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Schließung des Hauses Dottendorf: Bewohner und Angehörige schwer betroffen

Schließung des Hauses Dottendorf : Bewohner und Angehörige schwer betroffen

Als die Mutter von Renate Schwietzke vor anderthalb Jahren vom Paulusheim wegen der bevorstehenden Schließung des traditionsreichen Pflegeheims im Bonner Stadtteil Endenich in das Seniorenwohnzentrum Haus Dottendorf umziehen musste, war das für die heute 87-Jährige ein schwerer Schock.

Mutter und Tochter ahnten damals nicht, dass auch das neue Zuhause der alten Dame nur ein Heim auf Zeit sein würde. Auch hätte Renate Schwietzke niemals gedacht, dass es dieses Mal sogar ein Umzug "Hals über Kopf" werden würde. "Wir haben uns jetzt dazu entschieden, weil wir bis zum Mittag im Ungewissen gelassen wurden, was mit dem Haus passiert", sagt Schwietzke gestern Abend am Telefon. Da ist die Mutter bereits in einem anderen Seniorenheim untergekommen. "Es war ein tränenreicher Abschied", sagt die Tochter, die auf die Pflegekräfte, die ihre Mutter betreut haben, nichts kommen lässt. "Die können doch nichts für die Zustände im Haus und den Personalmangel." Darunter hätten doch alle schon seit Langem zu leiden gehabt. Sie ist froh, mit der Mutter der ganzen Aufregung und den teilweise chaotisch wirkenden Vorgängen im Haus Dottendorf entkommen zu sein. "Meine Mutter war sehr tapfer, aber als sie in ihrem neuen Zimmer im Bett war, hat sie am ganzen Leib gezittert."

Was der seit Jahren diskutierte Pflegenotstand wegen des zunehmenden Mangels an Fachkräften in Deutschland in der Praxis bedeuten kann, das haben seit Tagen neben Familie Schwietzke auch die meisten anderen der rund 95 Bewohner des Hauses Dottendorf und ihre Angehörigen hautnah und Experten zufolge in einer äußerst drastischen Form zu spüren bekommen. "Immer wieder kommt es vor, dass Heimaufsichten Dinge bemängeln, die die Träger per Frist abstellen müssen. Dass ein Heim teilgeräumt werden muss, ist eine krasse Ausnahme", sagt Eugen Brysch, Vorstandsmitglied der deutschen Stiftung für Patientenschutz.

Ungewöhnlich ist auch die Informationspolitik des Pflegeheimträgers, der Dortmunder Senator GmbH: Während Mitarbeiter aufgeschreckt mit blauen Müllsäcken, in denen sich ganz offenkundig Kleidungsstücke einiger ausgezogener Bewohner befinden, durch das Haus rennen, warten Angehörige der noch verbliebenen rund 30 Senioren mit den Pflegestufen 0 und 1 stundenlang im Foyer auf Informationen. Einer Frau platzt der Kragen. "Ich gehe jetzt zur Verwaltung", ruft sie und marschiert los. Ein ganzer Pulk von Leuten folgt ihr. Doch sie werden wieder nur vertröstet. "Das ist ein Skandal", sagt Rainer Streubel. Der Bonner Uni-Professor hat von der Verlegung seiner Mutter erst erfahren, als sie schon umgezogen war.

Unterdessen kämpfen Vertreter von Senator hinter verschlossenen Türen mit der Heimaufsicht und dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) darum, die Schließung zu verhindern. "Wir haben Fachkräfte aus anderen Häusern nach Bonn abgezogen", sagt Senator-Sprecherin Nicole Jakobs auf Anfrage. Ein Eilantrag gegen die Verfügung der Heimaufsicht liegt zu dem Zeitpunkt bereits dem Verwaltungsgericht Köln vor.

Ein gleichlautender Antrag vorige Woche, als die Heimaufsicht die sofortige Teilräumung von Bewohnern mit den Pflegestufen 2 und 3 verfügte, wurde zu spät gestellt. 65 alte Menschen, viele von ihnen schwer dement, mussten von jetzt auf gleich wegen "gefährlicher Pflege" verlegt werden. Bonns Sozialdezernentin Angelika Maria Wahrheit verteidigt gestern Abend im Rathaus die Teilräumung. "Ja, man kann sagen, es war Gefahr im Verzug", sagt sie und verweist unter anderem auf die Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung in zwei Fällen. Eine falsche Medikamentengabe soll eine Rolle gespielt haben.

Eine schreckliche Vorstellung. "Schuld an den Zuständen sind nicht die Pflegekräfte, sondern die Bedingungen, unter denen sie arbeiten", sagt Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK. Der VdK unterstützt eine Verfassungsbeschwerde von sieben Bürgern gegen den Pflegenotstand in deutschen Pflegeheimen "Vernachlässigung, Druckgeschwüre, mangelnde Ernährung, Austrocknung und freiheitsentziehende Maßnahmen mit Fixiergurten oder durch Medikamente kommen hierzulande leider viel zu häufig vor", klagt der VdK. Auch im Haus Dottendorf lag laut Wahrheit seit Längerem einiges im Argen. "Glauben Sie mir, wir lassen so ein Haus nicht schließen wegen Rechtschreibfehlern in der Dokumentation", sagt sie.