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Bonn: Obdachlose bekommen wegen leerer Stadt keine Spenden mehr

Menschenleere City : Bonner Obdachlose bekommen keine Spenden mehr

Obdachlose spüren die Corona-Krise jeden Tag. Niemand ist mehr unterwegs, um ihnen Essen oder Kleingeld zu spenden. Der Verein für Gefährdetenhilfe bittet deshalb um Zuwendungen, um sie an die Bedürftigen zu verteilen.

Für viele Obdachlose und Menschen aus der Drogen- und Alkoholszene hat die Corona-Krise spürbare Folgen: Passanten um Geld bitten, Pfandflaschen sammeln, Straßenzeitungen verkaufen – all diese Möglichkeiten, sich über das Sozialgeld hinaus über Wasser zu halten, fallen derzeit weitgehend weg. Die Straßen und Plätze in der Innenstadt sind wie leergefegt. Manche von ihnen fahren in der Hoffnung auf etwas Kleingeld in Straßenbahnen und Zügen mit, die allerdings ebenfalls fast menschenleer sind.

Werner Ibritzki (46) lebt seit acht Jahren unter der Südbrücke bei Ramersdorf. „Als Einzelgänger bin ich grundsätzlich sehr vorsichtig und halte Abstand von Leuten, ob mit oder ohne Corona“, erklärt er. An der Pandemie störe ihn lediglich die Einlassbeschränkung in einigen Supermärkten und das ausverkaufte Toilettenpapier.

Valeriu Sima kam vor sechs Jahren nach Deutschland, um seinen erkrankten Unterkiefer behandeln zu lassen. Der 42-Jährige zieht mit seinen Habseligkeiten täglich durch die Innenstadt. „Zurzeit ist es am Bertha-von-Suttner-Platz sehr ruhig“, erklärt er. Das habe den Nachteil, dass er kaum noch Spenden bekäme. Auch das Versorgungsangebot durch Hilfsorganisationen sei derzeit geschmälert. „Alles hat zu. Mir bleibt nur die City-Station für günstiges Mittagessen.“ Für einen Euro erhalten Bedürftige am Prälat-Schleich-Haus der Caritas eine warme Mahlzeit. Aus seiner Sicht würden Obdachlose durch die Behörden nicht ordentlich aufgeklärt. „Das Ordnungsamt kam nur einige Male und sagte mir, ich solle Abstand von Menschen halten und mir die Hände häufiger waschen. Aber womit? Ich muss mein Trinkwasser benutzen“, sagt Sima.

Dieses Video ist Teil einer Kooperation zwischen dem WDR und dem GA.

Keine ausreichende Aufklärung?

Auch der wohnungslose Foad Haddaoui fühlt sich nicht ausreichend aufgeklärt. Einen Schlafplatz hat er im Sebastian-Haus des Vereins für Gefährdetenhilfe (VfG) an der Sebastianstraße. Täglich nutzt der 38-Jährige das Mittagsessensangebot der City-Station. „Gerade kam die Polizei hierher, als ich mit zwei anderen redete“, sagt er. „Auf einmal hieß es, ich solle 200 Euro zahlen, weil ich mich nicht an das Kontaktverbot halte.“ Er wisse nichts von einer solchen Regelung, habe dies auch gegenüber den Beamten beteuert. „Sie meinten, es sei meine Aufgabe, mich zu informieren.“ Dabei habe er nicht einmal ein funktionierendes Mobiltelefon, sagt er.

„Die Streetworker des VfG sind an den bekannten Stellen unterwegs und klären die Personenkreise regelmäßig über die Neuregelungen zu Abstand und Hygieneschutz auf“, sagt Vizestadtsprecher Marc Hoffmann. Auch am Prälat-Schleich-Haus, wo Caritas, Polizei und Ordnungsamt verstärkt Präsenz zeigten. „Die Einsicht ist bei vielen bereits vorhanden, bei einzelnen Gruppen jedoch nicht. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sich auch künftig einzelne Personen nicht an die Vorgaben halten werden“, so Hoffmann. Wer sich weiterhin uneinsichtig über die Verbote und Regelungen hinwegsetze, gegen den würden Anzeigen geschrieben und Bußgelder verhängt.

Genügend überdachte Schlafplätze vorhanden

Offensichtlich kein Problem gibt es mit genügend überdachten Schlafplätzen. „Die städtischen Einrichtungen sind geöffnet, jedoch stehen im Prälat-Schleich-Haus wegen der geltenden Distanzgebote etwas weniger Schlafplätze als regulär zur Verfügung. Deswegen und aufgrund der bevorstehenden kalten Nächte bietet die Stadt seit diesem Montag in einem weiteren Gebäude zusätzliche Schlafplätze für Obdachlose an“, sagt Hoffmann.

Nelly Grundwald, Geschäftsführerin des VfG, sieht ebenfalls keinen Mangel an Schlafplätzen. „Niemand muss in der Kälte draußen übernachten.“ Es gebe einige Einschränkungen, aber unterm Strich würden alle Angebote aufrechterhalten. „Der Druckraum und die Substitutionsräume dürfen jetzt nur natürlich nur unter Einhaltung der Abstandsregeln und Hygienevorschriften betreten werden“, so Grundwald. Es seien überall Desinfektionsmittel aufgestellt.

Immerhin besuchen täglich um die 100 Personen die VfG-Räume an der Quantiusstraße. Dort würden die Menschen medizinisch betreut, könnten duschen und ihre Wäsche waschen. Es sei sichergestellt, dass sämtliche Sanitäranlagen gründlich gereinigt und desinfiziert würden. „Wir sind zurzeit im Ausnahmezustand und stecken alle unsere Kräfte in die neuen und sich ständig ändernden Herausforderungen“, ergänzt Grunewalds Kollegin Susanne Fredebeul.

Mittagessen darf nicht vor Ort verzehrt werden

Nach wie vor gibt es mittags ein warmes Essen, das aber nicht mehr vor Ort verzehrt werden darf. Um den Ausfall der Bonner Tafel und anderen Versorgungsstätten zu überbrücken, stattet der Verein Bedürftige mit eigenen Mitteln und Spenden aus. Neben Lebensmittelspenden, die die Tafel jetzt direkt zum VfG bringt, würden sich Grunwald und Fredebeul über weitere Spenden freuen – aber nur Haltbares wie Konserven und Fertiggerichte. „Mit einem Blumenkohl kann unsere Klientel wenig anfangen“, so Fredebeul. „Ich weiß, es ist ungewöhnlich und stößt vielleicht bei dem einen oder anderen auf Missfallen: Aber wir freuen uns auch über Tabakspenden, die wir gerecht aufteilen würden.“

Wie wird jedoch mit Obdachlosen umgegangen, die sich mit dem Virus infiziert haben? „Noch haben wir keinen Erkrankten“, so Grunwald. Wohnungslose Menschen, die positiv auf Corona getestet würden, kämen umgehend in Krankenhäusern unter, erklärt Fredebeuel. Obdachlose, die an einer anderen Infektion erkranken, bringe die Stadt grundsätzlich in ein speziell angemietetes Hotel.