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Trotz Prioritätsgruppe 2: Bonner Flüchtlinge warten auf die Impfung

Trotz Prioritätsgruppe 2

Bonner Flüchtlinge warten auf die Impfung

Flüchtlingsunterkunft in Buschdorf: Wann die Bewohner eine Impfung erhalten, ist noch ungewiss. FOTO: Benjamin Westhoff

Bonn Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften sind Teil der Priorisierungsgruppe 2. Trotzdem warten sie noch immer auf eine Impfung. Bewohner in Bonn kritisieren fehlende Informationen. Die Stadt wartet auf eine Impfstoffzuweisung vom Land.

In der von einem Ausbruch des Coronavirus betroffenen städtischen Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete sind bisher 29 Personen mittels PCR-Tests positiv getestet worden, 40 negativ. Weitere Untersuchungsergebnisse stehen noch aus.

Die Einrichtung steht bis zum 11. Mai unter Quarantäne. Die knapp 90 Menschen, die dort leben, dürfen das Gelände der Unterkunft nicht verlassen. Gleichzeitig gilt ein Besuchs- und Betretungsverbot. Das Amt für Soziales und Wohnen stellt die Versorgung der Personen sicher.

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Eine städtische Einrichtung für Geflüchtete in Buschdorf steht seit Freitag unter Quarantäne, nachdem laut Stadt bei Reihentests am Donnerstag 20 Menschen mit Schnelltests positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Am Mittwoch war ein Bewohner positiv getestet worden, er gab keine engen Kontaktpersonen an. In der Unterkunft leben etwa 90 Personen, bei denen PCR-Tests vorgenommen worden sind.

Wie die Stadt Bonn am Sonntag mitteilte, sind bislang 29 Personen aus der betroffenen Unterkunft mittels PCR-Tests positiv getestet worden, 40 negativ. Weitere Untersuchungsergebnisse würden noch ausstehen. Die Einrichtung steht bis zum 11. Mai unter Quarantäne.

Unterdessen warten Flüchtlinge darauf, geimpft zu werden. „Natürlich“, antwortet Mohamid, fast überrascht von der Frage, ob er sich impfen lassen möchte. „Wenn ich darf.“ Der 24-jährige Iraker ist chronisch krank. Im Dezember 2016 kam er nach Deutschland, seit zwei Jahren wohnt er in der Unterkunft in Buschdorf. Das Gespräch mit ihm fand vor dem Ausbruch statt. Er hat Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. „Ich trage immer eine Maske.“

Doch obwohl geflüchtete Menschen in Gemeinschaftsunterkünften in der Priorisierungsgruppe 2 stehen, sind sie noch nicht geimpft. „Sobald wie möglich“ sollten sie an der Reihe sein, steht im Impffahrplan, den das NRW-Gesundheitsministerium Anfang März vorgestellt hat.

Noch keine Impfstoffzuweisung für Geflüchtete

Ursprünglich vorgesehen war für diese Gruppe der Impfstoff von Astrazeneca. Am 30. März fragte das Gesundheitsministerium in den Kommunen die Anzahl der Bewohner und des Personals ab – auch sie sind in Gruppe 2. Ebenfalls am 30. März empfahl die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut Astrazeneca nur noch für Über-60-Jährige. Das Gesundheitsministerium teilt auf GA-Anfrage mit, dass diese Empfehlung „beim Versenden der Abfrage noch nicht bekannt“ gewesen sei.

„Es war ein schwerer Moment für uns, als Astrazeneca ausgesetzt wurde“, sagt Bettina Ueding, bei der Stadt Bonn Abteilungsleiterin für den Bereich Wohnen. Danach lag die Impfkampagne in den zwölf Gemeinschaftsunterkünften – zehn kommunal, zwei vom Land – und in der Erstaufnahmeeinrichtung erst einmal auf Eis. Die meisten der 1370 Menschen, die dort insgesamt leben, seien laut Stadt unter 60. Einige über 80-jährige Bewohner seien bereits im Impfzentrum geimpft worden.

Erst am 21. April erfolgte laut Stadt eine neue Impfstoffzuweisung vom Land: Das Vakzin von Johnson & Johnson solle für Gemeinschaftsunterkünfte genutzt werden. Allerdings, betont das NRW-Gesundheitsministerium auf GA-Anfrage, beziehe sich diese Zuweisung nur auf wohnungs- und obdachlose Personen. „Eine gesonderte Zuweisung für Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften ist nicht erfolgt.“ Es gebe noch keinen Zeitplan für diese Gruppe, heißt es weiter.

Diese Zuweisung vom Gesundheitsministerium für die jeweiligen Personen- oder Berufsgruppen werde „in Bonn seit jeher strikt umgesetzt“, erklärt die Pressestelle der Stadt. Man gehe jedoch davon aus, dass Johnson & Johnson auch für Flüchtlinge in Unterkünften eingesetzt werden könne.

