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Bonn: Palmen wachsen besser als Buchen - Interview über den Klimawandel

Folgen des Klimawandels : Palmen wachsen in Bonn besser als Buchen

Maximilian Weigend, der Chef der Botanischen Gärten in Bonn, spricht im GA-Interview über die Auswirkungen des Klimawandels. Die Bonner Pflanzenwelt, so der Biologe, wird sich radikal verändern.

Dass sich die Natur in der Region Bonn drastisch verändern wird, steht für Professor Maximilian Weigend fest. Die Entwicklung von Wetter und Klima ist aus seiner Sicht nicht mehr aufzuhalten. Bonn und das Umland werden sich im Jahr 2050 ganz anders präsentieren als heute, sagt er. Weigend erwartet zunehmend trockenere und wärmere Sommer und mildere Winter, die dazu führen werden, dass immer mehr Pflanzen aus dem Mittelmeerraum im südlichen Rheinland heimisch werden. Mit dem Leiter der Botanischen Gärten der Universität Bonn sprach Holger Willcke.

Bei einer Podiumsdiskussion zu den Folgen des Klimawandels haben Sie im Dezember 2019 gesagt, dass es in Bonn mittlerweile einfacher ist, eine Palme statt einer Buche anzupflanzen und groß zu ziehen. Wie erklären Sie das?

Maximilian Weigend: Diese Aussage beruht auf unseren Erfahrungen, die wir seit einiger Zeit in den Botanischen Gärten der Uni sammeln. Wegen der heißen und vor allem trockenen Sommermonate sinken die Überlebenschancen von vielen Pflanzen, die wir teilweise seit Jahrhunderten als heimisch bezeichnen. Dazu zählt zum Beispiel die Buche. Sie verträgt keine langen Trockenperioden, vor allem dann nicht über mehrere Jahre in Folge. Die Buche erfährt Hitzeschäden, vertrocknet und stirbt letztlich ab.

Die Buche ist der Vorzeigebaum im Naturschutzgebiet Siebengebirge. Was bedeutet ihre Prognose für diesen Naturraum?

Weigend: Die Vegetation im Siebengebirge wird sich in den nächsten Jahrzehnten deutlich verändern. Die Buchenbestände werden von ihrem Ausmaß abnehmen. Vielleicht wird es nur noch einige Rückzugsgebiete an feuchteren und kühleren Stellen im Siebengebirge geben. Andere Baumarten werden sich ausbreiten und das Bild des Betrachters prägen.

Gilt das nur für die Buche und nur für das Siebengebirge?

Weigend: Nein, auf gar keinen Fall. Diese Prognose gilt für das gesamte Bonner Becken und genauso für Eiche, Birke, Esche und Linde.

Was ist der Grund?

Weigend: Das Bonner Becken zählt zu den wärmsten Stellen in Deutschland. Wir registrieren die mildesten Winter, die wenigsten Frostnächte und unterdurchschnittlich wenig Niederschläge. Die Bonner Innenstadt kann man getrost als Trocken-Insel bezeichnen.

Wie müssen Gärtner mit Ihrer Aussage umgehen?

Weigend: Sie müssen sich auf dramatische Veränderungen einstellen. Man wird mit traditionellen Gartenpflanzen zunehmend Probleme haben. Umgekehrt werdem Pflanzen, die bislang in Deutschland nicht als winterhart eingestuft wurden, in Freilandgärten ein neues Zuhause finden.

An welche Pflanzen denken Sie?

Weigend: Zum Beispiel an Pistazienbäume, Mandelbäume, Korkeichen und Erdbeerbäume. Wir werden bei uns zunehmend Pflanzen aus dem Mittelmeerraum kultivieren. Deshalb auch meine Aussage: Palmen statt Buchen.

Welche Reaktionen auf Klima- und Wetterveränderungen stellen Sie in den Botanischen Gärten fest?

Weigend: Wir haben vor wenigen Jahren eine Japanische Buche umgepflanzt. Seitdem kämpft sie ums Überleben. Im Sommer müssen wir sie wässern. Sie leidet in den Sommermonaten unter Sonnenbrand, was zum Austrocknen und folglich zum Absterben der Blätter führt. Wie lange dieser Baum noch überlebt, kann ich nicht vorhersagen. Im Gegensatz dazu wachsen unsere Chinesischen Hanfpalmen so schnell wie nie zuvor. Während man früher von einem Zuwachs von fünf Zentimetern Stammlänge im Jahr ausgegangen ist, hatten wir in 2019 einen Zuwachs von 90 Zentimetern.

Was ziehen Sie daraus für Schlussfolgerungen?

Weigend: Wir haben uns entschieden, den Alpinen Garten, den wir in den 1980er Jahren angelegt haben, aufzugeben. Alpine Pflanzen kann man in Bonn leider nicht mehr kultivieren.Stattdessen werden wir in diesem Jahr an gleicher Stelle einen Themengarten zu Australien und Neuseeland bauen. Insgesamt bauen wir unsere Freilandabteilungen sowohl im Nutzpflanzengarten wie auch im Schlossgarten zunehmend um, mit einem Schwerpunkt auf hitze- und trockentolerantere Pflanzenarten.

Sind Sie in Sorge, dass es in Bonn keine kalten Winter mehr geben könnte?

Weigend: Es wird sicherlich immer mal wieder kalte Winterphasen geben. Klimawandel bedeutet nicht, dass es jedes Jahr wärmer und trockener wird. Leider werden in der Öffentlichkeit die Auswirkungen von Wetter und Klimawandel vermischt.

Können Sie den Unterschied erläutern?

