1. Bonn
  2. Stadt Bonn

Bonn Schülerzeitung in Steno entziffert

Fundstück aus dem Nachlass Adolf Webers : Schülerzeitung in Steno entziffert

Schülerzeitungen gibt es viele. Doch nur wenige sind in Stenographie geschrieben, noch dazu in einer seltenen Form. Das Beethoven-Gymnasium hat jetzt einen Schatz aus dem Jahr 1897 gehoben. Der Urheber machte später als Nationalökonom Karriere.

Hätte das Schriftstück aus Hieroglyphen bestanden, so wäre die Aufgabe für Alexander Wolfshohl, den ehemaligen Direktor des Beethoven-Gymnasiums, nicht viel kniffliger gewesen. Die Sache lag etwas anders, doch der Reihe nach: Das Heftchen entstammte dem Nachlass des Nationalökonomen Adolf Weber (1876 bis 1963), der das damalige Königliche Gymnasium als Vorläufer des Beethoven-Gymnasiums besucht hatte. Weber erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg von der amerikanischen Militärregierung den Auftrag, Vorschläge zur Neuordnung der deutschen Wirtschaft zu erarbeiten. Einer seiner Mitarbeiter war Ludwig Erhard, der dann als Minister viele von Webers Vorstellungen umsetzte, was diesem auch den Beinamen „Großvater der sozialen Marktwirtschaft“ einbrachte.

Publikation erschien
komplett in Steno

Die ersten Publikationen des Nationalökonomen indes sind nun für seine Schulzeit belegt: Unter den nachgelassenen Papieren befand sich ein Exemplar einer „Schüler- und Studentenzeitung“ vom 15. März 1897. Herausgeber: Adolf Weber, dessen Urenkel es an Wolfshohl übergab. Einen Wermutstropfen gab es bei aller Freude: „Lesen konnten wir beide die Zeitschrift nicht. Es war eine kleine Odyssee, bis ich herausgefunden hatte, was das Besondere dieses Exemplars war, und bis ich jemanden gefunden hatte, der die Seiten translitieren konnte“, berichtet Wolfshohl, der sich seit seiner Pensionierung der Geschichte des Beethoven-Gymnasiums verschrieben hat. Hintergrund: Im ausgehenden 20.Jahrhundert existierten zwar an zahlreichen Gymnasien Stenographievereine, weil sie von der kaiserlichen Bildungspolitik unter Wilhelm II. im Sinne des Gegenwartsbezugs und vielfach zulasten der humanistischen Tradition protegiert wurden.

Bundestagsstenograph
vermittelte Hilfe

Allerdings folgte das erhaltene Exemplar ausgerechnet einem älteren Stenographiesystem, das seit 1898 nicht mehr gelehrt wurde und somit heute erst recht kaum jemand beherrscht. „Ich habe lange suchen müssen, jemanden zu finden, der diese Quelle noch lesen kann“, erzählt Wolfshohl. Nach vielen gescheiterten Versuchen bei altgedienten und Steno-kundigen Schreibkräften konnte schließlich der ehemalige Parlamentsstenograph des Deutschen Bundestages, Ministerialrat a.D. Hans Treschwig, helfen: Er stellte den Kontakt zu einem Spezialisten in Münster her, der die Rarität in einer einwöchigen Arbeitszeit übertragen hat. Die Kosten dafür hat die Volksbank Köln-Bonn mit einer namhaften Spende übernommen. Alexander Wolfshohl: „Ein Glücksfall, denn sonst wäre die Quelle für die Zukunft verstummt.“.