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Eine Bonner Leidensgeschichte: Abstieg endete mit goldenem Schuss

Eine Bonner Leidensgeschichte : Abstieg endete mit goldenem Schuss

Plötzlich ist Axel, "dieser feinfühlige Kerl", wieder lebendig. Zumindest in den liebevollen Worten seines Bruders Michael Weber (Namen geändert). Im Beratungsraum der Bonner Aids-Initiative zeigt Weber Fotos.

Auch Christa Skomorowsky von der Aids-Initiative, die Axel gut acht Jahre lang intensiv begleitete, denkt gerne an "diesen netten, smarten Typen", der 30 Jahre lang drogenabhängig und dann aidskrank war und den sie und Michael Weber an einem Frühlingstag 2014 tot in seiner Wohnung fanden. Den Zettel "Bin mal kurz in die Stadt und gleich zurück" hatte Axel noch an die Haustür gepinnt. "Doch er hat sich bewusst den goldenen Schuss gesetzt", sind sich Bruder und Beraterin sicher.

Der 54-Jährige habe keinen Sinn mehr im Leben gesehen. "Unsere Mutter war gestorben. Er hatte keine Kohle mehr. Er war in diesem Teufelskreis der Drogen. Und wollte auch die ganze Chemo-Quälerei nicht mehr", sagt Michael Weber leise. Seinem älteren Bruder waren zuletzt Lungenkrebs und die Erblindung diagnostiziert worden. "Axel war mit seiner Kraft am Ende", sagt Skomorowsky.

Beide blicken schweigend auf den Tisch, an dem Axel oft gesessen und um Rat gefragt hatte, wenn es um Arzt- und Behördengänge, die Bewältigung des Alltags ging. "Er war einer, der die Termine einhielt, der dankbar für unsere Hilfe war", sagt Skomorowsky. Bis Axel zuletzt alles habe schleifen lassen. Bei der Beerdigung der Mutter im Herbst 2013 schwante dem Bruder schon nichts Gutes mehr.

Und dann erzählt Michael Weber von seinem physisch starken, aber so sensiblen Bruder. "Axel war ein richtig warmherziger Mensch. Immer, wenn wir Hilfe brauchten, ließ er alles stehen und liegen und war da. Egal, wie schlecht es ihm ging." Weber seufzt. Und warum habe der ältere Bruder mit den Drogen begonnen? Axel selbst habe gemeint: Der codeinhaltige Hustensaft, mit dem er sich als Krupphusten-Kind immer so gut fühlte, sei Schuld gewesen, dass er später ähnliche Morphiumderivate suchte. "Ob das stimmt, sei mal dahingestellt", sagt Weber.

Ehe zerbrochen und Kind verloren: Beginn des rasanten Abstiegs

Auf jeden Fall habe Axel während der Maurerausbildung eigentlich nicht mehr gekifft als andere. Der große Bruder, ein Kampfsportler, habe eine gute Stelle als Polier bekommen, habe eine Familie gegründet. "Und dann starb sein Baby den plötzlichen Kindstod. Und die Polizei musste kommen, weil der Axel es nicht mehr aus seinen Armen geben wollte." Axels Ehe sei zerbrochen. Danach sei er ins Drogenmilieu "abgeschmiert". Ein Typ, der im großen Stil Heroin verkaufte, habe ihn an die Nadel gebracht. "Und ab da war er, wenn er drauf war, nicht mehr der Axel."

Weber blickt aus dem Fenster. Unten brodelt das Leben auf dem Bertha-von-Suttner-Platz. Eigentlich habe er seinen Bruder immer mehrmals die Woche getroffen. Zum Essen, auf ein Bier, zum Reden. Weber lächelt. Und wird dann wieder ernst. "Und dann war das oft so: Du triffst dich mit ihm, und plötzlich sagt er, ich komme gleich wieder. Und ab ist er wieder zum Hauptbahnhof." Der an sich so starke Bruder sei seit dem Tod seines geliebten Kindes nie wieder auf die Beine gekommen.

So sieht das auch Skomorowsky. Einmal nahm Michael Weber den Bruder sogar ein halbes Jahr zu sich. "Zum Entgiften." Eine Zeit lang konnte Axel arbeiten - bis die Droge wieder stärker war und die Jahre in der Szene zunehmend ihre Spuren hinterließen.

Schmerz ist im Gesicht von Weber zu sehen, Verzweiflung, dass er dem Bruder nicht wirklich helfen konnte. Obwohl er der Einzige in der Familie war, der den Überblick behielt, der dem großen Bruder immer nur so weit half, wie der nicht anderen schadete. Etwa auch der von beiden so geliebten Mutter - deren Möbel Axel Stück für Stück verkaufte, um die Sucht zu finanzieren. Der kleine Bruder schob einen Riegel vor. Ab da sei er für Axel "der Böse" gewesen. Weber schüttelt den Kopf. Damit habe er eben seither leben müssen.

"Die Drogen sind teuflisch. Die fressen dich auf. Die verändern deine Sprache, deine Werte. Mein Bruder war schizophren: einmal der liebe tolle Kerl und dann der Junkie." Weber selbst hat Verantwortung als Familienvater, während der Bruder von einer enttäuschenden Beziehung in der Drogenszene in die nächste schlitterte und sich die HIV-Infektion holte. Die musste er ab da mit Medikamenten in Schach halten.

Und warum halfen Axels Ortswechsel nicht? Weber lacht bitter. Der Abhängige finde seine "Drogenfamilie" an den Bahnhöfen jeder Stadt. Eine Aufgabe habe sich dem Bruder dann plötzlich gestellt, als sich die demente Mutter nicht mehr versorgen konnte. "Da hat er gesagt: Ich nehme die Mama zu mir. Und er hat sie in seiner kleinen Wohnung wirklich ihre letzten zwei Jahre gepflegt."

Was Axel im eigenen Leben nicht auf die Reihe gebracht habe, das habe er bei der Mutter bewältigen können, erzählt Skomorowsky, die beide begleitete. "Der Axel kümmert sich sehr gut um mich", habe die alte Dame gesagt. Dass sich ihr Sohn laufend Drogen besorgen musste, nahm die Mutter nicht mehr wahr. Mit ihrem Tod begann der totale Abstieg. Zu Weihnachten 2013 habe er Axel vergeblich in der Bonner Szene gesucht, erzählt Weber. "Wir wollten ihn bei uns haben. Er kam nicht mehr." Und dann zog "der smarte Axel", der seiner Umwelt immer vormachte, dass er alles schaffe, den Schlussstrich. "Zu gehen, war das Beste, was er machen konnte", sagt Michael Weber plötzlich hart. Es wäre sogar besser gewesen, der Bruder wäre schon mit 30 gegangen.

Der Satz steht im Raum. Auch Skomorowsky widerspricht nicht. "Es war ein hartes Leben", fügt Weber hinzu. Er meint sein eigenes, das so schmerzlich an das eines Suchtkranken gekettet war. "Es war ein sinnloses Leben", kommt dann. Und jetzt meint Weber das seines Bruders, der geliebte Menschen in seine Misere hineinzog. "Den Axel hätte ich gerne behalten. Aber den Junkie, den nicht."

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