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Architektur in Bonn: Wie Ernst van Dorp Bonn nach dem Zweiten Weltkrieg prägte

Ernst van Dorp : Dieser Architekt prägte Bonn nach dem Zweiten Weltkrieg

Zahlreiche Gebäude Bonns stammen aus der Werkstatt eines Architekten und verraten den Einfluss eines USA-Stipendiums: Ein Rundgang durch Bonn und das Leben des gebürtigen Rheinländers Ernst van Dorp zu dessen 100. Geburtstag.

Bis zum 17. Oktober 1944 war Bonn von den Bombardements der Alliierten weitgehend verschont geblieben. Dann wurde die Universitätsstadt mit ihrer unzerstörten Altstadt zum Testobjekt. Die Alliierten hatten ein radargestütztes Navigationssystem entwickelt, mit dem sich tagsüber strategische Ziele im Luftangriff zerstören ließen. Bonn wurde ausgewählt, um die Folgen eines Flachenbombardements in Siedlungen in der damals vorherrschenden Bauweise von Decken, Treppen und Dachstühlen – alles aus Holz – zu erproben. Bei dem Test-Bombardement am 18. Oktober 1944 wurden rund 33 Prozent aller Bonner Gebäude dem Erdboden gleichgemacht, darunter fast die gesamte Innenstadt samt Klinik, Theater und Universität. 300 Bonnerinnen und Bonner kamen allein bei diesem militärischen Experiment ums Leben.

Monate später ist der Zweite Weltkrieg beendet. Wenig später kehrt Ernst van Dorp aus dem Russlandfeldzug nach Bonn zurück. Die Eltern sind tot, die Geschwister überlebten. Der damals 25-Jährige klettert auf den höchsten Punkt der Reste seines Elternhauses am Münsterplatz. Der Blick von den eigenen Trümmern auf andere Trümmer ist eindeutig: Es gibt viel zu tun. Mit seinem Bruder Günter bewacht er den Schutt, versucht mit verbogenen Stahlträgern und organisierten Bahnschienen den Wiederaufbau seines Elternhauses.

Eigentlich wollte der im Zeichnen begabte van Dorp Landstreicher oder Bildhauer werden, doch er entschließt sich für ein Architekturstudium, was damals nur in der amerikanischen Zone möglich war – an der Technischen Hochschule Fridericiana in Karlsruhe. Die „Einschreibungsgebühr“ war zeitgemäß und eigennützig: Jeder Erstsemester musste rund 2000 Ziegelsteine aus Trümmerbauten besorgen und von altem Mörtel befreien, damit die Hochschule in Teilen wiederaufgebaut werden konnte. Stühle, Tische, Tafeln, Papier: Alles damals rare Sachen. Van Dorp tauschte Einmach-Gummiringe gegen Essen, Papier und Stifte – und lieferte die Ziegelsteine ab.

„Planen Sie eine Siedlung für eine Zeit, in der es wieder Bananen gibt“

1948 macht er sich an eine Semesteraufgabe von Professor Egon Eiermann (späterer Erbauer des Abgeordneten-Hochhauses „Langer Eugen“ in Bonn): „Planen Sie eine Siedlung für eine Zeit, in der es wieder Bananen gibt.“ Auf den bestbenoteten Studenten des Jahrgangs wartet ein Lottogewinn: ein Stipendium des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge in den USA. Die „Trophäe“ geht an van Dorp. Er ist damit im Jahr 1949 einer von fünf Nachkriegsdeutschen, die sich auf dem Forschungscampus des renommierten MIT fortbilden dürfen. Dabei trifft er auf die ganz Großen seines Fachs, etwa Mies van der Rohe, Walter Gropius oder Frank Lloyd Wright. Es ist der Kontakt mit unbekannten, neuen Architekturwelten.

Mit den Inspirationen aus der Neuen Welt – aufgelöste Formen, durchbrochene Fassaden – im Bewusstsein muss van Dorp nach dem MIT-Jahr seine nächste Etappe planen. Gropius macht ihm ein Angebot für die Harvard-Universität (USA), doch van Dorps Sehnsucht nach der Heimat ist groß. Er notiert: „Schwierig – ich entschied mich für Bonn, für Bauen in Bonn und von Bonn aus.“ Er will aktiv mitwirken, um die Stadt seiner Kindheit und Jugend wiederaufzubauen. Van Dorp engagiert sich, ist Gründungsmitglied der Bonner Rudergesellschaft, der Macke-Gesellschaft und des Bonner Kunstvereins.

