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Bonn: Psychiatriemuseum der LVR-Klinik veröffentlicht Katalog

Kunst als Spiegel der Seele : Psychiatriemuseum der Bonner LVR-Klinik veröffentlicht Katalog

Das Bonner Psychiatriemuseum veröffentlicht Werke aus seinem Fundus im Katalog „KunstVerRückt“. Später sollen Hunderte Zeichnungen und Malereien ihre Archivmappen verlassen und im Museum „Verrückte Zeiten“ am Kaiser-Karl-Ring ausgestellt werden.

Es erstaunt nicht, dass der Ausstellungskatalog „KunstVerRückt“ bereits erschienen ist, bevor die dazugehörige Ausstellung im Psychiatriemuseum der LVR-Kliniken zu sehen ist. Diese verrückte Reihenfolge wird noch so lange auffallen, bis sich ein Sponsor gefunden hat, der dazu beitragen könnte, dass Hunderte von Blättern mit Zeichnungen und Malereien ihre Archivmappen verlassen und im Museum „Verrückte Zeiten“ am Kaiser-Karl-Ring im Original ausgestellt werden.

Schon jetzt vermittelt der 80-seitige Kunstkatalog einen aufschlussreichen Eindruck in die Arbeiten von Psychiatriepatienten, von denen einige schon in der Ausstellung „Outside the black box“ (2016) den Beweis dafür erbringen konnten, wie schwer es den Betrachtenden fallen kann, in dem experimentellen Projekt die Herkunft der Bilder von Patienten und von Studierenden der Alanus Kunsthochschule zu erkennen. „Das Interesse unserer Besucher und Besucherinnen an diesen Bildern war so groß“, rekapitulieren die Kuratoren des Museums, Linda Orth, Wolfgang Klenk und Jo da Venza-Tillmanns in einem gemeinsamen Vorwort des Katalogs, „dass wir uns entschlossen haben, die Werke in einer eigenen Broschüre zu würdigen“.

Breites Spektrum der Patientenkunst sichtbar werden lassen

Mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen trafen die Archivarin Orth, der Neurologe Klenk und die Psychologin da Venza-Tillmanns die Auswahl, die es nun ermöglicht, ein breites Spektrum der Patientenkunst sichtbar werden zu lassen. Schon Hermann Hesse bezeichnete die Schizophrenie als Quelle jeglicher Kunst: „So wie die Verrücktheit in einem höheren Sinn der Anfang der Weisheit ist, so ist die Schizophrenie der Anfang aller Kunst, aller Fantasie.“ Das Eintauchen in fremde Bewusstseinszustände hat Kunstschaffende schon immer fasziniert und seit jeher reklamieren viele Künstler für sich, Formen jenseits eines definierten Regelwerks zu schaffen.

Wer die Freiheit von Kunst apostrophiert, wird sich in vielfacher Hinsicht durch die Werke der Patienten bestätigt sehen, auch wenn die meisten Urheber eher als unfrei in den geschlossenen Abteilungen der Psychiatrien lebten. Erst durch die Kenntnis derer Patientenakten könnten manche Bilder den Ausdruck einer vermeintlich künstlerischen Freiheit verlieren, da auch Laien versucht sein könnten, manische Sicht- und Ausdrucksweisen in die Werke zu interpretieren. Da Venz-Tillmanns beschreibt jedoch die Erfahrung bei der Bildauswahl, dass die Arbeiten nach Kenntnis von Diagnose und Verlauf der jeweiligen Erkrankung „kaum anders auf uns wirkten als zuvor – weder intensiver, noch emotionaler“. Die Veröffentlichung der Werke sei so wichtig, da sie das Verständnis für das Andere schärften, Fragen aufwürfen und Grenzen überschritten, so da Venz-Tillmanns. Diese Wichtigkeit erkannte Orth bereits 1979, als der Umzug des damaligen Landeskrankenhauses am Kaiser-Karl-Ring aus seinem Altbau in den Neubau anstand. Tausende von Patientenakten sollten in Containern entsorgt werden. Medizinische Gerätschaften und Einrichtungen waren kurz davor, mit all den durch sie anschaulich zu vermittelnden Geschichten vernichtet zu werden. Der LVR-Archivarin Orth gelang es, sie zu retten.

Hemmschwellen und Vorurteile abbauen

Weit mehr als 30 Jahre dauerte es, bis 2015 aus den Gebrauchsgegenständen Exponate des Museums wurden. Heute werden in den zehn Kellerräumen der Bonner LVR-Kliniken viele Aspekte des Psychiatriewesens der Öffentlichkeit bekanntgemacht. Ziel ist es, Hemmschwellen und Vorurteile abzubauen, ohne dabei die auch heute noch bestehenden Probleme zu beschönigen. So, wie das Museum Psychiatriegeschichte vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Gesellschaft mit ihren Fortschritten und Katastrophen zeigt, gelingt es mit der jetzigen Veröffentlichung von Patientenbildern, den Fokus enger zu ziehen.

Entdecken lassen sich beispielsweise die Werke von Achim Maaz: 1955 in Bonn geboren, verbrachte der Autist, dessen Wortschatz weniger als zehn Wörter umfasste, einen Großteil seines Lebens in Institutionen. Mit 37 Jahren wurde er zum ersten Mal für den Euward-Kunstpreis nominiert – ebenso in den Jahren 2010 und in seinem überraschend frühen Todesjahr 2014. In seinen Arbeiten hatte sich Maaz immer wieder selber porträtiert. Meist zwängt er sich dabei, dick in schweren Jacken eingepackt, in einen imaginären Rahmen, der nur durch die Papierbegrenzung vorgegeben ist. Auch der Bonner Patient und Zahntechniker Louis Castner (1863-1942) brachte 1920 in der damals noch „Bonner Provinzial- und Heil- und Pflegeanstalt“ heißenden Klinik, seine technischen Visionen vom fliegenden Fahrrad zu Papier. Er male „maschinenähnliche Gebilde“, die er seiner besuchenden Schwester mitgab, damit sie diese auf das Patentamt bringen sollte, ist in einem Eintrag von 1931 in seiner Krankenakte zu lesen.