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Streitgespräch: Bonn und Beethoven: Brauchen wir ein Festspielhaus?

Streitgespräch : Bonn und Beethoven: Brauchen wir ein Festspielhaus?

Vor der entscheidenden Ratssitzung am kommenden Montag lud der General-Anzeiger zwei Befürworter und zwei Gegner des Kulturprojekts zum Streitgespräch ein.

Am Montag soll der Bonner Stadtrat eine richtungsweisende Entscheidung treffen: Stellt die Stadt ein Grundstück neben der Beethovenhalle zur Verfügung, auf dem die Post und weitere private Bauherren auf eigene Kosten ein Beethoven-Festspielhaus errichten können? Der General-Anzeiger lud zwei Befürworter und zwei Gegner des Projekts zu einer Begegnung ins Verlagsgebäude ein. Das Streitgespräch zwischen Dorothea Paß-Weingartz und Michael Faber sowie Wolfgang Grießl und Stephan Eisel moderierten Dietmar Kanthak und Andreas Baumann.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat im Mai eine Botschaft an die Stadt abgesetzt: "Bonn sollte sich jetzt mal einen Ruck geben, dass aus einer guten Idee auch etwas wird." Gemeint war das Festspielhaus ...
Dorothee Paß-Weingartz: Es ist die Stellungnahme einer Politikerin, die wenig weiß, wie die Situation in Bonn mit einem Schuldenstand von 1,6 Milliarden Euro ist. Ich würde Frau Grütters antworten: Das ist ein schönes Luftschloss, das sich die Bonner vor dem WCCB-Hintergrund und dem Sanierungsstau in vielen Bereichen nicht leisten können. Und es ist nicht durchfinanziert.

Stephan Eisel: Der Bundestag hat 2007 beschlossen, 39 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Der Rat hat damals beschlossen: "Diese Chance muss unbedingt genutzt werden". Frau Grütters hat völlig recht, dass man sich jetzt einen Ruck geben und nach all diesen Bekenntnissen endlich auch entscheiden muss. Außerdem kommt das Festspielhaus die Bonner wesentlich günstiger als die von den Grünen so heftig verfochtene Luxussanierung der Beethovenhalle für 30 Millionen Euro.

Michael Faber: Der Denkmalschutz verpflichtet uns, deshalb ist es auch richtig, dass die Stadt den Sanierungsstau, den man bei der Beethovenhalle hat entstehen lassen, endlich anpackt. Zur Aufforderung der Kulturstaatsministerin: Die wirtschaftliche Situation verlangt derzeit andere Prioritäten. Genau mit der Begründung hat die Stadt 2010 das Projekt erstmals zu den Akten gelegt. Am Befund hat sich in Anbetracht der Haushaltslage seitdem nichts geändert - im Gegenteil!

Wolfgang Grießl: Man muss die Finanzen für das Festspielhaus zweiteilen. Da ist der Bau, und da ist der Betrieb. Sie wissen, dass der Bau völlig privat finanziert werden soll. Wenn wir das nicht schaffen - das wird sich Ende 2015, Anfang 2016 zeigen müssen -, dann wird das Festspielhaus nicht gebaut. So einfach ist das. Das Gleiche gilt für den Betrieb. Wir arbeiten an einem Businessplan, um auch den Betrieb weitgehend privat zu finanzieren - wenn Geld fehlen sollte, mit Unterstützung von Sponsoren. Uns zu unterstellen, das gehe zu Lasten der Stadt, ist schlicht nicht wahr.

Paß-Weingartz: Das Grundstück (an der Ecke Theaterstraße/Erzbergufer, die Red.) soll Ihnen baureif zur Verfügung gestellt werden. Es gibt Fördergelder, es wird aber an der Stadt ein erheblicher, wenn nicht gar zweistelliger Millionenbetrag hängenbleiben. Wir werden so auf Umwegen an dem Festspielhaus beteiligt. Das hätte in hohem Maße Folgen für andere Investitionen. Sehen Sie sich zum Beispiel das Schulzentrum Tannenbusch an.

Grießl: Die Zahlen, die Sie nennen - ein zweistelliger Millionenbetrag - sind völlig aus der Luft gegriffen. Es wird nach Abzug der Fördermittel des Landes ein Betrag zwischen drei und fünf Millionen Euro übrig bleiben, um dieses Grundstück baureif zu machen. Der Rat hat sich wiederholt dazu bekannt, dies zu tun. Ich kann nur an die Stadt appellieren, dass sie zu dieser Zusage steht.

Eisel: Wenn das Festspielhaus nicht gebaut wird, gehen in Bonn etwa 100 Millionen Euro Investitionen von Dritten verloren. Wenn man die Beethovenhalle nicht für 30 Millionen Euro saniert, sondern für sechs oder zehn Millionen, dann hat man städtische Mittel für das Schulzentrum Tannenbusch frei.

