Schwangerschaftsberatung in Bonn Was kann ich tun, wenn ich mit meinem Kind überfordert bin?

Bonn · Zwei Mütter stehen derzeit im Verdacht, ihre Kinder getötet zu haben. Welche Angebote gibt es in Bonn, wenn frische und werdende Eltern sich überfordert fühlen? Eine Mitarbeiterin der Schwangerschaftsberatung erzählt, was sie erlebt.

Viele Eltern haben mit Herausforderungen und Problemen zu kämpfen, sagt Susanne Absolon von der Schwangerschaftsberatung Esperanza. In der Gesellschaft sind es dennoch häufig Tabuthemen.

Viele Eltern haben mit Herausforderungen und Problemen zu kämpfen, sagt Susanne Absolon von der Schwangerschaftsberatung Esperanza. In der Gesellschaft sind es dennoch häufig Tabuthemen.

Foto: dpa/Christin Klose

Frische und werdende Eltern haben mit vielen Problemen und Herausforderungen zu kämpfen, die noch immer als Tabuthemen gelten, sagt die Sozialpädagogin Susanne Absalon von der Schwangerschaftsberatung Esperanza in Bonn. „Viele denken, dass sie die Einzigen sind, bei denen etwas schiefläuft. Aber wir erleben täglich, dass es nicht so ist“, sagt sie. Zu Beraterinnen wie ihr kommen junge Mütter, die ihr Kind anonym entbinden wollen, Väter, die sich Sorgen um den Unterhalt machen, und Eltern, die sich mit einem Neugeborenen vollkommen überfordert fühlen.

Zwei Todesfälle von Kindern haben zuletzt die Bonner erschüttert. Anfang März soll eine 46-jährige Mutter ihre sechs Jahre alte Tochter erstickt haben. Anschließend stieg sie in den Rhein, mutmaßlich um sich das Leben zu nehmen. Vor wenigen Tagen wurde eine 21 Jahre alte Mutter vorläufig festgenommen, weil sie im Verdacht steht, ihr Neugeborenes kurz nach der Geburt getötet zu haben. In beiden Fällen ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft, die Hintergründe der Taten sind noch unklar.

Eltern in Not

Susanne Absalon nehmen solche Geschichten mit. Warum Eltern oder gerade Mütter ihre Kinder verletzen oder gar töten, könne ganz unterschiedliche Gründe haben, die sich auch vermischten. „Es kann zum Beispiel sein, dass es eine ungeplante oder unerwünschte Schwangerschaft gibt, und die Mutter nicht möchte, dass die Schwangerschaft überhaupt bekannt wird. Dann passieren solche Tragödien aus einer großen Not heraus.“

Aber auch psychische Erkrankungen können laut Absalon eine Rolle spielen, wie Depressionen oder Psychosen. Beim sogenannten erweiterten Suizid kann es zu einer Kindstötung kommen. Ursache könne weiterhin eine „massive Überforderung“ sein, die aus einer Überlastung resultiere. „Es gibt dann zu viele Probleme und zu wenig Unterstützung. Eltern sind so überfordert, dass sie ihr Kind schütteln und es dadurch zu Schaden kommt oder sie es nicht adäquat versorgen“, erklärt Absalon.

Wen solche Gefühle umtreiben, der findet in Bonn und der Region viele kostenlose Hilfsangebote verschiedener Träger. Die Schwangerschaftsberatung Esperanza der Caritas ist nur eine Anlaufstelle, wie Absalon berichtet, die auch im Netzwerk Frühe Hilfen engagiert ist. So ist beispielsweise das Hilfetelefon für Schwangere in Not (0800/40 40 020), das vom Bundesfamilienministerium finanziert wird, deutschlandweit rund um die Uhr erreichbar.

Statt einer Babyklappe, die es schon viele Jahre nicht mehr in Bonn gibt, können Mütter eine vertrauliche Geburt einleiten. Dabei können sie unter einem Pseudonym in einem Krankenhaus ihr Kind bekommen, der Erstkontakt läuft über die Schwangerschaftsberatungen. „Der Vorteil ist, dass es eine gute medizinische Versorgung gibt“, sagt Absalon. Zudem wird bei den Schwangerschaftsberatungen ein Kontakt hinterlegt, sodass das Recht gewahrt werden kann, dass Kinder, wenn sie erwachsen sind, herausfinden können, wer ihre Eltern sind. „Das System ist sehr durchdacht.“

„Für sie brach eine Welt zusammen“

Absalon kennt viele Eltern, denen geholfen wurde. Sie nennt eine Frau, die von ihrem Partner nach Bekanntwerden der Schwangerschaft verlassen wurde. „Für sie brach eine Welt zusammen. Sie dachte, dass sie alles mit ihrem Freund zusammen macht. Und nun stand sie alleine da.“ Trauer, Wut und Verzweiflung kamen auf. „Wir gucken dann konkret, womit wir unterstützen können. Sie konnte erzählen, weinen, ihre Wut rauslassen. Aber auch überlegen, was sie braucht, um ihr Kind später gut zu versorgen, während es ihr dabei selbst gut geht.“

Absalon berichtet zudem von einem Vater, der mit seiner Familie noch nicht lange in Deutschland lebte und hier arbeitet. „Seine Frau war schwanger, es gab hier keine anderen Familienangehörigen. Er wusste einfach nicht, wie die Familie das alles schaffen soll, auch finanziell.“ Esperanza beriet dann, wie man Elternzeit beantragen kann und welche staatlichen Unterstützungen es gibt.

Die Themen, die bei den Schwangerschaftsberatungen angesprochen werden können, sind so vielfältig wie die Gesellschaft selbst. „Das fängt schon bei der Kinderwunschbehandlung an“, sagt Absalon. Fragen kommen auf, wie die Geburt stattfinden soll. Oder es gibt den Verdacht, dass das Kind eine Behinderung haben könnte. Und auch wenn das Kind auf der Welt ist, ist alles nicht so rosig, wie einem das oft vermittelt wird. „Zum Beispiel, wenn man ein Schreibaby hat“, sagt Absalon. Postnatale Depressionen träfen viele Mütter, über die nicht gern gesprochen werde, genauso wie Fehlgeburten. „Aber auch weibliche Genitalbeschneidung ist ein Thema, das viele Frauen aus anderen Ländern betrifft.“ Esperanza berät bis zum dritten Lebensjahr des Kindes, weshalb es auch um die Beziehung der Eltern selbst gehen kann. „Es gibt in unserem Netzwerk für fast alles ein Angebot“, sagt Absalon.

Immer noch ein Tabuthema

Trotz vieler Hilfsangebote behalten viele Eltern die Probleme eher für sich. „Es gibt eine große Zurückhaltung, anzusprechen, was nicht rund läuft“, sagt Absalon. Doch damit sei man nicht alleine. „Wichtig ist, dass man sich vergegenwärtigen muss, dass man keine persönliche Schuld daran hat.“ Nur wer den ersten Schritt mache, bekomme auch Hilfe. „Sorge, dass man das nicht steuern kann, braucht niemand haben. Eltern entscheiden, welche Unterstützung sie haben möchten. Sie geben die Zügel nicht aus der Hand.“

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