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Bonn: Diskussion über Antisemitismus - Juden fühlen sich angefeindet

Diskussion über Antisemitismus : Bonner Juden fühlen sich angefeindet

Der Antisemitismus in Bonn und ganz Deutschland nimmt wieder zu. Das ist das Ergebnis einer Diskussion bei der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Auf die Frage, ob er in Deutschland schon Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht habe, antwortete Oleh Goloborodskyy mit einem klaren „Ja“. Der Jude mit ukrainischen Wurzeln zog „auf Einladung durch das deutsche Volk“ nach Bonn und hat in der Beethovenstadt seine Heimat gefunden. Jetzt sieht Goloborodskyy vermehrt Anfeindungen gegenüber seiner Religion.

„Bei meinen Gemeindemitgliedern gibt es immer häufiger Probleme. Es gibt viele Menschen, die nicht wollen, dass wir mit Kippa und Schmuck durch die Stadt laufen. Auch Frauen wurden angegriffen; es ist ein aktuelles Thema“, berichtete Goloborodskyy. Er selbst habe auch schon Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht. „Zwei Vorfälle waren es, die ich erlebt habe.“ Was genau passiert sei, darüber wollte der Bonner aber nicht reden. „Antisemitismus ist in Deutschland ein Thema, das ist klar. Es ist ganz wichtig, dass man das anspricht“, forderte Goloborodskyy.

Gesellschaftlich prekäre Situation

Das sieht auch Dietmar Pistorius so. Der Superintendant der evangelischen Kirche sprach beim Jahresempfang der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Bonn das Grußwort. „Wir befinden uns in einer gesellschaftlich prekären Situation. Wir müssen einander unterstützen und Solidarität zeigen“, forderte er. Dabei verwies Pistorius auch auf Zahlen des Landesinnenministeriums: „Die Straftaten auf Juden haben sich verfünffacht.“ Um dem entgegenzutreten, müsse man mehr in den Dialog kommen, so der Superintendant. „Viele Menschen fühlen sich nicht gehört oder nicht als Teil der Gesellschaft. Wir müssen auf sie zugehen“, befand er. So habe man „die Masse“ verloren und müssen sich Gedanken machen, wie man wieder zueinanderfindet.

Die rund 50 Gäste im Haus der evangelischen Kirche stimmten Pistorius zu. Unter ihnen war auch Sarah Nachama. Die Rektorin des Touro College Berlin hielt einen Gastvortrag. „Der Hass auf Juden ist auf der Weltbühne wieder salonfähig“, mahnte sie. Dabei sei jegliche Gewalt zu verabscheuen. Ein Ursprung der Probleme sieht die Berlinerin auch in der Bildung. „Der Antisemitismus ist ein Teil der europäischen Kultur.“ So seien unter anderem Martin Luther und Richard Wagner mit judenfeindlichen Äußerungen aufgefallen. Auf Nachamas Worte folgte betretendes Schweigen im Raum.

Wachsender Trend in Deutschland

In der ersten Reihe saß Pfarrer Joachim Gerhardt. Der Vorsitzende engagiert sich schon länger für die Christlich-jüdische Zusammenarbeit. „Wir Christen sind aus dem Judentum entstanden, und das Judentum ist und bleibt ganz eng mit uns verbunden“, sagte er. Auch der Gerhardt erkennt in Deutschland einen wachsenden Trend: „Es gab schon immer Antisemitismus, aber die Hemmungen fallen wieder“, sagte Gerhardt. „Ich nehme sehr aufmerksam wahr, dass unsere jüdischen Freunde zunehmend Angst haben und die Verunsicherung groß ist“, berichtete er.

So gäbe es vermehrt Vorfälle an Synagogen. „Juden wird die Kippa vom Kopf gehauen, und Synagogen erhalten Drohbriefe“, so Gerhardt. „Da müssen wir aufwachen. Die Menschen müssen mehr Stellung beziehen und sagen, dass sie hier keinen Antisemitismus im Land wollen“, mahnte der Bonner. „Die schweigende Mehrheit muss sich zum Frieden und Miteinander bekennen.“