Bonn im April 1974 Verhaftung von Guillaume erschüttert Bonn

Bonn · Günter Guillaume, der enttarnte DDR-Spion an höchster Stelle, bringt Willy Brandt um die Kanzlerschaft. Seine Festnahme ist spektakulär. Die Folgen sind massiv. Ein Rückblick auf den April 1974 in Bonn.

 Ein Spion im Zentrum der Macht: Günter Guillaume an der Seite von Bundeskanzler Willy Brandt.

Ein Spion im Zentrum der Macht: Günter Guillaume an der Seite von Bundeskanzler Willy Brandt.

Foto: GA Archiv

Am Mittwoch, den 24. April 1974, exakt um 6.32 Uhr eskaliert eine der größten innenpolitischen Krisen der bundesdeutschen Geschichte. In seiner Bad Godesberger Wohnung nehmen Polizisten einen der drei persönlichen Referenten von Bundeskanzler Willy Brandt in Gewahrsam. Offenbar kommen sie keine Minute zu früh, denn Günter Guillaume packt gerade seine Sachen für eine überstürzte Abreise. Dabei ist der 47-Jährige doch eben erst von einem Familienurlaub in Südfrankreich zurückgekehrt. Seine Frau Christel ist schon weg, wird aber später ebenfalls verhaftet. „Ich bin Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR und Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Ich bitte, meine Offiziersehre zu respektieren“, erklärt Guillaume trocken und ebnet damit selbst den Weg zu seiner Verurteilung als DDR-Spion an allerhöchster Stelle.

„Die Verhaftung (…) hat gestern die Bundeshauptstadt erschüttert“, schreibt zwei Tage später der General-Anzeiger. Offenbar sei Guillaume „Zentralfigur“ eines ganzen „DDR-Spionagerings“ gewesen. Schließlich seien auch seine Schwiegermutter und ein weiteres Ehepaar, wie seine Frau Christel ebenfalls Beschäftigte der Hessischen Landesvertretung in Bonn, festgenommen worden. Die Bestürzung über den Fall ist enorm. Die Nachricht platzt mitten hinein in eine Bundestagsdebatte zur Liberalisierung des Paragrafen 218 zum Schwangerschaftsabbruch. Schlagartig lichten sich im Plenarsaal die Reihen auf der Regierungsbank und im Plenum. Während die Koalition hinter verschlossenen Türen über den Umgang mit dem äußerst pikanten Vorfall berät, schimpft Baden-Württembergs FDP-Chef Martin Bangemann im Bundestagsfoyer lautstark über den „schönen Mist“. Erst wenige Tage zuvor haben die Regierungen der Bundesrepublik und der DDR den gegenseitigen Austausch von ständigen Gesandten vereinbart. Der wird nun erst mal um zwei Wochen verschoben.

Rücktrittsforderungen aus den Reihen der Opposition

Schon am Wochenende kommen aus der Opposition erste Rücktrittsforderungen an Bundeskanzler Brandt. Der Ostexperte der gemeinsamen Fraktion von CDU und CSU, Werner Marx, unterstellt Brandt „erschreckende Naivität“. Die qualifiziere ihn nicht zum Kanzler. Der CSU-Vorsitzende Josef Strauß vermutet, Guillaume habe die Position der schwachen Regierung Brandt während der Ostgespräche weiter geschwächt. In der SPD selbst fühlt man sich wohl am meisten betrogen, hatte man Guillaume doch stets als „Juso-Fresser“ dem rechten Parteiflügel zugeordnet.

In Wahrheit ist Guillaume ein strammer Sozialist. 1952 ist er in Berlin der SED beigetreten und hat wie seine Frau schon wenig später als inoffizieller Mitarbeiter der Stasi angeheuert. Nach intensiver Schulung hat das Ehepaar den bundesdeutschen Behörden mit einer finanziellen Starthilfe der Stasi im Gepäck eine Flucht in den Westen vorgetäuscht. Schon binnen Jahresfrist haben beide sich in Frankfurt am Main in die Parteistrukturen der SPD eingeschleust. Als gewählter Stadtrat in Frankfurt hat Guillaume dann 1969 den Bundestagswahlkampf für Bundesverkehrsminister Georg Leber in Frankfurt organisiert und damit sein Ticket nach Bonn erhalten. Der Dank Lebers ist eine Referentenstelle im Bundeskanzleramt, Abteilung IV gewesen. Nur drei Jahre später hat Brandt den fleißigen und loyalen Guillaume vor der Bundestagswahl in seinen persönlichen Stab geholt.

Seine wahre Loyalität hat indessen der DDR gegolten. 24 Berichte über die inneren Verhältnisse der SPD, der Gewerkschaften und die privaten Verhältnisse Brandts und dessen Regierungsarbeit hat der Spion nach Ost-Berlin übermittelt, bevor ihm ein Geburtstagstelegramm seines „Arbeitgebers“ zum Verhängnis geworden ist. Mit solchen verschlüsselten Botschaften hatte das Ministerium für Staatssicherheit seine Quellen im Exil bei Laune gehalten. Die Nachrichten waren dem Verfassungsschutz zwar schon länger bekannt. Aber man brauchte Jahre, um die Geburtstage richtig zuzuordnen. Rund ein Jahr lang hat man das Ehepaar Guillaume daher als Verdachtsfall nur beobachtet.

Während die Enttarnung Guillaumes den politisch bereits angezählten Willy Brandt keine zwei Wochen später seine Kanzlerschaft kostet, nimmt die Spitzel-Karriere des Verhafteten einen ambivalenten Verlauf. Ende 1975 verurteilt ihn das Oberlandesgericht Düsseldorf unter anderem wegen Landesverrats zu 13 Jahren Haft in der Justizvollzugsanstalt Rheinbach, seine Frau zu acht Jahren. Aber schon sechs Jahre später wird das Ehepaar nach einem Agentenaustausch in der DDR als „Kundschafter des Friedens“ gefeiert, befördert und in den Folgejahren als Vorzeigespione herumgereicht. Sogar ein Ehrendoktor ist drin. Nur persönlich finden die Guillaumes nicht ihr Glück. Noch am Tag der Ausreise hat Günter nämlich mit einer 17 Jahre jüngeren Krankenschwester angebandelt, die ebenfalls für die Stasi arbeitet. Die Ehe geht daraufhin in die Brüche. Guillaume stirbt 1995 mit 68 Jahren an Krebs. Heute gilt seine Agentenleistung als bescheiden. Wie aus den Akten der Staatssicherheit hervorgeht, haben die Vorgesetzten keinen einzigen seiner Berichte als „sehr wertvoll“ klassifiziert. Womöglich haben sie sich eher darüber amüsiert, wie viel Staub der aufgeflogene Spion im politischen Bonn aufgewirbelt hat.

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