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Bonn: Viele Bürger sind trotz Vollzeitjob arm

Gewerkschaft schlägt Alarm : Viele Bonner sind trotz Vollzeitjob arm

Die Gewerkschaft IG Bau ist besorgt: 14.000 Menschen in Bonn arbeiten trotz Vollzeitjob im Niedriglohnbereich. Laut der Bundesagentur für Arbeit sind mehrere Branchen betroffen.

40 Stunden Arbeit pro Woche, und trotzdem bleibt es klamm im Portemonnaie: Dieses Phänomen beklagt für Bonn und den Rhein-Sieg-Kreis aktuell die Gewerkschaft IG Bau. Demnach arbeiten im Zuständigkeitsbereich der Bonner Agentur für Arbeit zwölf Prozent aller Vollzeit-Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Insgesamt rund 14.000 Menschen, so die Gewerkschaft, erzielten trotz voller Stundenzahl ein Einkommen unterhalb der amtlichen Niedriglohnschwelle von derzeit 2.350 Euro brutto im Monat, wie es für Westdeutschland festgelegt ist. Die Zahlen gehen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei im Deutschen Bundestag hervor.

„Dass selbst eine Vollzeitstelle häufig nicht ausreicht, um finanziell halbwegs abgesichert zu sein, ist alarmierend“, sagt Mehmet Perisan, Bezirksvorsitzender der IG Bau Köln-Bonn. Der Gewerkschaftsfunktionär hat für die Region konkrete Branchen im Blick, in denen besonders geringe Gehälter gezahlt würden. Dazu zählt er unter anderem die Landwirtschaft, die Gebäudereinigung und die Floristik. Grund dafür sei auch die schwindende Tarifbindung. „Es droht eine immer tiefere Spaltung des Arbeitsmarktes“, sagt Perisan. Corona tue zudem ein Übriges: Angestellte im Handwerk könnten nur selten Homeoffice machen. Wegen hoher Mieten in den Städten müssten sie zudem oft weite Pendelwege in Kauf nehmen.

Die Bundesagentur für Arbeit nennt auf Nachfrage mehrere Branchen, in denen sich auch in Bonn viele Beschäftigte mit Gehältern „im unteren Entgeltbereich“ wiederfinden, wie es seitens der Behörde offiziell heißt. Dazu zählen die gesamte Logistikbranche und Paketdienste, Verkäufer, das Gesundheitswesen, der Tourismus und die Lebensmittelherstellung und -verarbeitung.

„Wer in Vollzeit angestellt ist, kann eigentlich nicht arm sein“, kommentiert Franz-Josef Windisch, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt Bonn/Rhein-Sieg, die Stellungnahme der Baugewerkschaft. Leider gehe diese Rechnung in Deutschland schon lange nicht mehr auf. Es sei das „berechtigte Anliegen von Gewerkschaften, auf diesen Sachverhalt immer wieder hinzuweisen“, so Windisch.

„Trotz Vollzeitstelle verdienen die Menschen nicht genug zum Leben, weil der Mindestlohn offensichtlich noch nicht hoch genug ist“, bewertet Andrea Hillebrand, Sprecherin des Diakonischen Werks, den Sachverhalt. So reiche ein Monatseinkommen auf Mindestlohnbasis nicht, um eine Familie zu ernähren. Hillebrand: „Die Menschen sind dann darauf angewiesen, zusätzlich staatliche Leistungen in Anspruch zu nehmen oder neben der Vollzeittätigkeit mit Nebenjobs weiteres Einkommen zu generieren, sofern der Arbeitgeber das zulässt.“ Diese Menschen, so Hillebrand, seien oft an der Grenze ihrer Belastbarkeit.

Für den Bonner Mieterbund sagt dessen Vorsitzender Bernhard von Grünberg: „Beim Mieterbund und auch in meiner Beratung treffe ich auf diese Menschen, wobei die Hilfestellung nur von Gewerkschaften erfolgen kann und natürlich von den Betrieben die immer noch solche Löhne zahlen und keine Tarifbindung zulassen.“