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Auswirkungen der Corona-Krise auf die Endenicher Kulturmeile

Zwischen Ratlosigkeit und Energie : Endenicher Kulturmeile weiter in der Krise

In der Endenicher Kulturmeile liegt die Einkehr der Normalität noch in weiter Ferne. Alle würden gerne lieber heute als morgen durchstarten, stehen jedoch durch die Beschränkung der Besucherzahlen und die Abstandsgebote vor großen Herausforderungen.

„Da habe ich am Telefon geweint“, erinnert sich Andreas Etienne an den Moment, in dem ihn der Vermieter der Springmaus-Theater-Immobilie anrief. Nachdem ihm Theaterleiter Etienne im März die Notlage des mit Beginn der Corona-Krise geschlossenen Theaters an der Frongasse schriftlich dargestellt hatte, bot ihm Holger Nemitz, Geschäftsführer der Bonner Rheinhaus-Wohnungsgesellschaft,  spontan an, keine Miete mehr abzubuchen, so lange das Theater geschlossen bleibe. Geschlossen ist seit dem Lockdown in unmittelbarer Nachbarschaft zur Springmaus  auch der Konzertsaal der Harmonie. „Wir hängen regelrecht in der Luft“, sagt Mitbetreiber Wolfgang Koll.

Während er und seine Kollegen als Eigentümer der Harmonie keine Miete zahlen müssen, zahlt Rheinhaus dem Theater nun die Miete bis es wieder zum Spielbetrieb kommen kann. „Wenn Sie wieder aufmachen“, gibt Etienne Nemitz wieder, dann werde man sich zusammensetzen, „sich tief in die Augen sehen und dabei gucken, wie wir das Problem gelöst kriegen.“ Diese Unterstützung gehört genauso wie die vielen mitfühlenden Briefe, die das Theater seit seiner Schließung am 14.März erreichten, zu den positiven Momenten der desaströsen Coranazeit, wie die finanzielle Unterstützung durch Fans des Theaters, die vermehrt dem Springmaus-Förderverein beitreten oder per Crowdfunding spenden.

Springmaus-Theaterleiter Andreas Etienne (rechts) überprüft zusammen mit dem Technischen Leiter Markus Spülbeck die Abstände zwischen dem Publikum. Foto: Stefan Hermes

Zukunft des Theaters ist nicht gesichert

„Die Wertschätzung und Unterstützung, die wir in dieser Zeit erfahren haben, ist immens“, so Etienne. Von Prominenten bis hin zu kellnernden Aushilfskräften habe sein Theater Zuwendungen erhalten. Trotzdem reiche das alles nicht aus, die Zukunft des Theaters zu sichern. Die sechs festangestellten Mitarbeiter des Hauses sind in Kurzarbeit. Alle Honorarkräfte und Künstler seien arbeitslos, fasst Etienne die Situation zusammen. Er erinnert sich an die Erleichterung, die es bedeutete, als am 13. März die Verordnung herauskam, den Spielbetrieb offiziell einstellen zu müssen.

Bis dahin hatte man in der Angst und Sorge gelebt, wie es vor dem Hintergrund der befürchteten Pandemie durch Covid-19 weitergehen könnte. Veranstaltungen habe man nicht absagen können, da ansonsten Künstler Regressforderungen an das Theater hätten stellen können. Andererseits fehlten bereits kostendeckende Einnahmen, da das Publikum schon verunsichert war und teilweise ausblieb. „Auf der einen Seite erlebten wir eine große Ratlosigkeit, auf der anderen Seite war aber auch eine ganz große Energie da“, fasst Etienne die Situation zusammen. Mit voller Empathie beschreibt er die Situation der Künstler, die durch das plötzliche Auftrittsverbot vor dem Aus standen.

