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Flüchtlinge in Bonn: Alles steht und fällt mit der deutschen Sprache

Flüchtlinge in Bonn : Alles steht und fällt mit der deutschen Sprache

Wie weit haben sich 2015 nach Bonn gekommene Flüchtlinge integriert? Seit einem Jahr begleitet der GA die muslimische Familie Wanli aus Syrien. Sie ist in Deutschland angekommen, denkt aber ständig an ihre Heimat.

Im Gemeindehaus der Erlöserkirchengemeinde herrscht ausgelassene Stimmung. Tim und Rwaim, die neunjährigen Zwillinge der syrischen Familie Wanli, stürmen zum Kickertisch; Vater Abdulla und Mutter Intissar Wanli folgen. Ihre Ältesten, die 15-jährige Bayan und der 17-jährige Amr, grinsen.

Mit Schwung saust der Ball am Kickertisch ins Tor des Vaters. Die beiden Jüngsten jubeln. Dafür, dass die Sechs aus dem zerbombten Kriegsgebiet ihrer Heimat flüchteten, strahlen sie einen mitreißenden Optimismus aus. Und denken doch ständig an ihre geschundene Heimat. Es seien noch viele Verwandte den Gefechten in Syrien ausgeliefert, sagt Vater Abdulla ernst. Freunde und Bekannte seien ebenfalls geflohen. „Wer weiß, wo sie alle hingekommen sind?“, fragt Mutter Intissar.

Der GA hat die Wanlis schon zweimal getroffen: Vor einem Jahr hatten Vater Abdulla und die große Tochter nach nur neun Monaten schon im Ehrenamtlichen-Café Kontakt der evangelischen Gemeinden ausgeholfen. Bayan übersetzte, der Vater beriet in Dingen, die er selbst erst vor Kurzem gelernt hatte.

Lob für die Familie

Die deutschen Helfer hatten die Wanlis, die in einer Gemeindewohnung untergekommen waren, gelobt. „Ohne sie geht gar nichts mehr.“ Im Juni das nächste Treffen: Vater Abdulla hatte den Sprachkurs B1 abgeschlossen und unterrichtete selbst. Ohne Sprachkenntnisse, ohne rechte Vorstellung vom Leben in Deutschland war der 48-Jährige Anfang 2015 nach Bonn gekommen. „Es war nur eine Idee von einem alten Europa, die ich damals im Kopf trug“, sagte er im Juni.

Die Idee vom alten Europa haben die Eltern längst mit der Realität vertauscht. „Wir haben so viel Glück gehabt. Wir sind den Menschen hier sehr dankbar“, betonen beide, die es nicht fassen können, was kürzlich auf dem Berliner Weihnachtsmarkt passiert ist. Die beiden sind Landwirtschaftsingenieure, ihre Abschlüsse sind hier anerkannt. „Aber wir müssen erst die Sprache besser lernen, um wieder arbeiten zu können.“ Abdulla Wanli lernt für den Abschluss des B2-plus-Kurses. Seine Frau besucht nach der B1-Prüfung einen Orientierungskurs.

Die Kinder überholen die Eltern sprachlich

Die Kinder haben, ihrer Jugend wegen, die Eltern sprachlich locker überholt: Alle Vier sprechen fast akzentfrei Deutsch. Amr hat es vom Friedrich-List-Berufskolleg sofort in die Regelklasse 11 des Pädagogiums geschafft. Schwester Bayan ist von der Johannes-Rau-Hauptschule über die Gertrud-Bäumer-Realschule ins Amos-Comenius-Gymnasium aufgestiegen.

Und die Zwillinge haben 2017 den Sprung von der Paul-Klee-Grundschule ins evangelische Amos schon so gut wie geschafft. „Wir geben uns Mühe. Und wir haben jetzt alle auch deutsche Freunde“, sagt Amr. Wie seine Schwester will er Medizin studieren. „In einem fremden Land steht und fällt alles mit der Sprache. Die musst du unbedingt können“, sagt Bayan.

Hat die muslimische Familie nie Ressentiments in Bad Godesberg erlebt? „Nein“, antwortet der Vater. „Alle Leute behandeln uns gut.“ In ihrer Grundschule kämen sie sehr gut mit den anderen Kindern aus, meinen die Zwillinge. Er habe sich am Anfang schon allein und fremd gefühlt, bevor ihm andere geholfen hätten, sagt hingegen Amr, Und seine Schwester, werde sie nie auf ihr Kopftuch angesprochen? „Nein“, antwortet der Vater bestimmt. Am Amos sei das kein Thema, erläutert auch Bayan. Aber auf der Straße sei sie einmal von einer Frau böse angeraunzt worden. „Das ist nicht wichtig“, meint der Vater. Denn die Familie fühle sich sehr wohl hier.

Dann geht es wieder um die syrische Heimat. „Wir haben viele Freunde verloren“, sagt Bayan leise, selbst die quicklebendigen Zwillinge schweigen. Ihm sei es über die sozialen Medien gelungen, Kontakt mit einigen Gleichaltrigen aufzunehmen, berichtet Amr. Diese seien in Ägypten, Griechenland und der Türkei gelandet. „Da waren wir auch“, ergänzt Tim.

Zunächst war die Mutter nach Deutschland gekommen, als es ein Lebenszeichen kam, floh der Rest der Familie in die Türkei. Die Johanneskirchen-Syrienhilfe von Christoph Nicolai erreichte dann nach sieben Monaten die Familienzusammenführung. Für 2017 wünschen sich die Sechs vor allem eines: Frieden in Syrien. Vater Abdulla ergänzt: „Und viel Erfolg für Deutschland.“