Faber: In Rede stehen jetzt 4,4 städtische Millionen Euro für das Baufeld. Die Stadt sagt aber: Die weiterführenden Kosten sind aktuell noch nicht sicher kalkulierbar, das sind namentlich die Außenanlagen und die Bauflächennivellierung. Da ist mit erheblichen Kostensteigerungen zu rechnen. Die Argumentation, es sei ein privates Projekt, mit dem die Stadt ein Geschenk bekomme, ist völlig falsch.

Eisel: Wenn der Stadtrat am 23. Juni die Bereitstellung des baureifen Grundstücks beschließt, sehe ich kein Risiko für die Stadt, denn Kosten fallen erst an, wenn der Architektenwettbewerb abgeschlossen ist und ein Bauantrag gestellt wird. Letzteres passiert aber nur, wenn bis dahin alle offenen Fragen geklärt sind. Dann haben Sie als Ratsmitglied immer noch die Möglichkeit, den Bauantrag nicht zu genehmigen. Jetzt verhindern Sie durch Ihr Nein, dass ein Architektenwettbewerb durchgeführt wird, der ausschließlich von der Deutschen Post bezahlt wird. Haben Sie Angst davor, dass die Bonner sehen, was internationale Spitzenarchitekten für Bonn vorschlagen?

Faber: Nein, weil der Beschluss jetzt schon die Zusage der Stadt vorsieht, das Grundstück am Ende des Weges zu übertragen. So etwas gewinnt dann eine Eigendynamik. Bei den Baukosten ist eine Ausfinanzierung nicht erkennbar. Gleiches gilt für die Betriebskosten. Wir befürchten, dass die Belastungen der Stadt hierfür wie ein Schwamm auch die Mittel aufsaugen, die wir brauchen, um kulturelle Vielfalt in Bonn zu erhalten. Das Festspielhaus würde als Leuchtturmprojekt diese Vielfalt zur Disposition stellen.

Paß-Weingartz: Vieles ist ungeklärt, angefangen von Konzeption und Betrieb; die Stiftung steht nicht. Wir würden uns in ein finanzielles Abenteuer begeben, dass einigen in der Stadt nutzt und das von der Post unterstützt wird. Das honoriere ich durchaus. Doch ich stehe in der Verantwortung für die gesamte Stadt. Ich mache so etwas kein zweites Mal mit.

Sie spielen auf das WCCB an: Ist der Vergleich nicht unangemessen? Es handelt sich beim Festspielhaus um ein privat bezahltes Bauprojekt, abgesehen von den Umfeldkosten.
Eisel: Wollen Sie uns etwa mit Kim vergleichen, Frau Paß-Weingartz?

Paß-Weingartz: Es geht mir um die Dimension. In der Haushaltssituation, in der wir sind, können wir ein Festspielhaus nicht verantworten, wenn wir gleichzeitig die Beethovenhalle ausbauen.

Grießl: Sie haben die Sanierung für die Beethovenhalle beschlossen für circa 30 Millionen Euro. Keiner weiß, ob das reicht. Zweitens: Auch dieses Geld ist nicht ansatzweise im Haushalt vorhanden. Als was ist denn die Beethovenhalle einmal gebaut worden? Das ist doch kein Konzerthaus, sondern eine Mehrzweckhalle. Deshalb kann man die Sanierung auch viel kostengünstiger machen, als Sie das vorhaben.

Faber: Das Festspielhaus ist eben kein rein privates Investment. Alle Kalkulationen gehen von einem Beitrag der Stadt in Millionenhöhe für die Baureifmachung aus und auch hiernach noch von einem laufenden Beitrag aus dem städtischen Haushalt.

Eine - zugegeben plakative - Frage an die Kritiker: Verdient der größte Sohn der Stadt nicht einen großen Wurf?
Paß-Weingartz: Ich würde zustimmen, wenn der Satz gilt: Dieser große Wurf ist rein privat finanziert. Das Betriebsstiftungskapital von rund 50 Millionen Euro bedeutet bei der heutigen Zinslage eine Million Euro Ertrag im Jahr. Wie soll man davon den Betrieb bezahlen?

Dennoch hätten Sie für ein Festspielhaus Rahmenbedingungen, von denen andere Städte nur träumen können. Warum also die Ablehnung?
Faber: Weil es die Haushaltslage nicht hergibt, den städtischen Beitrag zu leisten, und weil wir eine andere kulturpolitische Konzeption verfolgen. Man kann das Erbe Beethovens nicht nur mit einem Prestigeprojekt Festspielhaus pflegen. Bislang liegt auch noch keine künstlerische Konzeption vor, wie sich ein Festspielhaus in die Kulturlandschaft Bonns einfügen soll.