Wolfgang Koll (r.) und Jan Schäfer vor der Harmonie: Die Gastronomie läuft an, der Konzertbetrieb ruht noch. Foto: Benjamin Westhoff

Drei Wochen, bevor das Springmaus-Theater schließen musste, stand Etienne noch mit dem Sänger Christoph Scheeben, Lisa Schumann und Darko Kostovski bei der Premiere von „Ludwig! jetzt mal unter uns“ auf der Bühne. Nach drei ausverkauften Vorstellungen machte Corona mit dem für das Beethovenjahr gedachten Programm Schluss. Etienne hofft darauf, ab August in die Rolle Beethovens  wieder schlüpfen zu dürfen. Wie das Programm mit dem Ensemble wieder möglich sein wird, bedarf jedoch noch einer genaueren Prüfung. Was man jetzt schon weiß, ist die Tatsache, dass das Theater selbst bei Vollbesetzung der dann immer auf 100 Personen limitierten Zuschauerzahl nicht mehr kostendeckend arbeiten wird.

„Für Sie als Zuschauer sieht es gerade tatsächlich so aus, als ob in fast allen Bundesländern die Kultur wieder fröhlich losgehen kann“, schreibt die Künstlerische Leiterin des Theaters, Andrea Heister, in den Sozialen Medien-Kanälen des Theaters. Doch alleine die aktuellen Abstandsregelungen seien betriebswirtschaftlich für alle Beteiligten ein totales Desaster und nicht wirklich umsetzbar.“  Um den Theaterbetrieb finanzieren zu können, so Heister, müsse man Eintrittspreise von mehr als 50 Euro pro Person verlangen. Doch das wolle man nicht. So ist die erste Vorstellung für den 31. Juli geplant. Dann wird mit dem Springmaus Improvisationstheater, „BÄÄM! – Die Sommer-Special-Show“ zu sehen sein.

Darf getanzt werden?

Während der Gastronomiebetrieb – wenn auch mit reduzierter Tischzahl  – in der Harmonie bereits ans Laufen gekommen ist, guckt Koll hinsichtlich des Konzertbetriebs im Saal hinter der Gaststätte eher düster in die Zukunft. Gut 50 Veranstaltungen, die nach dem Lockdown bis zur Sommerpause geplant waren, mussten verschoben werden. Ob  die Konzerte ab Herbst nachgeholt werden können, stehe in den Sternen. „Wir wissen überhaupt nicht wann und vor allem wie es bei uns weitergehen  wird“,   sagt Koll und wirkt dabei sichtlich resigniert. Er verstehe die Politiker durchaus, dass sie dazu noch keine Ansage machen würden. „Das ist ja auch schwierig, da Regelungen zu treffen.“

Zumal bei Konzerten in der Harmonie größtenteils keine Bestuhlung  vorgesehen ist.  Hinzu kommt, dass normalerweise bis zu 450 Gäste im Saal zugelassen sind. „Wenn wir nur  bis zu 100 Besucher reinlassen dürfen, rechnen sich 90 Prozent unserer Konzerte nicht“, erklärt Koll. „Das ist für uns alle eine unbefriedigende Situation“, sagt er und verweist auch auf das in der Frongasse ebenfalls beheimatete Theater im Ballsaal und das Rex-Kino, deren Betreiber ebenfalls mit Sorge in die Zukunft blickten. Und: Wie sollen sich die Besucher im Konzertsaal der Harmonie verhalten? Dürfen sie tanzen? Wie sollen sie sich generell bei einem Konzert im Saal bewegen dürfen? „Da sind Fragen über Fragen“, so Koll, „wir warten jetzt auf Ansagen seitens der Politik“.  Die Hände in den Schoß haben er und seine Kollegen aber nicht gelegt. „Wie immer um diese Jahreszeit führen wir natürlich Wartungsarbeiten im Saal durch.“

Und um die Verluste in der Gastronomie ein wenig auffangen zu können, hatten Koll und seine Mitbetreiber die Idee, den Biergarten bei Regen in einen Teil des Saals zu verlagern, der inzwischen mit Tischen und Stühlen ausgestattet ist.  Natürlich mit gehörigem Abstand.