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Noch keine Notsituation: Bonner Apotheker verzeichnen Lieferengpässe bei Medikamenten

Noch keine Notsituation : Bonner Apotheker verzeichnen Lieferengpässe bei Medikamenten

Laut Apothekerkammer sind 300 Arzneimittel in Bonn und der Region derzeit nicht lieferbar. Allerdings liegt das nicht nur an der Pandemie – der Ansturm auf die Atemschutzmasken aber schon.

In Bonner Apotheken, aber auch darüber hinaus sind Impfstoffe gegen Pneumokokken derzeit kaum zu bekommen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben vor einigen Wochen Bürgern über 60 Jahren empfohlen, sich impfen zu lassen. Gesunden Menschen kann der Erreger in der Regel nicht viel anhaben, bei Älteren dagegen schwere Lungenentzündungen auslösen.

„Die Nachfrage war nach den Empfehlungen plötzlich enorm. Eigentlich ist das ein Impfstoff, der eher selten gewünscht wird“, sagt Thorsten Sonnenschein von der Apotheke „Zur Alten Post“ in Beuel. Die Produktion sei aber nicht so schnell hochzufahren, „weil der Keim bei der Herstellung erst wachsen muss“. Sonnenschein und Edith Teifel von der Sebastian-Apotheke in Poppelsdorf zufolge wissen die Arzneimittelhersteller sehr genau, wie gefragt ihre Präparate sind. Das erschwere die Lieferung, wenn die Nachfrage durch Angst und Sorgen wie während der derzeitigen Pandemie ansteige.

Eine Packung Schmerzmittel pro Haushalt reicht

Ähnlich verhielt es sich mit dem Schmerzmittel Paracetamol: Nachdem in den sozialen Netzwerken die Behauptung kursierte, Ibuprofen würde die Symptome von Covid-19-Erkrankten verschlimmern, war die Alternative Paracetamol innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. „Die WHO hat eine Empfehlung für Paracetamol ausgesprochen und schon einen Tag später zurückgezogen“, kritisiert Sonnenschein. Wissenschaftliche Nachweise dafür, dass Ibuprofen Symptome verschlimmere, sind nicht bekannt. „Es ist auch nicht vernünftig, mehr als eine Packung Schmerzmittel zu Hause liegen zu haben“, sagt Sonnenschein. In Apotheken sind zwar derzeit einige Medikamente nicht lieferbar, von einer „Superkrise“ könne man aber nicht sprechen. Auch Teifel von der Sebastian-Apotheke sieht keine Notsituation. Es sei schon vor der Corona-Krise schwierig gewesen, Schilddrüsenmedikamente zu bekommen. „Bei Antibiotika gibt es hier und da Engpässe, aber die sind nicht so dramatisch.“

Nach Angaben der für Bonn zuständigen Apothekerkammer Nordrhein können aktuell 300 Arzneimittel nicht an die Apotheken im Kammerbezirk geliefert werden. „Das liegt nicht nur an der Pandemie“, meint Kammer-Geschäftsführer Stefan Derix. Die Globalisierung einerseits und der Kostendruck bei der Herstellung andererseits seien die bestimmenden Einflussgrößen. Um die Preise zu senken, ließen die Pharma-Produzenten viele Präparate in Asien herstellen. Die begehrten Atemschutzmasken gehörten ebenfalls dazu. Nur Großproduzenten seien in der Lage, zu den geforderten Preisen zu produzieren. Sobald also Probleme auftauchten, schlage das sofort auf die Auslieferung durch.

Andere Länder zahlen besser für Medikamente

Die Versorgung mit manchen Medikamenten sei auch deshalb schwierig, weil andere Länder besser für die Abnahme zahlten. „Da greift dann die unschöne Seite der freien Marktwirtschaft“, sagt Derix. Gleiches gelte bei den derzeit hohen Preisen, die Apotheker für Atemschutzmasken nehmen. Sie bestellen die Mangelware von verschiedenen Seiten und zahlen ihrerseits hohe Einkaufspreise. Dazu sagte Derix: „Die Not diktiert die Einkaufspreise.“ Bereits Mitte April waren Diebe in ein Lager der Universitätsklinik auf dem Venusberg eingedrungen und hatten Kartons mit insgesamt 400 Atemschutzmasken gestohlen. Die Polizei bestätigte auf Nachfrage den Diebstahl. Marktwert vor der Corona-Krise: rund 200 Euro. Mittlerweile werden je nach Qualität Preise von 50 Euro aufgerufen - pro Stück. 

Sobald bei den Apotheken wieder etwas vorrätig ist, ist es schnell vergriffen, wie etwa bei der Münster Apotheke in der Innenstadt. „Am Mittwochmorgen posteten wir, dass wir wieder Desinfektionsmittel, Atemschutzmasken und Einmalhandschuhe haben. Am Tag darauf war schon alles verkauft“, erzählt  Apotheker Valentin Brugger. In diesen Tagen sei es aber schwer, an Nachschub zu kommen. „Ich habe eben noch mit der Firma Klosterfrau telefoniert, da sie jetzt auch Desinfektionsmittel herstellen wollen“, so Brugger. Doch die gesamte Produktion der Kölner Firma solle an die Landesregierung gehen. Deshalb sei die Apotheke mittlerweile auch dabei, eigenes Desinfektionsmittel herzustellen. „Das machen wir nach einer Rezeptur der WHO.“

Die Knauber-Apotheke erlebt ebenfalls einen Ansturm. „Die Zeiten sind verrückt. Der Bedarf an Schutzmasken ist enorm“, sagt Inhaberin Damorena Grigore. Von der Apothekerkammer gebe es allerdings die Empfehlung, erst diejenigen zu bedienen, die es am Dringendsten benötigten, wie etwa Zahnärzte und anderes medizinisches Personal. „Die erste Lieferung von FFP2-Masken etwa ging nur an Fachkräfte“, so Grigore. „Erst als eine größere Lieferung kam, hat der freie Handel etwas abbekommen.“