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Raupen züchten in Röttgen: Alles hängt am seidenen Faden

Raupen züchten in Röttgen : Alles hängt am seidenen Faden

Biologe Rolf Stiemerling und seine Frau Käthe Wickert züchten Seidenraupen. Die Kokons könnten zu Kunstobjekten werden.

Gefräßige Gäste bewirten Rolf Stiemerling und seine Frau Käthe Wickert derzeit im Esszimmer ihres Hauses am Herzogsfreudenweg in Röttgen. Kaum ist die letzte Mahlzeit verputzt, verlangt die hungrige Meute schon wieder einen Nachschlag. Dabei haben die anspruchsvollen Untermieter einen exquisiten Geschmack und essen längst nicht alles. „Nein“, erklärt der promovierte Biologe Stiemerling, „wir servieren ausschließlich frische Blätter des Maulbeerbaumes. Je jünger die Triebe, desto schmackhafter.“

Und diese „Heißhungerattacken“ bleiben nicht ohne Wirkung: Denn innerhalb von 35 bis 40 Tagen nehmen die Durchreisenden im Hause Stiemerling das 10 000-fache an Gewicht zu. Doch die Mühe der vergangenen Wochen hat sich gelohnt. Denn die Seidenraupen (Bombyx mori), die der Biologe in den letzten Tagen gepflegt und gefüttert hat, werden sich wahrscheinlich bereits am Wochenende verpuppen und eine Metamorphose durchleben.

Schon als Kind interessierte sich Stiemerling für die unscheinbaren Falter, die seit Jahrtausenden das Rohmaterial für edle und zugleich reißfeste Stoffe produzieren. Zufällig entdeckte er vor einiger Zeit einen Zeitungsartikel vom 17. Juli 1940, in dem sein Vater interviewt wurde, der als Leiter der Nachzuchtstation für Seidenraupen in Peine zuständig war. „Da war mein Interesse natürlich erst recht geweckt“, lacht der Pensionär. Doch bevor die ersten Raupen einziehen konnten, musste das Nahrungsproblem gelöst werden. Im Garten pflanzte Stiemerling zwei Maulbeerbäume. „Auf dem Friedhof in Küdinghoven steht ein prächtiger Baum. Dort habe ich die Samen gesucht und kleine Pflanzen gezogen“, erzählt er. Erst nach sechs Jahren trugen die Bäume nicht nur Maulbeeren, sondern auch genügend Blätter. „Dann konnten wir endlich loslegen“, fügt Käthe Wickert hinzu.

In einem unscheinbaren Postpaket aus Frankreich kamen am 16. Juni 250 Eier am Herzogsfreudenweg an. In einer Holzbox direkt hinter dem warmen Esszimmer-Fenster schlüpften bei konstanten 20 Grad am 21. Juni die ersten Tiere. Dann begann das große Fressen. Rund um die Uhr gab es frische Maulbeerbaumblätter. Bis sich die Krabbeltiere schließlich in einen Kokon verpuppen, haben sie nicht nur kiloweise Grün gefressen, sondern sie haben auch insgesamt vier Häutungen hinter sich gebracht. Damit das Ehepaar alle Phasen der Aufzucht verfolgen kann, wurde das Esszimmer ihres Hauses in ein kleines Labor verwandelt. Auf dem Tisch steht ein Mikroskop, drum herum liegen unzählige Fachbücher sowie Notizhefte um jede Veränderung zu dokumentieren.

Jetzt, nach der vierten Häutung, haben die Tiere noch einmal kräftigen Hunger. „Sie befinden sich derzeit in der letzten Fressphase. Dann werden sie etwa zwei Tage an ihrem Kokon spinnen“, erklärt der Biologe. Dafür suchen sich die Raupen in der Natur einen geeigneten Platz. Zum „All-Inclusive“-Angebot im Hause Stiemerling gehört nicht nur die Fütterung, die Zieheltern sind auch bei der Wohnungssuche behilflich: Ein extra aufgestelltes Geäst soll der ideale Rückzugsort für die Verwandlung sein. Nach einer 16-tägigen Metamorphose werden dann aus den Puppen weiß-graue, flugunfähige Nachtfalter herausklettern, die nach der Paarung und Eiablage innerhalb von 48 Stunden sterben.

Die Seidenraupenzucht soll für die Röttgener jedoch nur „eine Eintagsfliege“ bleiben. „Wir wollten die Entwicklung einmal hautnah erleben. Mehr nicht“, erklärt Stiemerling. Vielleicht werden einige Falter Eier ablegen. „Dann würde ich es vielleicht noch einmal tun“, überlegt er aber. Malerin Käthe Wickert hat allerdings schon konkrete Vorstellung, was sie machen will. „Ich würde die Kokons gerne im Ganzen in Kunstwerken verarbeiten. So, wie sie sind.“

Bis es so weit ist, sorgen sich beide weiter rund um die Uhr um ihren „Nachwuchs“. Mit einigen Exemplaren ist Stiemerling in den vergangenen Tagen bereits unterwegs gewesen, um Kindern zu zeigen, wie sich die Raupen entwickeln. „Die waren genauso fasziniert, wie wir beide“, lacht der Röttgener und pflückt erneut eine große Portion frische Maulbeerblätter für die hungrige Meute.