Unsere repräsentative Dimap-Umfrage hat kürzlich gezeigt, dass das Festspielhaus keine Sache der Eliten ist. Knapp die Hälfte der befragten Bonner hat sich für das Projekt ausgesprochen.
Grießl: Herr Faber, Sie haben gesagt, Sie hätten ein anderes Kulturverständnis. Das ist das einzige, was ich in Ihrer Argumentation akzeptiere. Alles andere, was hier immer wieder unterstellt wird - die Stadt muss etwas geben, dann wird von zweistelligen Millionenbeträgen gesprochen -, das ist alles herbeigeredet. Es entspricht in keiner Weise dem, was wir wollen. Wir wollen einen Betrieb ohne Verbrauchszuschuss der Stadt. Stiftung und Satzung sind auf dem Weg. Es wird die erste Aufgabe der Stiftung sein, die inhaltlichen Konzepte auszuarbeiten. Es ist kein Elitenprojekt. Ich kämpfe dafür, dass da nicht nur an sechs, acht Wochen im Jahr die Eliten Bonns hingehen. Da muss möglichst oft etwas los sein, da muss für die gesamte Kulturbreite etwas geboten werden.

Paß-Weingartz: Herr Grießl, ich nehme Ihnen das ab. Aber wir definieren Beethovens Geburtstag nicht über ein Festspielhaus. Wir sind eine lebendige Stadtgesellschaft, und wir werden das hinbekommen, dass wir in unterschiedlicher Weise diesen Geburtstag begehen.

Ist die Beethovenpflege in Bonn nicht auch eine öffentliche Aufgabe?
Paß-Weingartz: Das tun wir ja auch. Wir haben ein Beethoven Orchester, wir haben eine Beethovenhalle, wir haben ein Beethovenfest. Die Stadt engagiert sich.

Eisel: Für die Stadt ist Beethoven immer noch ein Stiefkind. Was es vom Denkmal über das Geburtshaus bis hin zum Beethovenfest gibt, haben Bürger großteils ohne oder gegen die Stadt durchgesetzt. Die Beethoven-Familie ist keine "Elite", sondern mit mehreren tausend Mitgliedern eine der größten Bürgerinitiativen in Bonn. Viele Bürger wollen für die Musikstadt Bonn endlich einen Konzertsaal. Der ist auch für Jazz, Rock und Weltmusik bis hin zu den Höhnern oder Brings ein Anziehungspunkt. Auch in der Royal Albert Hall spielen Künstler wie Eric Clapton. Einnahmen für die Betriebsstiftung sind übrigens natürlich nicht nur die Zinsen, sondern auch Kartenverkauf, Mieteinnahmen und Sponsoring.

Die Baukosten liegen laut Post bei 70 Millionen Euro. Es gibt die Zusage des Konzerns über 30 Millionen Euro, dazu kommen Beiträge des Fördervereins und der Beethoventaler-Genossenschaft - es klafft also eine große Lücke...
Eisel: Neben der Deutschen Post spenden viele Bonner Bürger und Unternehmen viel privates Geld. Das wird sich verstärken, wenn der Rat endlich grünes Licht gibt. Nach Abschluss des Architektenwettbewerbs und dem Durchrechnen der beiden Siegerentwürfe durch die Generalunternehmer fällt die Entscheidung, ob ein Bauantrag gestellt wird. Diese Entscheidung werden alle, die damit zu tun haben, nur treffen, wenn die Finanzierung belastbar sichergestellt ist. Es gibt niemanden, der höhere Ansprüche an die Seriosität der Finanzierung stellt als diejenigen, die ihr privates Geld und ihren guten Namen einbringen. Wir packen es konkret an, denn mit ständiger Miesmacherei lässt sich Bonns Zukunft nicht gestalten.

Die Stadtverwaltung will zehn Millionen Euro über 20 Jahre gestreckt in die Betriebsstiftung einzahlen. Ein angemessener Beitrag?
Grießl: Ich kämpfe dafür, dass die Stadt einmal das Stiftungskapital aufstockt und eben nicht dauerhaft den Betrieb bezuschusst. Wenn da eine Lücke entsteht, können wir die über Sponsoren abdecken. Wir haben Zusagen in Millionenhöhe jährlich. Wenn wir das Jahr 2020 ausnehmen, das natürlich ein Sonderfall ist, bin ich davon überzeugt, dass wir das ohne konsumtiven Zuschuss der Stadt wirtschaftlich durchführen können. Was den Zuschuss zur Stiftung angeht: Die Stadt hätte hier die einmalige Gelegenheit, etwas für ihren großen Sohn zu tun. Es gibt dabei nicht nur den kulturellen, sondern auch den wirtschaftlichen Aspekt. Wir haben über einen hochwertigen, von namhaften Architekten geplanten Konzertsaal die Möglichkeit, etwas für das Image der Stadt zu tun und zusätzliche Gäste in die Region zu holen. Schauen Sie, was Salzburg aus Mozart gemacht hat. Wir machen hier in Bonn aus unserem größten Sohn, auch aus wirtschaftlicher Sicht, viel zu wenig. Wir haben jetzt eine einmalige Chance. Und es wird kein zweites WCCB, das können Sie mir glauben.

