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Bonn: Querdenker-Demo gegen Corona-Maßnahmen und Gegendemo im Hofgarten

Weniger Teilnehmer als gedacht : Querdenker und Gegendemonstranten protestierten in Bonn

Am Samstag haben mehrere Hundert Anhänger der Querdenker-Bewegung und das Bonner Bündnis gegen Rechts auf getrennten Kundgebungen im Bonner Hofgarten demonstriert. Die Teilnehmerzahlen beider Veranstaltungen blieben deutlich hinter der genehmigten Personenzahl von 750 beziehungsweise 250 Teilnehmenden zurück.

Der vom Ordnungsamt gezogene Sicherheitskorridor ist so breit, dass ihn wohl kein Aerosol überwinden kann – und ebenso wenig Argumente. So stehen sich am Samstag nach Schätzungen der Polizei rund 250 Anhänger der selbsternannten „Querdenker“ und 150 Gegendemonstranten aus dem linken und linksradikalen Spektrum im Bonner Hofgarten unversöhnlich gegenüber. Damit werden die von beiden Seiten erwarteten Teilnehmerzahlen bei weitem nicht erreicht und auch die von der Stadt angesichts wieder steigender Infektionszahlen verfügte Höchstteilnehmerzahl von insgesamt 1000 Personen für beide Kundgebungen wird erheblich unterschritten. Die anwesenden Polizisten ermahnen aus sicherer Distanz zwar zum Abstandhalten, sehen ansonsten aber keinen Grund zum Eingreifen.

Das ist auch schon das einzig Offensichtliche an diesem Nachmittag. Absichten, Forderungen und Ziele bleiben hüben wie drüben diffus und man kann sich fragen, ob das ganze überhaupt eine Protestveranstaltung gegen Maßnahmen zum Schutz vor dem Corona-Virus ist. Am einfachsten machen es Beobachtern noch die Gegendemonstranten, die dem Aufruf des Bonner "Bündnisses gegen Rechts" gefolgt sind. Die Redner arbeiten sich in bekannten Stereotypen an ihren Feindbildern ab. Man sei dagegen, bei der Gegenseite zwischen Antisemiten, Rechten, Verschwörungstheoretikern und normalen Bürgern auch nur zu differenzieren, ruft eine Sprecherin. Ansonsten: Radikale Kritik am deutschen Kapitalismus, der die Gesundheitssysteme in ganz Europa in den Bankrott getrieben habe und an der sinnlosen Konsumkultur. Die verhindere eine Gesellschaft, in der jeder nur wenige Stunden in der Woche arbeiten müsse.

Auf der anderen Seite sind die Veranstalter selbst kaum sichtbar. Das Publikum ist bunt gemischt: Junge Familien mit Kinderwagen, Paare mittleren Alters mit Hunden und eine alte Frau mit Rollator als Ordnerin bestimmen das Bild. „Wege aus der Krise“ steht auf einem Banner an der provisorischen Bühne und „Gemeinsam 2020“ rund um einen von zwei Händen getragenen Erdball. Zu Beginn wird meditiert („Wir denken unser Bewusstsein in unseren Herzraum“). Dann spricht eine Frau, die sich als Psychologin aus einem christlichen Umfeld vorstellt, über „soziale Einschränkungen“. Was zunächst harmlos mit Bespielen vereinsamter Alter und diskriminierter Masken-Verweigerer aus medizinischen Gründen beginnt, endet bei der Warnung vor einem Corona-Impfstoff, der das menschliche Genom verändern solle.

„Viele Menschen sind mit der gegenwärtigen Politik nicht einverstanden“, sagt ein Familienvater aus Bonn, der sich – anders als manch anderer unter den Demonstranten – auf ein Gespräch einlässt. Deshalb sei er mit Frau und Sohn im Hofgarten, meint er und reicht dem Kleinen ein Vollkornbrot. Eine Pandemie gebe es schließlich gar nicht, ist der Mann überzeugt. Das habe „der Corona-Untersuchungsausschuss“ eindeutig festgestellt. Das sei ein Gremium unabhängiger Experten, erklärt er auf Nachfrage. Bei genauerem Hinhören ist in den Monaten der Krise mit ihrem ungeahnten Ausmaß staatlicher Eingriffe in gewohnte Freiheiten offenbar ein geschlossenes alternatives Weltbild entstanden, das sich jeder rationalen Auseinandersetzung entzieht. „Schluss mit der Pandemie. Wir wollen wieder leben“, hat jemand auf ein Plakat gepinselt, als brauche es dazu nur einen politischen Beschluss.

Die meisten Bonner Passanten nehmen beide Veranstaltungen gelassen. Etliche Neugierige verlassen nach einiger Zeit kopfschüttelnd die Querdenker-Veranstaltung. In der Innenstadt folgen derweil auffällig viele Passanten der jüngsten Empfehlung der Stadtverwaltung und tragen auch außerhalb der Geschäftsräume ihren Mund-Nasen-Schutz.