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Bonn: Woelki entlässt Leitung des Pristerseminars

Neuer Pfarrvikar für Bad Godesberg im Gespräch : Woelki entlässt komplette Leitung des Priesterseminars in Bonn

Kardinal Woelki will nach Medienberichten am Montag die gesamte Leitung des Priesterseminars in Bonn austauschen. Romano Christen soll Pfarrvikar in Bad Godesberg werden. Dort könnte die Unruhe wachsen.

Über das Wochenende hüllte sich das Erzbistum in Schweigen. Bis Sonntagabend kein Wort über den möglichen Personalaustausch im Bonner Collegium Albertinum. Dabei soll der Austausch der Leitung des Priesterseminars offenbar schon an diesem Montag erfolgen, wie der Kölner „Stadt-Anzeiger“ erfuhr. Konkret geht es um drei Führungskräfte im Albertinum, wo derzeit 23 Seminaristen zu Priestern ausgebildet werden.

Regamy Thillainathan könnte Regens werden

Dem Bericht zufolge soll Kardinal Rainer Maria Woelki den bisherigen Regens (Leiter), Pater Romano Christen, durch Regamy Thillainathan ersetzen. Christen soll seinerseits nun Pfarrvikar in Bad Godesberg werden. Er war 2019 wegen eines Thesenpapiers über Homosexualität als Krankheit in die Kritik geraten, Woelki hielt jedoch weiter an ihm fest. Christens bisheriger Stellvertreter Tobias Hopmann soll Pfarrer in Euskirchen werden. Ihn soll Markus Söhnlein ersetzen, der bisherige Repetent (Studienbegleiter) beim Bonner Priesterseminar. Abgelöst werden soll zudem Pfarrer Axel Hammes, der als Spiritual für die geistliche Begleitung der Studenten verantwortlich war. Nachfolger soll Pfarrer Ralf Neukirchen aus Köln-Chorweiler werden.

Sollte die Entscheidung so umgesetzt werden, wäre dies in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen steht dem Erzbistum, wie berichtet, eine päpstliche Visitation unmittelbar bevor. Dabei soll es neben möglichem Fehlverhalten in Missbrauchsfällen auch um die komplexe pastorale Situation im Erzbistum gehen. Dass kurz zuvor eine so grundlegende Personalentscheidung getroffen wird, dürfte bei den Visitatoren Fragen aufwerfen – zumal der Trennung dem Vernehmen nach Konflikte über den internen Betrieb im Albertinum, aber auch Meinungsverschiedenheiten zur Haltung gegenüber Woelki und zum kirchlichen Umgang mit Homosexualität vorausgegangen sind. Insofern könnte das Priesterseminar somit selbst ein Untersuchungsgegenstand der Visitation sein.

Thillainathan war bisher Leiter der Diözesanstelle „Beruf der Kirche“. Er gilt kirchenintern als charismatisch und als besonders enger Vertrauter Woelkis. Zuletzt hatte er von sich reden gemacht, nachdem er von Papst Franziskus persönlich dazu ermutigt worden sein soll, die Berufungspastoral weiter auszubauen. Dem Papst soll er die Lage im Erzbistum mit der Meldung geschildert haben, es gebe viele junge Menschen, die ein Theologiestudium beginnen.

„Kaplönchensfabrik“ nannten die Bonner früher den markanten neogotischen Bau neben dem Alten Zoll am Rhein. Die 23 Seminaristen studieren entweder an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn, an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Sankt Augustin oder befinden sich in einem Gemeindepraktikum. Vor ihnen haben in den vergangenen 100 Jahren zahlreiche andere Geistliche ihre Priesteramtsausbildung absolviert. Um 1960 wohnte hier auch Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., als er einen Lehrstuhl an der Universität Bonn bekleidete. Gerüchten, denen zufolge die Priesteramtsausbildung in Bonn auf der Kippe oder gar vor der Schließung stand, war das Erzbistum zuletzt immer wieder entschieden entgegengetreten. Das Albertinum beherbergt neben dem Priesterseminar eine Reihe anderer kirchlicher Instututionen.

Entscheidungen haben Einfluss auf Bad Godesberg

Aufmerksam wird man die Ereignisse auch in Bad Godesberg wahrnehmen, wo zuletzt seitens der Basis einiger Unmut über wiederholte personelle Wechsel, aber auch über die Leitung des Seelsorgebereichs zu hören war. Mit einem Wechsel Christens nach Bad Godesberg könnte sich die Kritik an der konservativen Ausrichtung weiter verstärken.

Anfang Februar hatten die Pfarr­nachrichten Nr. 6 des Seelsorgebereichs Bad Godesberg für Aufsehen gesorgt, weil sich Pfarrvikar Wolfgang Biedaßek in einem Vorwort den Frust von der Seele schrieb. Woelki hatte Anfang Januar zunächst Pater Gianluca Carlin zum neuen leitenden Pfarrer ab dem 1. März ernannt. Das stieß bei Biedaßek, so war es dem Vorwort zur Ausgabe zu entnehmen, auf großes Wohlwollen. Allerdings kam dann Ende Januar die Kunde aus der Domstadt, dass durch die Neuansiedlung von Carlins Priesterbruderschaft das Pastoralteam bis September ausgetauscht werde. Dabei handelt es sich um die Priesterbruderschaft der Missionare des Heiligen Karl Borromäus.

Für Biedaßek eine „unerwartete (sehr sehr vorsichtig ausgedrückt) Nachricht“. Der Pfarrvikar selbst schien nur kurz vor der Verkündung in den Kirchen des Burg-, Rhein- und Südviertels Kenntnis vom Vorgang erhalten zu haben. „Das tut mir echt weh. Denn ich bin gerne hier – im Südviertel und auch in ganz Bad Godesberg“, so Biedaßek. Ab dem 1. September soll er an einer anderen Stelle im Erzbistum Köln eingesetzt werden.

Die Entscheidung gegen Biedaßek stieß auf viel Kritik. Unter anderem stellte sich der Pfarrgemeinderat in der Causa gegen das Erzbistum. Vor dem Abzug des Seelsorgeteams habe es kein Gespräch gegeben. „Die scheibchenweise Bekanntgabe mit knappen Fristen ist für alle Beteiligten unerfreulich und behandelt sie eher wie Untertanen denn als Mitchristen“, formulierte es der Vorstand des Pfarrgemeinderates in einem Schreiben an das Erzbistum.

Sollte es sich bewahrheiten, dass Romano Christen neuer Pfarrvikar in Bad Godesberg wird, würde er mit Gianluca Carlin wieder ein „altes, neues Team“ bilden. Auch Christen gehört der Priesterbruderschaft an. Bis 2009 kümmerten sie sich gemeinsam um eine Gemeinde im baden-württembergischen Emmendingen.

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