Paß-Weingartz: Wir haben eine rasante Verschuldung in der Stadt und noch keine durchgängige Konzeption, wie wir uns in den nächsten Jahren erholen. Jetzt kommt eine privatwirtschaftliche Initiative und sagt, ihr müsst unseren großen Sohn mit einem Festspielhaus nach vorne stellen. Ich würde sagen: Ja, ausschließlich privat finanziert. In den Vorlagen die ich lese, sehe ich jedoch viele Risiken. Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, das geht so nicht.

Faber: Was man festhalten muss: Die Zustiftung von mindestens zehn Millionen Euro muss die Stadt kreditfinanzieren. Dafür müssen laufend Zinsen gezahlt werden, was den Druck auf den sehr belasteten Haushalt in Bonn weiter verstärken wird, insbesondere bei der bestehenden Kultur. Wir sollten uns nicht in ein neues Leuchtturmprojekt stürzen, das die Möglichkeiten der Stadt deutlich einschränkt, die Probleme zu lösen, die wirklich anstehen.

Wird der Schuldenberg ohne Festspielhaus nicht noch schneller wachsen? Alternativ müssen Sie die Beethovenhalle mit hohem Aufwand ertüchtigen. Dafür muss sich die Stadt mindestens 30 Millionen Euro leihen. Und öffentliche Bauprojekte werden schnell mal deutlich teurer - siehe Elbphilharmonie in Hamburg.
Paß-Weingartz: Wir haben uns entschieden, die Beethovenhalle als Mehrzweckhalle herzurichten. Wir machen nicht den immens teuren Ausbau zum Konzerthaus. Wir werden im Rat am 23. Juni gegen die Grundstücksübertragung für das Festspielhaus stimmen. Es wird an diesem Tag ja eine Mehrheit geben für dieses Projekt, und dann werden wir die nächsten Monate abwarten. Ich lasse mich gern positiv überraschen, ob es dann klappt. Die Grünen sind gesprächsbereit, das werden wir immer sein. Es geht um eine gesamtstädtische Verantwortung, die wir zu tragen haben.

Faber: Natürlich könnte die Stadt zugunsten des Festspielhauses ihre Aufgaben, die bestehende Infrastruktur ordnungsgemäß instand zu halten, noch weiter vernachlässigen. Das finden wir aber grundfalsch, da wir bereits einen erheblichen Investitions-, Erhaltungs- und Sanierungsstau haben. Vor dem Hintergrund kann man diese Vorlage am 23. Juni nur ablehnen, und das werden wir auch tun.

Eisel: Ich finde es sehr erfreulich, hier einen Unterschied zu sehen zwischen dem kategorischen Nein von Herrn Faber und der von Frau Paß-Weingartz artikulierten Skepsis, die ausdrückt: So wie es jetzt aussieht, können wir am 23. Juni nicht zustimmen. Wenn der Rat grünes Licht für den Architektenwettbewerb gibt, haben wir die Chance, Ihre weiteren Fragen zu beantworten. Das ist eine gute Perspektive. Es tut dem Projekt und Ludwig van Beethoven und der Stadt insgesamt gut, wenn diese ganze Geschichte aus der Dauerpolarisierung herauskommt. Wir sind als Festspielhaus-Befürworter in der Pflicht, unsere Hausaufgaben zu machen. Aber man muss auch bereit sein, unsere Antworten anzuhören. Und dann bin ich zuversichtlich, dass sich auch Skeptiker diesem großen bürgerschaftlichen Einsatz für die Zukunft der Stadt nicht entziehen werden.

Zu den Personen

Dorothea Paß-Weingartz war in der vergangenen Ratsperiode Fraktionssprecherin der Grünen. Gemeinsam mit Peter Finger war sie Spitzenkandidatin bei der Kommunalwahl und will wieder an die Fraktionsspitze.

Michael Faber ist Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Rat. Er arbeitet als Rechtsanwalt in einer Bonner Kanzlei und engagiert sich als Vorsitzender im Verein Nicaragua-Hilfe Bonn.