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AIDS: Bonner erhält nach zehn Jahren HIV-Diagnose

Schock-Nachricht vom Arzt : Bonner erhält nach zehn Jahren HIV-Diagnose

Durch die ausgesetzten Aids-Galas fehlen der in Bonn sitzenden Aids-Stiftung Spenden. Mit HIV kann man heute unter Therapie gut und lange leben. Die Diagnose erleben viele dennoch zunächst als Schock. So auch ein Mann aus Bonn.

Am Wort Virus kam in den vergangenen Monaten niemand vorbei. Für Christian Hofmann war das besonders belastend. Hofmann, der eigentlich anders heißt, weiß seit vergangenem Juli, dass er HIV-positiv ist. „Wenn man gerade erst lernt, mit der Diagnose umzugehen, ist es nicht so leicht, das Wort jeden Tag zu hören.“

Aus medizinischer Sicht hat eine HIV-Infektion heute nichts mehr mit den Schreckensbildern der 80er-Jahre zu tun. HIV ist unheilbar, HIV-positive Menschen haben aber unter Therapie eine normale Lebenserwartung. Der medizinische Fortschritt ist enorm, das gesellschaftliche Bild hat sich nicht im selben Tempo gewandelt. Auch deshalb ist für viele die Diagnose ein Schock.

Infektion weit fortgeschritten

Als „Schlag ins Gesicht“ beschreibt Hofmann sie. Es folgten drei, vier Monate, an die der Bonner sich kaum erinnern kann. „Ich habe nur funktioniert, wurde komplett aus der Bahn geworfen.“ Er habe erst einmal mit niemandem darüber gesprochen. Erst nach und nach hat er weitere Menschen ins Vertrauen gezogen.

Hofmann, Anfang 40, wurde von der Diagnose überrascht. Zuvor erlebte er eine „große Ratlosigkeit, was mit meinem Körper los ist“. Er sei „von Pontius zu Pilatus“ gegangen. Er war häufiger in Behandlung, auch im Krankenhaus, wurde operiert, hat viel Gewicht verloren. Eine Ärztin fragte, wann sein letzter HIV-Test war. Vergangenes Jahr sei er im Krankenhaus gewesen, da sei bestimmt einer mitgemacht worden, antwortete er. „Wenn die mich aufschneiden, schauen die doch danach.“ Die Ärztin habe ihn dann mit großen Augen angesehen, erzählt Hofmann. Auf HIV wird das Blut nicht routinemäßig geprüft.

Das war an einem Freitag, am folgenden Montag ist er in die HIV-Ambulanz der Bonner Uniklinik gegangen. „Dort wurde ich sehr wertschätzend und mitfühlend behandelt“, erzählt Hofmann. Seine Viruslast war sehr hoch, die Anzahl seiner für die Immunabwehr wichtigen T-Helferzellen sehr niedrig. Seine HIV-Infektion war bereits weit fortgeschritten, er stand kurz vor dem Ausbruch von Aids. Er muss sich vor über zehn Jahren angesteckt haben.

Nur eine Tablette am Tag

Das ist keine Seltenheit: 2019 – Daten für 2020 liegen noch nicht vor – wurden laut Robert Koch-Institut etwa ein Drittel der HIV-Infektionen bereits mit einem fortgeschrittenen Immundefekt diagnostiziert, 15 Prozent erst mit dem Vollbild Aids.

Er hätte nicht gedacht, sagt Hofmann, „dass sich die Viren so lange durch den Körper fräsen können, ohne extreme Beeinträchtigungen zu verursachen“. Er begann sofort mit einer Therapie, die gut anschlug und zu keinen Nebenwirkungen führte.

Seitdem nimmt Hofmann eine Tablette am Tag. Im Herbst begann er, der Empfehlung aus der Uniklinik zu folgen, und meldete sich bei der Bonner Aidshilfe zur Beratung und begann eine Psychotherapie. „Ich musste etwas machen. Ich hatte eine schwere Depression, an manchen Tagen konnte ich nicht klar denken.“ Das kostete ihn Überwindung. Denn sich Hilfe zu suchen, sei immer noch ein Tabu. „Ich habe es nur mit diesem professionellen Netzwerk geschafft, diese lebensverändernde Situation zu meistern.“

Die Hälfte der HIV-Positiven berichtet von Stigmatisierung

Nach wenigen Monaten der Therapie lag seine Viruslast bereits unter der Nachweisgrenze. Damit kann er das Virus nicht mehr übertragen. „Das ist eine der wichtigsten Botschaften: Im Umgang mit mir braucht niemand Angst zu haben.“ Dennoch beschreibt er eine große Furcht vor sozialer Ächtung. Und ist damit nicht allein: Einer Erhebung der Deutschen Aidshilfe zufolge geben zwar 90 Prozent der Befragten an, im Alltag gut mit ihrer Infektion leben zu können. Doch die Hälfte berichtet, durch Vorurteile gegenüber HIV in ihrem Leben beeinträchtigt zu sein.

Bisher hat Hofmann keine Diskriminierung erlebt. „Aber ich bin darauf vorbereitet, dass es kommen kann, und habe mir dafür Instrumente zurechtgelegt.“ Ein paar Kollegen wissen mittlerweile, dass er HIV-positiv ist. „Ich habe mit meinem Bürojob das richtige Arbeitsumfeld und bin sehr dankbar dafür.“

„Es kann trotzdem passieren“

Unterschwellig jedoch begegneten ihm Vorurteile. Die Frage der persönlichen Schuld sei aufgekommen, hat Hofmann gemerkt. „Dabei zeigt doch Corona: Egal, welche Schutzvorkehrungen man trifft, es kann trotzdem passieren.“ Wenn man das Wort HIV sagt, sei man außerdem sofort im sexuellen Bereich, über den man in der Regel nicht sprechen würde. „Wir sind noch nicht an dem Punkt, wo wir so einfach über sexuell übertragbare Infektionen sprechen, wie wir sollten.“

Die Zahl der HIV-Infektionen ist zuletzt leicht gestiegen, 2019 wurden laut Robert Koch-Institut 2600 Neuinfektionen registriert. Über 60 Prozent davon fallen auf schwule und bisexuelle Männer. Diese Zahl ist über die vergangenen Jahre rückläufig, während sich bei heterosexuellen Kontakten und intravenösem Drogenkonsum leicht steigende Zahlen zeigen. Das RKI schätzt, dass etwa 10 800 Menschen in Deutschland nichts von ihrer HIV-Infektion wissen.

Christian Hofmann kann heute mit HIV umgehen. Ihm gehe es gut, „zu 95 Prozent so wie vorher“. Wenn er über das Thema spricht, vermeidet er Worte wie Krankheit oder Infektion, nur manchmal muss er sich noch korrigieren. Infizierter, das klinge nach Stigma, so als ob sich seine gesamte Persönlichkeit allein auf die HIV-Infektion reduzieren lasse. Er sagt lieber: „Ich bin ein HIV-positiver Mensch.“

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