Weigend: Wetter- und Klimaveränderungen sind weitgehend unabhängig voneinander. Klimawandel stellt die Veränderungen der durchschnittlichen Witterungsverhältnisse dar. Wetter macht sich kurzfristig bemerkbar. Entsprechend bedeutet das nicht, dass sich der Klimawandel abgeschwächt hat, wenn es von Juni bis August 2020 ausreichend regnen sollte. Also: Es wird auch in Zukunft Frostnächte geben, die bei Obstbauern zu Frostschäden an den jungen Austrieben führen können. Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun.

Die Forstwirtschaft macht wegen der Trockenheit und dem daraus resultierenden Schädlingsbefall viele Probleme. Was raten Sie Waldbauern und Forstleuten?

Weigend: Ein Umdenken in der Forstwirtschaft ist zwingend erforderlich, hat aber schon vielfach eingesetzt. Voraussetzung ist aber, dass man sich auf einen Unterschied zwischen Forstplantagen und Naturwald verständigt.

Wie ist das zu verstehen?

Weigend: Die Fichte als Brotbaum der Holzwirtschaft wird kurzfristig nicht zu ersetzen sein. Aber Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius und geringe Niederschläge halten Fichten als Flachwurzler nicht lange aus. Diese Baumart erleidet dann sehr schnell sogenannten Trockenstress. Es wird nicht mehr genug Baumharz gebildet, was den Pilz- und Borkenkäferbefall beschleunigt. Das bedeutet schlussendlich das Absterben der Fichten. Wer sich das vor Augen führen möchte, kann aktuell in den Kottenforst gehen. Kahle, abgerodete Flächen sehen aus, als ob dort ein Krieg stattgefunden hätte.

Aber was ist zu tun?

Weigend: Einen Königsweg gibt es nicht. Niemand kann genau vorhersagen, wie Temperaturen und Niederschläge sich mengenmäßig entwickeln. Wichtig ist, dass man den Wald so umbaut, dass er standortgerechte Bäume vorweist. Eine Douglasie gehört zum Beispiel nicht dazu, die hat ihren Lebensraum in deutlich höheren und feuchteren Lagen. Aufgrund der im Detail unvorhersagbaren Klimaveränderungen ist es auch schwer zu sagen, ob das, was heute standortgerecht scheint, auch unbedingt zukunftsfähig ist. Aber wenn man zum Beispiel Eichen aus Osteuropa oder submediterranen Regionen anpflanzt, erhöht dass deren Überlebenschancen bei uns.

An welche Baumarten denken Sie?

Weigend: Hainbuchen, Flaumeneichen und Rotbuchen aus wärmeren Regionen. Stieleichen, wie wir sie bei uns vorfinden, werden möglicherweise durch trockenresistentere Formen aus dem Osten ersetzt werden müssen. Aber es wird Jahrzehnte dauern, bis der Wald ein neues Gesicht erhält. Und klar ist auch, dass die anderen Baumarten unterschiedliche forstwirtschaftliche Eigenschaften haben werden. Die Verarbeitungseigenschaften für die Holzindustrie werden sich dadurch ändern.

Welche Erkenntnisse gibt es zur Entwicklung in der Tierwelt?

Weigend: Unser Monitoring belegt deutliche Veränderungen. Die Datenlage ist aber schlecht. Wir wissen weniger, als wir nicht wissen. Bei Reptilien, Vögeln und Insekten verzeichnen wir trotz großer Schutzgebiete einen deutlichen Abwärtstrend in den Beständen. Bei den Insekten kann man sogar von einem dramatischen Rückgang sprechen.

Was hat das zur Folge?

Weigend: Es droht ein Zusammenbruch der Nahrungskette. Zum Beispiel ernähren sich Reptilien von Insekten. Der Grund für den Bestandsrückgang hat aber nur mittelbar etwas mit dem Klimawandel zu tun.

Sondern womit?

Weigend: Hauptsächlich sind die Umweltgifte daran schuld. Aber auch die Art und Weise, wie seit vielen Jahren Landwirtschaft betrieben wird, ist für die Entwicklung bei den Insekten verantwortlich. Feldraine werden durch das Düngen der Flächen tot gespritzt. Da ändert auch die Blühstreifen-Förderung von Bund und Ländern nichts dran. Landwirtschaft in der heutigen Form lässt keinen Raum für Biodiversität.

Üben Sie damit Kritik am staatlichen Naturschutz?

Weigend: Bei gewissen Themen und Ansätzen lautet meine Antwort Ja. Mich irritiert zum Beispiel der Ansatz des Naturschutzes, dass die Unveränderlichkeit der Natur als Zielvorgabe hat. Ich bin mir nicht sicher, ob man bezüglich der aktuellen, klimabedingten Entwicklungen an diesem Ziel festhalten sollte. Wenn es noch drei bis vier Jahre so trocken bleibt wie in den vergangen fünf Jahren, dann wird sich der Wandel in der Natur genau so dramatisch fortsetzen, wie er derzeit bereits feststellbar ist.

Jetzt mal ganz ehrlich: Beunruhigt Sie das?

Weigend: Nein. Vielleicht gibt es in 50 bis 100 Jahren keine Schifffahrt mehr auf dem Rhein. Vielleicht gibt es dann auch keine heimischen Tannenbäume mehr. Und vielleicht blühen dann im Frühjahr statt Maiglöckchen Kakteen auf den Wiesen. Emotional gesehen ist der Trend bedauerlich, aber nicht bedrohlich. Bedrohlich ist der Klimawandel vor allem für die menschlichen Lebensgrundlagen – die Nahrungsmittelproduktion und die Trinkwasserversorgung.

Und welchen Baum würden Sie in diesem Frühjahr im Garten pflanzen?

Weigend: Einen Olivenbaum. Die Hoffnung auf Früchte nimmt von Jahr zu Jahr zu.