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Baustoffe: Materialen werden knapp und teuer in Bonn und der Region

Gipskarton, Rohre und Holz-Produkte werden knapp : Die Baustoffkrise erfasst die Region

Weil sich Baumaterialien auf breiter Front verteuern und immer knapper werden, schlägt die regionale Baubranche Alarm

Der Bauherr aus dem Rhein-Sieg-Kreis staunte nicht schlecht, als sein Trockenbauer aus der Grafschaft vor einer Woche mit betroffener Miene vor ihm stand. Miroslaw Bolimowski konnte mit dem Innenausbau nicht anfangen, weil Rigipsplatten ausverkauft beziehungsweise exorbitant teuer geworden sind: Um bis zu 30 Prozent, sagt er. Bei PVC-Rohren und Kupferdraht macht Marc Lellmann, Geschäftsführer eines Wachtberger Elektrofachbetriebs, eine ähnliche Entwicklung aus: „Bei diesen Produktsparten sind die Preise seit Anfang des Jahres um 30 bis 50 Prozent gestiegen.“

Das Beispiel zeigt: Die Baustoffkrise beschränkt sich, wie mehrfach berichtet, längst nicht mehr allein auf Holz-Produkte. Allgemein werden laut Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen (BVMB) mit Sitz in Bonn Baustoffe nicht nur immer teurer, sondern entpuppen sich auch als Mangelware. 

„Vor allem Stahl, aber auch PE-Materialien sind zurzeit nur sehr eingeschränkt verfügbar“, warnt BVMB-Hauptgeschäftsführer Michael Gilka. Lieferengpässe gebe es beispielsweise bei Materialien wie Styrodur. Hier seien oft nur noch aus dem Ausland Lieferungen zu bekommen und die auch nur in einem äußerst eingeschränkten Umfang. „Das treibt dann natürlich auch den Preis gewaltig in die Höhe“, klagt Gilka.

Bauprojekte verzögern sich

Die Folge: „Für laufende Projekte befürchten wir, dass sich Ausführungen eventuell ins nächste Jahr verlagern könnten“, sorgt sich der Verbandsvertreter. Solche drohenden Verzögerungen müssten Auftraggeber bei ihren Haushalts- und Budgetplanungen berücksichtigen, betont Gilka. Die Bundesvereinigung empfiehlt den Bauunternehmen, mit Nachunternehmern und Lieferanten möglichst frühzeitig Risiken anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu suchen. An die Auftraggeber appelliert man, sich offener für Stoffpreisgleitklauseln in Bauverträgen zu zeigen.

„Gerade wenn Bauzeiten über zehn Monate hinausgehen, können insbesondere die Risiken von volatilen Preisen zwischen den Vertragsparteien fair verteilt werden“, so Gilka. Er unterstreicht, dass eine Stoffpreisgleitklausel „keine Einbahnstraße“ sei: Sie würde den Auftraggeber dann entlasten, wenn die tatsächlichen Materialpreise hinter dem vereinbarten Vertragsniveau zurückbleiben. Allerdings hatte Alexander Leidig, Fachanwalt für Bau‑ und Architektenrecht sowie Leiter der Arbeitsgemeinschaft Baurecht beim Bonner Anwaltverein, bereits Verbraucher vor solchen Preisgleitklauseln gewarnt. Dadurch werde das komplette Risiko nachträglicher Preiserhöhungen von Materialien auf den privaten Bauherrn verlagert und es bestehe keine Kostensicherheit mehr.

Lieferzeiten bis zu zwei Monaten

Dass die Baustoffkrise längst auch die Bonner Region erreicht hat, bestätigen Christian Faßbender und Thomas Raab, Geschäftsführer des Baustoffhändlers Faßbender Tenten aus Alfter: „Aufgrund der großen Nachfrage im In- und Ausland entstehen längere Lieferzeiten von circa ein bis zwei Monaten.“ Daher sei es zu massiven Preissteigerungen bei vielen Warengruppen gekommen. Faßbender nennt exemplarisch Extruderschaum (XPS), Dämmmaterial unterschiedlichster Art, Holz wie OSB-Platten und besagte Gipskartonplatten. Mittlerweile seien auch Kanalgrund (KG)-Rohre oder Metallprofile schwer zu bekommen.

In einem Schreiben informiert das Unternehmen derzeit Geschäftspartner über die Preissteigerungen. So seien beispielsweise die Preise für Baustahl und Eisen im Vergleich zum vergangenen Jahr um satte 30 bis 40 Prozent gestiegen. Besagte KG-Rohre kosten 45 bis 50 Prozent und Styropor zwischen 30 und 35 Prozent mehr. „Leider sind wir gezwungen, unsere Angebote teilweise zu überarbeiten“, kündigen die Alfterer bereits an. Was die Sache laut Christian Faßbender noch erschwert: „Viele Materialien sind trotz höherer Preise nur schwer und oft nicht in ausreichender Menge zu bekommen.“

Die Krise wird für den Baustoffhändler zudem durch eine gewisse „Bunkermentalität“ beim Einkauf gefördert. Mancher Handwerksbetrieb kaufe derzeit Waren in großen Mengen, quasi auf Vorrat. Dieses Horten von Baustoffmaterialien müsse der Markt nun zusätzlich „bedienen“, erklärt Christian Faßbender. Jedoch könne man Großkunden und Stammkundschaft noch beliefern. Denn: Das Unternehmen führt nach eigener Aussage mit seinen zwölf Niederlassungen das größte Lager für Baustoffe im gesamten Rheinland.

Hat die Baustoffkrise bereits die Bauherren erreicht? 

Verzeichnen Banken erste Anfragen von Kunden, die eine Baufinanzierung für ein jetzt geplantes Projekt neu verhandeln wollen? „Zwar haben wir das Thema Baustoffpreissteigerung in den Medien gelesen, doch Gespräche dazu auf Kundenebene kann unser Baufinanzierungsvertrieb (noch) nicht verzeichnen“, sagt Norbert Minwegen, Sprecher der Sparkasse Köln-Bonn. Minwegen weist daraufhin, dass unabhängig vom Baustoffpreis die Gesamtfinanzierung dann unter Druck gerät, wenn kein Bauträger das Projekt umsetzt. 

Ähnliches sagt auch Rita Küpper, zuständig für das Marketing bei der VR Bank Bonn. Wenn der Kunde eine Immobilie von einem Bauträger erworben hat, hat der Käufer somit auch einen Festpreis vereinbart: „Kostensteigerungen können hier seitens des Bauträgers nicht weitergegeben werden.“ Trotzdem geht Mark Kellringer, Geschäftsführer des Rheinbacher Projektentwicklers Sedos, davon aus, dass langfristig der Bauherr die Zeche für die derzeitige Preisrallye zahlen muss: „Es wird für uns als Bauträger wegen der Baustoffkrise megaschwer werden, Projekte zu planen und zu festen Verkaufspreisen anzubieten“, erklärt er. Von daher müsse der Kunde damit rechnen, dass der Quadratmeter Wohnfläche bald zehn bis 20 Prozent mehr kosten werde. 

Der Grafschafter Trockenbauer Bolimowski fährt derweil bis nach Koblenz, um Rigipsplatten für seine Kunden zu ergattern. Das kostet neben Geld auch noch mehr Zeit.