Neue Horizonte durch neue Materialien

Bonn hat zwischenzeitlich an Bedeutung gewonnen und ist – statt Frankfurt – „zum Sitz der Bundesorgane“ geworden. Damit ist auch klar: Zwar muss das ganze Land wiederaufgebaut werden, aber Bonn wird als Hauptstadt-Provisorium ein Hotspot zusätzlicher Aktivitäten sein.  Im Kopf trägt van Dorp die Trends von der anderen Seite des Großen Teichs, vor allem das von Beton ummantelte Eisen erschließt Mitte des 20. Jahrhunderts neue Horizonte.

Letztlich ist es auch eine Geschichte der Statik. Bisher trugen Decken, Wände und Fassaden die Lasten, nun verlagerte sich der „Lastesel“ ins Innere. Das Konstruktionsprinzip des Gründerzeithauses basierte weitgehend auf der Fachwerkssystematik, nur wurden die hölzernen Wandelemente durch massives Mauerwerk ersetzt. Die Holzbalkendecken in den Obergeschossen blieben, ebenso die Stahlträgerdecken über dem Kellergeschoss. Nun aber folgte die stahlbetonbasierte Revolution, „die Auflösung der tragenden Fassendenfunktion“, wie es Experten nennen. Glasscheiben hatten nur noch Wetter-Schutzfunktion. Vereinfacht: Der stabile Stahlbetonkern, längst „Aufzugsbereich“ genannt, führte zur Abkehr von der bis dato klassischen Wand-Decken-Statik und potenzierte die Variabilität der Außengestaltung. Die baulichen Zwänge der Vergangenheit hatten sich verflüchtigt.

Überall Aufbruchstimmung

Ernst van Dorp, der am 2. Februar 100 Jahre alt geworden wäre, erkennt die neuen Spielräume. Er „spielt“ alles durch, erst in feiner und kreativer Zeichnung mit dem Stift, später mit Entwürfen und Plänen, schließlich wird das Ausgedachte – nach dem Gewinn von manchem Wettbewerb – mit Baggern und Kränen realisiert. Große Fenster oder komplett verglaste Fassaden entstehen, während die neuen Materialien Spannweiten ermöglichen, die Laien, wie etwa unter dem Tribünendach des Sportpark Nord, staunen lassen.

Doch zunächst muss der junge Mann sich organisieren, ein Büro gründen. Erst im Elternhaus am Münsterplatz, dann – inzwischen verheiratet, drei Kinder – in der Bachstraße, später in Kessenich. Überall Aufbruchstimmung. Die frische Bundesrepublik atmet Freiheit, Verbände und andere Institutionen entwickeln ein neues Selbstbewusstsein, viele Jahre der Gleichschaltung im Dritten Reich liegen hinter ihnen. Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks sucht eine Bleibe in Bonn und will seine Leistungsfähigkeit demonstrieren.

Architektenwettbewerb, städtebauliche und andere Vorgaben setzen den Rahmen für einen Büro-Neubau auf dem Grundstück der Villa Ermekeil gegenüber dem Museum König, heute „Adenauerallee 131a“. Am Rande geht es auch um eine steinalte Platane, die wohl ein Opfer der Bagger werden wird. Van Dorp hält sich nur grob an die Vorgaben – und gewinnt. Nebenbei rettet er die Platane.

„Vornehm und repräsentativ, ohne prunkhaft zu sein“

Der General-Anzeiger schreibt am 5. November 1953 zum von Kanzler Konrad Adenauer feierlich eröffneten Haus des Handwerks: „Ein Schmuckstück dieser durch die vier Geschosse führenden Halle ist die Treppe, die leicht und elegant gradlinig emporführt. Die Trittstufen und die Handläufen aus afrikanischem Rosenholz auf Stoßstufen aus schwarzem Eifelmarmor unterstreichen das Beschwingte der Formgebung besonders (...) Das Treppenhaus ist vornehm und repräsentativ gestaltet, ohne prunkhaft zu sein.“ Alle konnten zeigen, was sie können: Die Schlosser imponierten mit moderner Geländergestaltung, die Schreiner entwarfen Einbauschränke, die Elektriker sorgten in Decken und Wänden für feines, indirektes Licht, Glaser für bunte Mosaikfenster.

