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Interview: „An den deutschen Grundrechten zerbrechen Beziehungen“

Interview : „An den deutschen Grundrechten zerbrechen Beziehungen“

Die Kunsttherapeutin Sibel Akkulak hat für ein Projekt mit Flüchtlingsfrauen über ihre Erlebnisse und ihre Sichtweise auf die deutsche Kultur gesprochen

Wie erleben geflüchtete Frauen ihre Situation in Bonn? Dieser Frage hat sich die Künstlerin und Therapeutin Sibel Akkulak gewidmet. Für das Projekt „Kaffee-und-Kuchen-Gespräche“ der Initiative Patchworkkultur führte sie mit fünf geflüchteten Frauen aus dem Irak, Iran, Syrien, Eritrea und dem historischen Siedlungsgebiet der Kurden Interviews über ihre Erlebnisse, Erfahrungen und die deutsche Kultur. Die Gespräche fanden in Bonner Kaffeehäusern statt. Über das Projekt und die Ergebnisse sprach mit ihr .

Wie erleben die Frauen die deutsche Kultur und Sprache?

Akkulak: Im Flüchtlingswohnheim werden die Neuankömmlinge weniger mit der deutschen Gesellschaft, als vielmehr mit anderen Nationalitäten und Religionen auf engstem Raum konfrontiert. Sie erleben die Unterschiede zu den Kulturen anderer Herkunftsländer erst einmal viel stärker als die zu Deutschland.

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Akkulak: Die Frauen in den Flüchtlingswohnheimen leben eigentlich sehr geschlossen. Wenn viele Jugendliche auf der Etage wohnen, kann es passieren, dass der Mann seiner Frau verbietet, in der Gemeinschaftsküche zu kochen. Andere müssen ihre Kinder betreuen und können daher nicht an den Sprachkursen oder Weiterbildungsangeboten teilnehmen, obwohl sie gerne die Sprache erlernen würden. Männer haben da eine größere zeitliche Freiheit.

Akkulak: Erst einmal beschäftigen sie sich mit sich selbst, mit ihrer Situation, gar nicht so sehr mit den Deutschen. Dennoch: die deutschen Frauen nehmen sie als sehr dominant wahr. Die deutschen Männer seien nett, würden aber unterdrückt. Das alles leiten sie allerdings nur von Beobachtungen ab, zum Beispiel, dass die Männer die schweren Einkaufstaschen tragen und Zärtlichkeiten offen ausgetauscht werden. Aber erst wenn die Frauen am deutschen Leben teilnehmen können – mit Wohnung und Arbeit – werden sie ein realistischeres Bild haben.

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Akkulak: Sie genießen die Freiheit. Das bedeutet nicht, dass sich die Rollenverteilung komplett aufhebt. Aber sie möchten arbeiten gehen und ihr eigenes Geld verdienen. Das Bedürfnis nach Freiheit ist allerdings unterschiedlich. Einige möchten ihre traditionell eingeübten Normen fortführen, andere haben ein starkes Bedürfnis nach Freiheit.

Welche Probleme tauchen auf?

Akkulak: Eine Frau hat sich sofort scheiden lassen, nachdem sie nach Deutschland gekommen ist. In ihrem Heimatland war der Druck durch die Familie und die Gesellschaft zu hoch. Viele erkennen, dass sie hier andere Rechte wahrnehmen können. Daran zerbrechen Beziehungen. Aber auch die Bürokratie beschäftigt sie.

Akkulak: Das ist zum Beispiel die Größe der Wohnungen. Einzimmer- oder Zweizimmerwohnungen gibt es nicht in Syrien oder der Türkei. Für sie ist es schwer zu akzeptieren, dass die Wohnung so klein ist.

Wie gehen sie mit der neuen Situation um?