„Wir setzten auf Johnson & Johnson“, sagt Ueding. Der Impfstoff habe den Vorteil, dass eine Dosis reicht. „Die Stadt steht in den Startlöchern.“ Die Impfungen sollen direkt vor Ort in den Unterkünften mit mobilen Teams durchgeführt werden. Die Zeit bis zur neuen Impfstoffzuweisung werde genutzt, um die Unterkünfte zu begehen und Vorbereitungen zu treffen. Davon hat Mohamid bislang nicht viel mitbekommen, sagt er. Zwar wurde er bereits gefragt, ob er sich impfen lassen möchte. „Aber bis jetzt gibt es keine Informationen zur Impfung in den Unterkünften.“ Dort werde auch nicht viel über Corona oder die Impfung gesprochen. Kalina Velikova von der Bonner Flüchtlingsberatungsstelle übt scharfe Kritik daran: „Die Bewohner werden damit komplett alleine gelassen.“ Ein Freund von Mohamid möchte keine Impfung. „Der sagt, der braucht sowas nicht.“ Dessen Vater hingegen würde sich gerne impfen lassen, erzählt der 24-Jährige. Auch von zwei weiteren Familien habe er gehört, dass sie eine Impfung wollen.

Impfbereitschaft aktuell bei 30 bis 50 Prozent

Nadja Müller de Ossio von der Flüchtlingshilfe Bonn hat eine ähnliche Erfahrung gemacht. Sie hat mit einem anderen Bewohner der Container-Unterkunft in Buschdorf gesprochen. Laut Aussage des zuständigen Sozialarbeiters könne er sich nun impfen lassen. Schriftliche oder mehrsprachige Informationen habe er jedoch nicht erhalten und auch nirgends angeschlagen gesehen.

Quarantäne im Hotel

Aktuell nur vier Fälle

Seit März 2020 wurden von der Stadt zur Isolation oder Quarantäne 216 Personen in Hotels untergebracht. Darunter sind Bewohner städtischer Einrichtungen oder Menschen, die sich zu Hause nicht isolieren könnten. „Das hat sich absolut bewährt“, Bettina Ueding, Abteilungsleiterin für den Bereich Wohnen. Aktuell seien nur vier Personen in Hotels.

Mohamid informiert sich vor allem im Internet. „Da gibt es aber auch viele Falschmeldungen.“ Außerdem sei er in Kontakt zu Freunden im Irak. „Dort denken viele negativ über den Impfstoff. Sie haben Angst, dass damit etwas nicht stimmt.“ Tatsächlich ist die Impfskepsis im Nahen Osten ausgeprägter als anderswo, wie Studien zeigen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Mangelndes Vertrauen in die Regierung oder Angst vor Nebenwirkungen. Falschinformationen verbreiten sich einfacher, weil viele Menschen den staatlich kontrollierten Medien nicht trauen.

Diese Problematik ist Gabriele Wilbrand bewusst. Sie ist Teamleiterin der städtischen Sozialarbeit im Bereich Unterbringung von Geflüchteten. „Viele haben mit Impfungen keine Erfahrung oder wurden früher in ihren Heimatländern nicht ausreichend informiert“, sagt sie. Je nach Unterkunft wollen sich aktuell 30 bis 50 Prozent der Bewohner impfen lassen. Wilbrand geht davon aus, dass diese Zahl noch steigen wird. Gerade würden „verschiedene Kommunikationskanäle“ vorbereitet, um die Impfbereitschaft zu erhöhen und über das Impfen zu informieren, heißt es aus der Pressestelle der Stadt.

Aufatmen erst bei guter Impfquote

Die Impfung sei „sehr wohl ein Thema, über das mit den Sozialarbeitern vor Ort gesprochen wird“, erklärt Wilbrand. Den Vorwurf, dass es nur mangelnde Informationen gebe, weist sie zurück. Es gebe Aushänge, Infomaterial sowie Auskünfte durch die Sozialarbeiter. Das Robert Koch-Institut habe eigens eine App entwickelt, mit der die Aufklärung und Einwilligung zur Impfung in über 30 Sprachen übersetzt werden kann. Allerdings, betont Wilbrand, führen sie keine medizinischen Beratungen durch. Dazu würden die Bewohner unter anderem an ihre Hausärzte, die oft deren Muttersprache sprechen, verwiesen.

Die bisherigen Hygienemaßnahmen hätten sich bewährt, betont Ueding. Dazu zählt auch ein Zutrittsverbot. Der Wunsch von allen sei es jedoch, dieses sobald wie möglich wieder aufheben zu können. „Doch wir atmen erst auf, wenn wir in den Unterkünften eine gute Impfquote haben“, sagt Ueding. Das werde noch ein paar Wochen dauern.