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Bundesweite “Mut-Tour“: Aktion für offenen Umgang mit Depressionen macht in Bonn Halt

Bundesweite “Mut-Tour“ : Aktion für offenen Umgang mit Depressionen macht in Bonn Halt

Bei der „Mut-Tour“ radeln und wandern Menschen mit und ohne Erfahrungen mit Depressionen durch Deutschland, um offen über psychische Erkrankungen zu reden. Eine Betroffene berichtet bei der Station in Bonn, warum sie mitmacht.

„Ich möchte dazu beitragen, das Thema Depressionen zu enttabuisieren und Menschen, denen es psychisch schlecht geht, zu helfen“, erklärte Naomi Sommer, Teilnehmerin der „Mut-Tour“, die am Dienstag Station vor dem Alten Rathaus in Bonn machte. Bei der Aktion sind bundesweit Menschen mit und ohne Erfahrungen mit Depressionen mit dem Tandem unterwegs, um ein Zeichen für mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Erkrankungen zu setzen.

Diesen Sommer beteiligen sich laut Veranstalter zwölf Tandem- und drei Wander-Teams an der Tour. „Mit der Mut-Tour möchten wir Gemeinschaft ermöglichen. Miteinander zu reden, stärkt auch das Selbstbewusstsein der Teilnehmenden“, sagte Organisator Sebastian Burger. Vor dem Alten Rathaus präsentierten sich verschiedene Vereine und Institutionen, bei denen Betroffene und Angehörige Hilfe finden können.

„Nicht Traurigkeit, sondern Antriebslosigkeit ist das häufigste Symptom für Depressionen“, erklärte Burger. Das erlebte auch Naomi Sommer vor vielen Jahren. „Am Anfang hatte ich es gar nicht richtig gemerkt“, sagte die 33-Jährige. Schon während der Abizeit verspürte sie Versagensängste, aber dachte nicht daran, dass diese in Verbindung mit einer Depression stehen könnten. Während der Ausbildung habe sie festgestellt, dass sie nicht richtig funktioniere. „Ich habe mich dauernd schlecht gefühlt. Angststörungen und Panikattacken kamen auf.“

Die Antriebslosigkeit habe immer mehr zugenommen, berichtete Sommer: „Ich lag tagelang im Bett, habe mich nicht lebensfähig gefühlt. Ich mochte mein eigenes Leben nicht mehr. Immer wieder war da die Angst, zu versagen.“ Trotz erfolgreich abgeschlossener Ausbildung fiel sie in ein tiefes Loch. „Ich wollte nicht mehr leben. Ich wollte einfach raus aus diesem Gefühl.“ Zu diesem Zeitpunkt war die Depression schon so weit fortgeschritten, dass eine einfache Therapie nicht mehr ausreichte und Sommer direkt in die Krisenambulanz eingeliefert werden musste. „Dort blieb ich erst einmal vier Wochen zur Stabilisierung.“

Dann folgten acht Wochen psychosomatische Klinik, bevor die ambulante Therapie starten konnte, die sie auch heute noch, sieben Jahre später, fortführt. „Ich bin damals leider viel zu spät in Behandlung gegangen. Es wäre gut gewesen, wenn ich jemanden gehabt hätte wie die Mut-Tour“, sagte Sommer.

Anlaufstellen für psychische Gesundheit in Bonn und Region

Die Organisatoren der Mut-Tour haben sich für ihre Aktion Unterstützung von verschiedenen Einrichtungen aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis geholt: Neben dem Trägerverein Mut fördern e.V. waren die LVR-Klinik Bonn, der Verein Hilfe für psychisch Kranke Bonn/Rhein-Sieg, der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker, das Bundesnetzwerk Selbsthilfe seelische Gesundheit und die Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen mit Infoständen vertreten.

Auch Soul LaLa, ein Inklusionsprojekt des Dachverbands Gemeindepsychiatrie, war vor Ort. „Unser Angebot richtet sich an junge Menschen im Alter von 17 bis 26 Jahren, die sich rund um das Thema seelische Gesundheit informieren möchten“, erklärte Peter Heuchemer. Depressionen seien bei jungen Menschen immer häufiger Thema. „Gerade auch durch Corona gehen bei jungen Menschen psychische Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen nach oben.“

Wenn Sie oder Ihnen nahestehende Personen von Depressionen betroffen sind und/oder Suizid-Gedanken haben, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.