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Bonn: Gehörlose wünschen sich bessere Hilfe im Notfall

Notruf nur per Fax : Bonner Gehörlose wünschen sich bessere Hilfe im Notfall

Reinhard Niemeir musste erfahren, wie hilflos Gehörlose in einem Notfall sind. 2017 wollte er für seine Frau Hilfe holen. In Bonn geht das aber nur per Fax. Acht Stunden dauerte es, bis die Retter eintrafen. Da hatte er sich schon längst anders geholfen.

Reinhard Niemeier ist immer noch fassungslos, wenn er sich an diesen Tag zurückerinnert. Bis dahin hatte der 69-Jährige sein Leben trotz Handicap gut im Griff. Doch dann, im November 2017, erlebte er, wie hilflos Menschen mit körperlichen Einschränkungen in einem akuten Notfall sind. An jenem Abend erlitt seine Frau einen Kreislaufzusammenbruch und benötigte dringend Hilfe. Während andere schnell über die Notrufnummer Ärzte und Sanitäter alarmieren können, ist das für einen Gehörlosen schlicht unmöglich. „Das war wirklich ein schreckliches Erlebnis“, berichtet er mit Hilfe von Helga Wallasch vom Bonner Gehörlosen-Verein, die als Dolmetscherin für Gebärdensprache übersetzt. Aktuell können sich Betroffenen im Ernstfall nur per Fax melden. „Hilfe habe ich trotzdem nicht bekommen“, beklagt Niemeier. „Erst viele Stunden später hat man sich bei mir gemeldet.“

Seit Mai 2002 erreichen Gehörlose über ein sogenanntes Notfallfax Feuerwehr und Polizei. Das, so die Erfahrungen von Polizei und Stadt, werde aber nur sehr selten genutzt. „Der Eingang eines Fax wird in der Leitstelle optisch über eine rote Kennleuchte angezeigt, damit die Disponenten auf ein mögliches Hilfeersuchen per Fax aufmerksam werden und dieses schnellstmöglich bearbeitet wird“, erklärt Kristina Buchmiller vom Presseamt. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Betroffene dieses Notfalldokument bereits ausgefüllt bereitliegen haben, um es schnell verschicken zu können“, ergänzt ein Polizeisprecher. Aber: „Leider haben viele Gehörlose aus Kostengründen keinen Festnetzanschluss und kein Faxgerät mehr. Das ist ein großes Problem“, beklagt Helga Wallasch.

Einfacher soll das mit der neuen Notruf-App „Nora“ werden, die derzeit getestet wird (siehe Infobox). Allerdings kann Nora nur ein erster Schritt hin zu mehr Teilhabe sein. „Wir müssen mehr für Gehörlose in Bonn tun“, sagt auch die Geschäftsführerin der Behinderten-Gemeinschaft Bonn, Marion Frohn. Sie würde sich beispielsweise wünsche, dass in der neuen App auch eine Dolmetscherfunktion hinterlegt wird, damit die Betroffenen direkt mit Helfern kommunizieren können. Das Problem: Es gibt innerhalb der Stadt zu wenig Übersetzer für die Zeichensprache. „Außerdem müssten alle Informationen leicht verständlich und einfach kommuniziert werden, denn die Gebärdensprache kennt nicht die Vielfalt unserer Redensart“, ergänzt Wallasch. „Die neue App darf kein Ersatz für das derzeit genutzte Notfallfax sein, sondern nur eine Ergänzung. Denn nicht jeder verfügt über ein Smartphone“, gibt die Geschäftsführerin der Behinderten-Gemeinschaft zu Bedenken.

Auch für Reinhard Niemeier müsste viel mehr gemacht werden, um Gehörlosen Teilhabe zu ermöglichen. „Bonn ist ein unsicheres Pflaster“, meint er gerade auch im Hinblick auf die Coronalage. „Ich weiß, dass in Impfzentren anderer Städte ein Film in Gebärdensprache läuft, in dem man uns alles erklärt. Hier bekam ich keine Informationen nur einen Stapel Zettel“, berichtet er weiter. Ebenso sei es für ihn unmöglich gewesen, die jeweiligen Informationen zur aktuellen Coronalage zu verfolgen, da nie ein entsprechender Dolmetscher zugeschaltet gewesen sei. Bonn, so ergänzt er, könne sich ein Beispiel an Köln nehmen. Dort würde die Oberbürgermeisterin immer dafür sorgen, dass Konferenzen und Vorträge, die online zugänglich sind, in leicht verständlicher Zeichensprache für gehörlose Menschen aufgearbeitet werden.

Zudem habe der Alltag während der Pandemie Betroffenen viel abverlangt. „Gehörgeschädigte sind darauf angewiesen, dass sie Worte von den Lippen lesen und Gestik sowie Mimik erkennen können. Aber das ist mit einer Maske nicht möglich“, erklärt Helga Wallasch.

Für Reinhard Niemeier ist es wichtig, seine Geschichte vom November 2017 zu erzählen, damit andere nicht ähnliche Erfahrungen machen müssen. Nachdem der 69-jährige damals Hilfe per Notfallfax angefordert hatte und 20 Minuten keine Reaktion kam, bat er einen Nachbarn, für ihn zu telefonieren. Das funktionierte einwandfrei und seine Frau war binnen kürzester Zeit im Krankenhaus. Rund acht Stunden nachdem er das Fax geschickt hatte, kamen dann auch Feuerwehr, Sanitäter sowie Polizei. „Im Ernstfall wäre das viel zu spät gewesen“, beklagt Niemeier.

Kein Einzelfall, wie Helga Wallasch betont. Sie weiß von einem gehörlosen Senior, der abends gestürzt war und sich den Knöchel gebrochen hatte – ausgerechnet an einem Wochenende. Erst nach elf Stunden konnte er über ein Schreibtelefon auf sich aufmerksam machen. „Er hat wirklich schreckliche Schmerzen gehabt“, weiß Wallasch. Sie hat sich damals dafür eingesetzt, dass in Bonn das Notfallfax etabliert wird. Zwar sei die Einführung der neuen Notruf-App ein erster Schritt in die richtige Richtung, doch es müssten weitere folgen. „In anderen Ländern gibt es nicht nur mehr Gebärdendolmetscher als bei uns, sondern dort wird auch mehr für Gehörlose getan. Es wäre außerdem sinnvoll, wenn man nicht nur eine App anbietet, die in Deutschland funktioniert, sondern eine, über die man europaweit Hilfe holen kann“, fordert sie.