1988 wechselt die Nutzung. Zehn Jahre lang residiert hier die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, dann zieht der außenpolitische Think Tank für Außenpolitiker 1998 in den Berliner Tiergarten um – und später die Bundeszentrale für politische Bildung mit einer Filiale in die Adenauerallee 131a ein. Das einstige Haus des Handwerks, van Dorps erste Duftmarke in Bonn, wird  52 Jahre nach der Eröffnung ein Fall für das Amt für Denkmalpflege. Im Fachsprech liest sich das 2005 so: „Viergeschossiger flach gedeckter Baukörper über winkelförmigem Grundriss mit Anschluss an das in der Bauflucht stehende Nachbargebäude. Aussparung der Straßenecke als Vorplatz; Dachgeschoss zurückspringend mit Umgang, der ursprüngliche Dachgarten mit Pergola, 1953 verglast (...) Stahlbetonskelettkonstruktion mit Werksteinverblendung in Muschelkalk, glatte Lochfassade mit durchgehender Reihung gleicher Öffnungen (...) Nach Leerstand umfassend saniert.“ Fazit: „Bedeutend für die Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik, architektonisch klare Lösung eines zeitgemäßen Verwaltungsbaus.“ Also schützenswert.

Im Van-Dorp-Büro beginnen Architekten-Karrieren

Die Denkmalschützerin Angelika Schyma nennt van Dorp einen „Brückenbauer zwischen Tradition und Moderne“, deshalb „gerieten seine Bauten zurecht schon zu van Dorps Lebzeiten ins Blickfeld der Denkmalpflege“. Im Übrigen sei es schwerer, drei Sätze „über den leidenschaftlichen und beredten Baumeister“ zu schreiben als einen ganzen Aufsatz. Schyma: „Er beherrschte die große Geste des Entwurfs von großen Bauvolumina bis hin zum Detail.“

Im Van-Dorp-Büro entstehen vor und nach der Jahrtausendwende jedoch nicht nur Bauten, sondern beginnen auch Architekten-Karrieren, wie etwa die von Karl Heinz Schommer, Ralf Schweitzer oder Knut Aurel Kühnel – und wurzeln Lebensgeschichten. Zum Beispiel  die von Klara Grönewald. Mit 16 Lenzen hatte sie bei van Dorp eine kaufmännische Lehre begonnen. Die heute 85-Jährige erinnert sich: „Wir hatten schon bald auch im Ausland große Projekte. Von daher korrespondierten wir mit der Welt, und die Welt kam zu uns nach Bonn. Und der Boss sorgte dafür, dass auch wir früh etwas von der Welt zu sehen bekamen. Immer wieder einmal lud er die gesamte Belegschaft zu mehrtätigen Betriebsausflügen ein.“ Die erste Reise Mitte der 1950er Jahre sei in die Niederlande gegangen. Grönewald: „In der Nachkriegszeit waren das für uns kleine Weltreisen.“ Auch jene 1958, als die Van-Dorp-Crew die Weltausstellung in Brüssel besuchte. Bis nach Rio de Janeiro ging es für die Mitarbeiter jedoch nicht, wo van Dorp die deutsche Botschaft plante und baute. Getreu dem Fischskelett-Motto: Der Kern trägt alles, außen verbreiten wir auf wundersame Weise die Leichtigkeit und Magie des Stahlbetons.

Viele Schulen entstehen quasi nebenbei

In Bonn sprießen indes immer weitere Van-Dorp-Bauten aus dem Boden und füllen die Kriegslücken. Die architektonische Moderne besteht damals aus den neuen Möglichkeiten des Betons. Van Dorp nutzt sie, aber kaum in jener Radikalität, die Kritiker später als „Beton-Brutalismus“ beschreiben. Viele Schulen entstehen quasi nebenbei. Meist versetzt von der Straßenkante, damit freie Räume entstehen – Plätze zum Begegnen, „zur Kommunikation“ würde man heute sagen. Glas wird immer wichtiger. Erst für Fenster, dann für ganze Fassaden. Sie werden immer größer. Glas steht auch für Transparenz – „Wir haben keine Geheimnisse“. So assoziiert die Architektur des Wissenschaftszentrums Bonn so ziemlich das Gegenteil von einem Elfenbeinturm.

Mittlerweile bereitet auch die Wissenschaft Person und Thema auf. Professor Hiltrud Kier vom Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn, einst Stadtkonservatorin in Köln und ehemalige Generaldirektorin der Museen der Stadt Köln, sagt: „Die Arbeiten Ernst van Dorps sind für Bonn und das Rheinland von Bedeutung und in vielerlei Hinsicht beispielhaft für die Nachkriegsmoderne“ – ein idealer Humus für Doktorarbeiten. So promoviert jetzt Kerstin Würker über „Leben und Werk des Architekten Ernst van Dorp“. Hört sich übersichtlich an, aber die Dissertation begann schweißtreibend: Viele Jahrzehnte des Planens und Bauens stapeln sich heute in Kartons in Kellergewölben in Bonn-Kessenich. Selbst eine vergilbte Semesterbestätigung findet sich dort noch – unterschrieben von Egon Eiermann.

Bildband: Andreas Pellens/Ein Bonner baut: Ernst van Dorp, 204 S., ISBN 3-416-03033-8, 29 Euro