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Bonn: Obdachloser entblößte sich am Hauptbahnhof

48-Jähriger angeklagt : Obdachloser entblößte sich am Bonner Hauptbahnhof

Ein 48-jähriger Obdachloser aus Bonn muss sich seit Dienstag wegen elf Vergehen vor dem Landgericht verantworten. Zuletzt hatte er sich am Hauptbahnhof entblößt. Ihm droht die dauerhafte Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik.

„Ich bin eine ehrliche Haut“, sagte der Beschuldigte mit treuem Blick, und im Gerichtssaal gab es wohl niemanden, der den 48-Jährigen für einen Lügner gehalten hätte. Das war allerdings auch nicht die zentrale Frage – vielmehr haben die Richter der 3. Großen Strafkammer darüber zu entscheiden, ob der Obdachlose eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Davon geht die Staatsanwaltschaft nämlich aus. Weil sie den Mann wegen einer schizoiden Erkrankung für schuldunfähig hält, könnte am Ende des Verfahrens die dauerhafte Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik stehen.

Die meisten Anklagepunkte klingen nicht sonderlich dramatisch: So soll er am 10. März einer Kellnerin aus Wut darüber, dass sie ihn des Lokals verweisen wollte, einen Becher lauwarmen Kaffee ins Gesicht geschüttet haben, während einer Busfahrt eine Kippe auf einem Sitz ausgedrückt haben oder Bier und Schokoriegel geklaut haben.

Eine der folgenschwereren Taten soll am 13. März an einem Fahrradständer neben dem Gleis 1 am Hauptbahnhof geschehen sein: Dort soll er sich zunächst mit heruntergelassener Hose an den Fahrrädern zu schaffen gemacht haben, um dann den herbeigeeilten Polizisten mit wackelndem Unterleib sein nacktes Glied zu präsentieren und sie verbal zu beleidigen. Zu den schwerer wiegenden Delikten gehören der Griff nach der Dienstwaffe eines Polizisten sowie eine Spritztour mit einem geklauten Lieferwagen, die mit einem Unfall in einer Hecke endete.

„Ich bin ja eher sowas wie ein Landstreicher“

Fast schon schonungslos offen gab sich der in Rio de Janeiro als Sohn deutscher Auswanderer geborene Beschuldigte: „Ich bin ja eher sowas wie ein Landstreicher“, hatte er auf die Frage der Vorsitzenden Richterin nach seiner Familie geantwortet. Trotz behüteter Kindheit in Brasilien und später bis zum Abitur in den USA, habe er nie etwas auf die Reihe bekommen.

Bereits in frühester Kindheit habe er darunter gelitten, für seine nervösen Ticks von Spielkameraden gehänselt zu werden. Später sei dann ein Tourette-Syndrom bei ihm diagnostiziert worden, das sich bei ihm darin manifestiere, dass er zwanghaft alles anfassen müsse. So sei es ihm auch mit der Schusswaffe des Polizisten gegangen, dass er mehrfach nach ihr gegriffen habe, gab er genauso wie die Beleidigungen unumwunden zu. Dass er sich allerdings entblößt haben könnte, könne er nicht glauben: „Sowas mache ich eigentlich nicht.“