Neues Forschungszentrum in Bonn Patientendaten sollen Behandlungsmöglichkeiten verbessern

Bonn · Mit den Daten von Patienten medizinische Forschung betreiben? Ein neues Zentrum der Universität Bonn will genau das tun. Welche Hürden Mediziner, Juristen und Mathematiker aber zuvor nehmen müssen.

 Alexander Radbruch, Direktor der Klinik für Neuroradiologie, spricht bei einer Tagung über die Wichtigkeit von Patientendaten in der medizinischen Forschung.

Alexander Radbruch, Direktor der Klinik für Neuroradiologie, spricht bei einer Tagung über die Wichtigkeit von Patientendaten in der medizinischen Forschung.

Foto: Niklas Schröder

Das E-Rezept ist seit Jahresbeginn Pflicht, die elektronische Patientenakte soll Anfang 2025 eingeführt werden. Dass die Bundesregierung beim Digitalisieren von Patientendaten Tempo macht, hat Gründe. „Daten sind das neue Öl“, brachte es Guido Gehrt vom „Behörden Spiegel“ jetzt bei einer Fachtagung der Uni Bonn auf den Punkt. Wolfgang Holzgreve, ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Bonner Universitätsklinikums (UKB), spricht von einem „Schatz“, den es in der Ambulanz der Uniklinik zu heben gebe. Er fordert: „Die Daten der Krankenkassen müssen mehr genutzt werden.“ Rund 500.000 Patientenkontakte zählt allein das UKB im Jahr. Von diesem Datenberg soll in Bonn in Zukunft vor allem die medizinische Forschung profitieren und dadurch auch die Behandlungsmöglichkeiten verbessert werden. „Wir sind nah dran, viele Krankheiten zu heilen oder ihnen den Schrecken zu nehmen“, sagt NRW-Wissenschaftsministerin Ina Brandes. Auch sie wirbt für mehr Nutzung von medizinischen Daten.

Neues Zentrum soll Grundlagen für neue Therapiemöglichkeiten schaffen

Zuvor müssen aber sowohl medizinische als auch rechtliche Fragen geklärt werden, denn ohne Einwilligung der Patienten dürfen Daten nur in Ausnahmefällen weitergegeben werden. Das neue Zentrum für Medizinische Datennutzbarkeit und Translation (ZMDT), das die Uni Bonn vor Kurzem eröffnet hat, soll das tun: Es arbeitet fakultätsübergreifend, getragen von der Juristischen Fakultär, der Medizinischen, der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen sowie dem Exzellenzcluster ECONtribute. „Mediziner, Informatiker und Juristen müssen gemeinsam Lösungen finden“, fordert Brandes. In Bonn sieht sie dafür beste Voraussetzungen.

„Natürlich handelt es sich gerade bei Gesundheitsdaten um sehr sensible Daten, die besonders geschützt werden müssen und keinesfalls in die falschen Hände geraten dürfen“, erklärt Professorin Louisa Specht-Riemenschneider, die gemeinsam mit Professor Alexander Radbruch das Direktorium des ZMDT bildet. „Trotzdem hängt der medizinische Fortschritt in erheblichem Maße von einer adäquaten Datennutzung ab. Es gilt daher, Forschungsinteressen und Datenschutz miteinander in Einklang zu bringen“, sagt die Juristin. Eine Möglichkeit könnten aus ihrer Sicht „Datentreuhänder“ sein – technische Möglichkeiten zur gemeinsamen Auswertung von Datenbeständen mehrerer Beteiligter wie Unikliniken, die den Zugriff Unbefugter ausschließen und lediglich die Ergebnisse der Auswertungen an die Datengeber ausgeben.

Forschungsprojekte scheitern an Datenschutz

Die Künstliche Intelligenz macht mithilfe des Datenstroms in der Radiologie bereits Fortschritte: Radbruch, dem Direktor der Klinik für Neuroradiologie am UKB, und seinem Team ist es gelungen, die Kontrastmittelzufuhr bei Untersuchungen zu reduzieren. „Voraussetzung dieser Ansätze ist die Analyse sehr großer Datenbestände“, betont er. „In der klinischen Realität scheitern jedoch immer noch viele Forschungsprojekte daran, dass datenschutzrechtliche Fragen ungeklärt bleiben.“ Insbesondere bereits erhobene (sogenannte „retrospektive“) Daten dürften laut Radbruch häufig nicht für die Forschung verwendet werden.

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