angepasst werden“, findet die 17-jährige Greta zum Beispiel bei den Themen Klimaschutz und Gleichberechtigung. „Jüngere Menschen werden zu wenig befragt. Die Älteren entscheiden hauptsächlich“, kritisiert sie.

Der 16-jährige Henri ergänzt: „Das Grundgesetz ist nicht perfekt und müsste etwas angepasst werden. Aber es ist superwichtig, dass wir es haben. Wir sollten uns daran erinnern, dass es nicht selbstverständlich ist.“ Die 17-jährige Sophie schließt sich dem an, bringt aber noch einen anderen Punkt zur Sprache, der junge Leute beschäftigt: der aktuelle Rechtsruck in der Gesellschaft: „Es hat mir Angst gemacht, was da im Untergrund alles passiert ist und jetzt langsam auch nach außen getragen wird“, sagt sie und fährt fort: „Andererseits macht es mich auch wütend, dass wir nicht aus unseren Fehlern der Geschichte gelernt haben.“ Daher seien Feierlichkeiten zum Grundgesetz wichtig und es sollte viel mehr über Veranstaltungen zur politischen Bildung informiert werden.

Die Ausstellung „Gründungsgeschichten. 75 Jahre – 75 Orte – 75 Geschichten. Ausstellung Deutschland 1949“ läuft vom 25. Mai bis 19. Juli 2024. Projektleiterin Anja Linnekugel ist jedoch für eine Verlängerung offen. Die Ausstellung bietet durch QR-Codes Online-Ergänzungen in Form von 360-Grad-Panorama, Filmen, Objektfotos und Dokumenten.

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