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65 außergewöhnliche Krippenfiguren: Bonner Gesichter in Bethlehem

65 außergewöhnliche Krippenfiguren : Bonner Gesichter in Bethlehem

In der Krippe von Dagmar Bofinger treffen biblische Figuren auch auf Kabarettist Andreas Etienne als Gaukler. Nelson Madela und Hildegard von Bingen sind auch abgebildet.

Eine zentrale Botschaft des Christentums lautet: Gott ist Mensch geworden. An Weihnachten wird diese Botschaft sehr konkret und anschaulich in Weihnachtskrippen umgesetzt. Wie schon in den biblischen Erzählungen geht es dabei weniger um historische Genauigkeit, als vielmehr um theologische Verkündigung und um lebendige Frömmigkeit. In einer afrikanischen Krippe sind Maria, Josef und die Hirten Afrikaner, in einer asiatischen Krippe Asiaten. Alle Krippen eint die Darstellung von Menschen und Engeln, die in Andacht das Jesuskind in der Krippe besuchen. Auch in der Krippe von Dagmar Bofinger, an der sie 20 Jahre gearbeitet hat.

„Ich bin kein Naivling“, schickt die 77-Jährige ihrer Überzeugung voraus, dass jeder Krippe ein starker Hang zur Naivität zugrunde liegt. Davon schließt sie auch ihre eigene nicht aus. „Ich habe in meine 65 Figuren alles eingebracht, was ich an Nachdenklichkeit und Sensibilität besitze und an Kunstfertigkeit gelernt habe“, sagt Bofinger und ergänzt, dass sich trotzdem auch das Andere immer wieder durchsetze, was sie jedoch besonders glücklich mache. Dieses Glück teilt die Krippenbauerin mit vielen Menschen, die sie bei ihrem früheren „Treffpunkt Bethlehem“ erlebt haben.

Amüsiert erinnert sich Bofinger daran, dass sie irgendwann einmal auf einer ihrer Veranstaltungen, die in der Nachbarschaft, auf dem Petersberg, bei den Johannitern, den Jesuiten oder in der Trinitatiskirche stattfanden, als die „Pastorenwitwe mit dem Ghettoblaster“ angekündigt wurde. Dabei war die Bezeichnung keinesfalls despektierlich gemeint. Eher ein Versuch, die Hochachtung vor dem theologischen Wissen der eher intellektuell als naiv zu bezeichnenden Künstlerin auf ein zugängliches Maß herunterzubrechen.

Der evangelische Glauben und die Auseinandersetzung damit haben ihr Leben seit dem Moment bestimmt, wo ihr späterer Ehemann sie im Tübinger Hörsaal ansprach und schließlich von ihrem soeben begonnenen Germanistikstudium abhielt. Mit dem Oberkirchenrat Wilhelm Bofinger wanderte sie in die USA aus, wo sie vielleicht auch heute noch in Washington leben würde, wenn ihr 16 Jahre älterer Mann 1985 nicht plötzlich und unerwartet gestorben wäre.

Dagmar Bofingers ungewöhnliche Krippenfiguren

Ein enger Freund ihres Mannes, den sie respektvoll als „den alten Herrn“ bezeichnet, um nicht namentlich von dem evangelischen Bischof zu sprechen, der sich dahinter verbirgt, wurde für sie mit ihren drei Söhnen zum Mentor und Freund zugleich. Noch in Washington begann sie auf sein Anraten ein Kunststudium, das sie mit einem Bachelor abschloss. Später begann sie für ihn eine besondere Krippe zu bauen, die sie 20 Jahre lang um neue Figuren ergänzte, bis die vom Bischof vorgegebene Zahl von 21 erreicht war. Mit seinem Tod im Jahr 1999 sah Bofinger auch das Ende ihrer Arbeit an der Krippe.

"Treffpunkt Bethlehem"

Doch auf Drängen von Menschen, die ihr wichtig waren, machte sie weiter und ergänzte die Krippe mit deren „Wunschfiguren“: Hildegard von Bingen, Nelson Mandela oder die Darstellung des Rosenwunders bei Elisabeth von Thüringen. Nur dem Wunsch, mit Martin Luther oder dem damaligen Bischof Lehmann mehr Kirche in ihre Krippe einzubringen, verweigerte sich Bofinger und modellierte stattdessen Petrus mit einem Schlüssel, den er dem Jesuskind auffordernd hinstreckt. Zu seinen Füßen kräht ein Hahn.

Alle ihre etwa 20 bis 30 Zentimeter hohen Figuren tragen Gesichter, die man zu kennen glaubt. Bofinger selbst begleitet als Hirtin mit einem Schaf auf dem Arm den schon gekrümmt gehenden alten Herrn, dessen bischöflichen Krummstab sie in einen Hirtenstock zurückverwandelte. „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; er heißt Wunderbar, Rat, Held, Ewig-Vater Friedefürst“, zitiert Bofinger die Verheißung des ersten großen Schriftpropheten Jesaja, der den Israeliten die endzeitliche Wende zu universalem Frieden, Gerechtigkeit und Heil verkündete.

Alle ihre biblischen oder weltlichen Figuren sind Stichwortgeber für einen scheinbar unendlichen Reichtum an Geschichten und Wissen, den Bofinger mit ihren Zuhörern teilte, wenn sie bei ihrem „Treffpunkt Bethlehem“ eine Figur nach der anderen um einen Feuerplatz aufstellte. Die Krippe ist da noch leer. Doch die deutlich schwangere Maria ist mit Josef und einem Esel bereits auf dem Weg zu den wartenden Figuren. Darunter auch Bonner Gesichter: Andreas Etienne als Gaukler, ein Gemüsehändler, der dem noch jungen vollbärtigen Max Walbroel aus Endenich gleicht und ein Glühweinverkäufer, der Kurt Mark vom Bonner Weihnachtsmarkt ähnelt. Sie alle feiern die Menschwerdung Gottes.

Dagmar Bofinger gelang es mit der langjährigen Aufstellung ihres „Treffpunkt Bethlehem“, dem oft durch Kommerzialisierung ins Banale abgleitende Weihnachtsfest über sentimentale Klischees hinaus wieder den Inhalt zu verleihen, der sich für sie im Vaterunser ausdrückt durch die Worte: „Dein Reich komme“.