Offener Brief Geflüchtete in Bonn verurteilen Gewalttaten der Hamas und den Gaza-Krieg

Beuel · Teilnehmer des Flüchtlingstreffens „Zusammen together“ vom Verein Abenteuer Lernen haben einen offenen Brief unterzeichnet, der sich gegen die Gewalttaten der Hamas in Israel und die Eskalation des Krieges im Gazastreifen ausspricht. Warum die Geflüchteten sich so deutlich öffentlich positionieren.

Gemeinsam gegen Terror, Gewalt und Antisemitismus: Geflüchtete und Mitarbeitende des Vereins Abenteuer Lernen mit dem Offenen Brief.

Gemeinsam gegen Terror, Gewalt und Antisemitismus: Geflüchtete und Mitarbeitende des Vereins Abenteuer Lernen mit dem Offenen Brief.

Foto: Benjamin Westhoff

Sie kommen aus Syrien, Iran, Afghanistan und Eritrea, gehören also unterschiedlichen Volksgruppen und Religionen an. Gemeinsam haben die Teilnehmer des Flüchtlingstreffens „Zusammen together“ vom Verein Abenteuer Lernen jetzt einen offenen Brief erstellt und unterzeichnet. Darin heißt es unter anderem: „Wir sind alle erschüttert über die Gewalttaten der Hamas in Israel, über die Eskalation des Krieges im Gazastreifen, bei dem die Zivilbevölkerung extrem leidet. Aber wir sind auch erschüttert über die antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland.“

Mit dem offenen Brief möchten die Geflüchteten öffentlich Stellung beziehen und zeigen, dass sie der Konflikt in Israel und Gaza sehr berührt, gleichzeitig aber deutlich machen, dass Muslime nicht automatisch wegen ihres Glaubens eine anti-israelische oder gar antisemitische Haltung haben. „Gerade aufgrund der eigenen Gewalterfahrungen sind die Menschen sehr gut in der Lage, sich in die Situation jedweder Gewaltopfer hineinzuversetzen und mitzufühlen“, erläutert die Leiterin des Flüchtlingstreffens, Erika Luck-Haller.

Gegenseitiger Austausch und Unterstützung in einem geschützten Raum

35 Menschen haben den Offenen Brief mittlerweile unterzeichnet – und es werden immer mehr. Denn bei den wöchentlichen Treffen der Gruppe kommen manchmal bis zu 100 Menschen unter dem Dach von Abenteuer Lernen in der Tapetenfabrik in Beuel zusammen, um gemeinsam zu essen, sich auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.

„Zusammen together“ wurde 2015 gegründet, ursprünglich mit Unterstützung des Bonner Spendenparlaments. Seitdem treffen sich die Geflüchteten einmal in der Woche. Wie Birgit Kuhnen von Abenteuer Lernen erläutert, ging es dabei zunächst einmal darum, in einem geschützten Raum zusammenzukommen und gemeinsam eine gute und entspannte Zeit zu genießen. Vor allem die Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak hätten schwere Verluste erlitten sowie traumatische Kriegs- und Fluchterfahrungen. „Wir genießen das Miteinander, tauschen uns aus und lernen voneinander“, sagt Kuhnert. Dazu gehört auch die gegenseitige Unterstützung zum Beispiel im Vorfeld von Behördengängen, die häufig problematisch seien für Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Vom Verein Abenteuer Lernen sind auch immer mindestens drei Mitarbeitende anwesend, um Kindern bei ihren Hausaufgaben zu helfen oder den Ausbildungsplatzsuchenden bei der Bewerbung. „Viele haben hier sehr gut Fuß gefasst“, berichtet Erika Luck-Haller. „Die besonders Fitten haben es mittlerweile geschafft, in Ausbildung und Beruf zu kommen.“ Andererseits gehörten zu der Gruppe auch geflüchtete Menschen, die nach wie vor einsam seien und sich freuten, einmal in der Woche einen entspannten schönen Nachmittag in freundlicher Atmosphäre zu erleben. „Das hier ist eine Willkommensstätte“, betont Erika Luck-Haller.

Meinungsäußerungen können in Syrien gefährlich werden

Viele nutzen den Austausch und die Gespräche, um ihr Deutsch zu verbessern. So wie die aus Syrien stammende Kurdin Siluva, die mit ihrer Familie 2014 geflüchtet war und nicht ihren richtigen Namen nennen möchte, weil sie immer noch fürchten muss, dass dies ihren in Syrien lebenden Verwandten schaden könnte. „In Syrien ist es verboten, seine Meinung zu sagen.“ Wer dennoch offen rede, riskiere Gefängnisstrafen oder andere Repressalien durch das herrschende Regime.

Wie für Siluva ist es auch für die anderen Menschen aus der Gruppe nicht selbstverständlich, sich politisch zu äußern. Da dies in ihren Heimatländern oft unmöglich war, war es für einige ein großer Schritt, den Offenen Brief zu unterzeichnen. „Einige haben befürchtet, sie sollten sich gegen Palästina oder Palästinenser aussprechen“, berichtet Luck-Haller. „Das ist aber natürlich überhaupt nicht der Fall.“

Gruppe möchte Nachahmer finden

Vielen der Geflüchteten ist es ein großes Anliegen, sich zu der Lage in Israel und Palästina zu Wort zu melden und Stellung zu beziehen. Die Gruppe hat ihren Brief auch Oberbürgermeisterin Katja Dörner gesendet und hofft darauf, Nachahmer zu finden – zum Beispiel unter den zahlreichen Kulturvereinen in Bonn. Erika Luck-Haller verdeutlicht, dass dieser Schritt in die Öffentlichkeit ein wichtiger ist, um sich politisch und menschenrechtlich zu positionieren. „Ich bemerke die Angst der muslimischen Menschen, die fürchten, nicht mehr willkommen zu sein und pauschal als antisemitisch eingestuft zu werden. Dabei erlebe ich diese Menschen als respektvoll und tolerant.“

Was die Geflüchteten und auch die Mitarbeitenden verstört, ist der Umstand, dass die Lebensbedingungen in ihren Heimatländern immer nur dann in der öffentlichen Wahrnehmung auftauchen, wenn schreckliche Ereignisse geschehen wie das Erdbeben in Syrien und der Türkei. Über die Folgen werde danach selten gesprochen, was aber nicht bedeute, dass das Leid der Menschen geringer geworden sei. Auch um solchen Themen Raum zu geben, wurde das Flüchtlingstreffen gegründet. „Es ist wichtig, dass es solche Orte gibt“, sagt Erika Luck-Haller. „Hier kann friedvolles Zusammenleben entstehen und in die Gesellschaft hineinwirken.“

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