30 Jahre Niederflurbahn Die einmalige Fahrt der Bertha-Bahn in Bonn

Bonn · Die Niederflurbahn von Siemens-Düwag feiert ihr 30-Jähriges. Bald soll sie vollständig ersetzt werden. Zahlreiche Bahn-Enthusiasten haben eine besondere Fahrt mit der Bertha-Bahn unternommen. Was fasziniert die Menschen so daran? Der GA war bei der etwas anderen Fahrt mit dabei.

 Die Niederflurbahn in Bonn ist 30 Jahre alt.

Die Niederflurbahn in Bonn ist 30 Jahre alt.

Foto: Emre Koc

Große Aufregung und freudige Stimmung herrschen am Betriebshof der Stadtwerke Bonn (SWB) am Samstagmorgen. Denn die Niederflurbahn der SWB, die etwa auf den Linien 61, 62 und 65 verkehrt, wird 30 Jahre alt. Nicht nur Begeisterte aus Bonn und der Region sind angereist, um an der Sonderfahrt teilzunehmen, die der Historische Verein Stadtwerke Bonn (HVSWB) organisiert. Viele sind von weither gekommen und wollen eine Fahrt in der bald historischen Bonner Straßenbahn erleben. Denn die Straßenbahnen sollen vollständig durch neue Modelle ersetzt werden.

Auch fünf Männer aus Essen sind angereist: „Das Hobby und das Interesse an Straßenbahnen sowie ihre Geschichte treibt uns nach Bonn“, sagt Daniel Hübscher. Die Strecke, das Landschaftsbild in Bonn und die Technik der Bahnen finde er super. Die Fünf sind regelmäßig bei Veranstaltungen wie dieser. „Vorletzte Woche war etwas Ähnliches in Mannheim. Letzte Woche waren wir in Schöneiche", sagt Hübscher.

Sonderfahrt mit der Bertha-Bahn

Die Bertha-Bahn hat die Ehre, die Sonderfahrt anlässlich des Jubiläums zu übernehmen. Ein besonderes Faszinosum des Tages ist, dass die Fahrt größtenteils über Stationen geht, an denen der Ein- und Ausstieg theoretisch nicht möglich ist. Der Grund: Die meisten liegen auf dem Streckennetz der Stadtbahnen. Also auf den Linien 16, 18, 63, 66, 67 und 68. „Auf diesen Linien fahren normalerweise die Hochflurbahnen, deren Einstieg 90 Zentimeter hoch ist“, sagt der HVSWB-Vorsitzende Thomas Nehiba. Natürlich sei für Notfälle mitgedacht worden: Mehrere Trittleitern stehen an den Türen der Bertha-Bahn in Griffweite.

Straßenbahnen in Bonn: Historische Fotos
9 Bilder

Bonns Straßenbahnen von früher und heute

9 Bilder

Um 10 Uhr geht die Fahrt los. Der erste Zwischenstopp - noch gibt es nämlich kein grünes Licht für die Einfahrt zum Bonner U-Bahnhof - ist an der Haltestelle „Bonn West“. Der erste Eindruck: sehr merkwürdig. Ganz schön hoch muss man aus der Bahn heraus schauen – anders als gewohnt. Und genauso komisch aus der Wäsche schauen mehrere Dutzend Reisende am Bahnsteig. Einige wollen schon fast zur Tür gehen, merken aber, irgendwas stimmt da nicht. In der Bertha-Bahn sorgt es für viel Gelächter.

Gegen 10.30 Uhr steigen weitere Fahrgäste ein, die meisten ausgerüstet mit Kameras. Auf der Sonderfahrt soll es nämlich reichlich Möglichkeiten geben, die Straßenbahn an besonderen Orten in Bonn zu fotografieren. Der 15-jährige Leo, Schüler des Nicolaus-Cusanus-Gymnasiums, und sein Schulfreund unterhalten sich bereits angeregt. „Ich fahre gerne mit der Bahn und bin ziemlich fasziniert von der Technik“, sagt er.

In seiner Freizeit filme und fotografiere er auch Züge. Schon als kleines Kind habe er stundenlang an den Haltestellen gesessen und die Bahnen angeschaut. „Ich finde es schade, dass die mittlerweile 30 Jahre alte Niederflurbahn ersetzt werden soll.“ Aber Leo kann es auch verstehen. „Die Straßenbahnen sind nicht mehr in einem so guten Zustand. Vermehrt kommt es zu technischen Problemen während der Fahrt und sie haben viele Mängel", weiß er. Zumindest die allererste Bahn der 94er-Baureihe sollte seiner Meinung nach in einem Museum ausgestellt werden. Was er in Zukunft machen will, weiß Leo auch schon sicher: „Lokführer oder Bahnfahrer. Egal, ob bei der SWB oder der Deutschen Bahn.“

Faszination Bahnfahren

Bereits die erste Teilstrecke der heutigen Sonderfahrt verspricht, schön zu werden. Die Weiterfahrt vom Hauptbahnhof aus erfolgt nämlich auf der Strecke der Linie 66 nach Bad Honnef. Die Route führt zu einem großen Teil entlang des Rheins. „Es ist für mich auch ein bisschen Nostalgie. Ich hatte über Facebook gelesen, dass diese Sonderfahrt stattfindet, und freue mich einfach, eine Fahrt quer durch Bonn und das Bonner Umland machen zu können“, sagt die gebürtige Bonnerin Claudia Wind, während die Bertha-Bahn über die Südbrücke entlang der Rheinaue fährt.

Die alten Bahnen habe sie immer geliebt. Wind erinnert sich, dass bei der Fahrt mit den Hochflurbahnen die Barrierefreiheit nicht an allen Stationen des SWB- sowie KVB-Gebiets gewährleistet war. Und tatsächlich fährt die Bertha-Bahn kurze Zeit später an einer solchen Stelle vorbei: Oberkassel. Zwar hält auch die Linie 62 an den drei Stationen in Oberkassel, die Bahnen der Linie 66 aber müssten an diesen Haltestellen die Klapptrittstufen ausfahren. Für Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen sei der Einstieg in die Linie 66 in Oberkassel dadurch praktisch unmöglich.

Während die Fahrt entlang des Rheins Richtung Bad Honnef weitergeht, steht SWB-Veteranen Siegfried Neumann am Souvenirstand. Woher stammt die Faszination für Schienenfahrzeuge? „Viele sind vor allem von der Technik begeistert. Sie ist zum Anfassen, aber auch zum Betrachten. Auch steckt viel Teamarbeit dahinter“, erklärt er. Neumann war rund 44 Jahre bei der SWB tätig, sein Handwerk hatte er zuvor bei den Köln-Bonner Eisenbahnen (heute HGK) gelernt. Während er erzählt, und keine Anekdoten oder historische Fakten auslässt, scharen sich immer mehr Fahrgäste um ihn und hören gebannt zu.

Nach einer kurzen Fotopause in Bad Honnef geht die Fahrt weiter Richtung Auerberg. In Höhe von Graurheindorf kommt die Bertha-Bahn am ehemaligen Betriebshof vorbei. Für den General-Anzeiger endet die Tour hier. Bei den Fahrgästen beginnt der Spaß aber erst richtig. Von Auerberg aus geht es nämlich weiter nach Siegburg und wieder zurück nach Auerberg. Schließlich nach Königswinter, dann nach Buschdorf und Bad Godesberg. Von dort aus wieder zum Ausgangspunkt im Betriebshof Dransdorf.

Tausche Auto gegen Freiheit
Ehepaar aus Meckenheim steigt um Tausche Auto gegen Freiheit