Fachhandel konkurriert mit Onlinehandel Bonner Musikhäuser stehen unter Druck

Bonn · Bonner Geschäfte klagen über sinkende Umsätze. Spezialisten besetzen mittlerweile Nischen. Der Umsatz wandert in den Online-Handel ab.

Das Musikhaus Tonger schloss im März, das Drum-Studio in Bonn-Beuel macht Ende des Jahres dicht, genauso wie das Pianohaus Hartmann: drei weitere Opfer, die die Krise des Musikalienhandels gefordert hat? Ganz so einfach ist es nicht. Doch klar ist, dass die Branche seit Langem unter erheblichem Druck steht.

Ein Grund ist der Onlinehandel. Ob Bücher, Computer oder eben Gitarren oder Noten: Der Kunde will’s vor allem billig – und da haben die Onlinevertriebe oft die Nase vorn. Was Amazon für den Buchhandel, ist Thomann für den Musikalienhandel. „Europas größtes Musikhaus“ liefert alles, von der Triangel bis zum Konzertflügel – versandkostenfrei, versteht sich. Natürlich auch Schlagzeuge. Die Händler vor Ort haben das Nachsehen.

Wie Jürgen Josef Linden. In seinem Drum-Studio gehen Ende des Jahres die Lichter aus, die Einnahmen sind im letzten Jahr zurückgegangen. Er habe kurz überlegt, selbst online einzusteigen. Doch der Aufwand schien ihm zu groß. Und dann ist da noch das „Fernabgabegesetz“, das dem Kunden eine 14-tägige Widerrufsfrist einräumt. „Da bestellen die Leute ein Schlagzeug, probieren es aus, machen möglicherweise sogar eine Studioaufnahme damit und schicken es dann zurück“, befürchtet er. Die Kosten müsse immer der Händler tragen.

Werkstatt soll weitergeführt werden

Ein anderes Problem nennt Linden „Beratungsdiebstahl“:. Den Service des Fachmanns – Linden ist studierter Schlagzeuger – in Anspruch nehmen und dann im Internet bestellen. Doch er will nicht jammern, eher aufrütteln. Er kann es sich leisten, den Laden zu schließen. Was ihn ärgert, ist grundsätzlicher Natur: „Die Leute müssen sich klar machen, dass vor Ort Gewerbesteuer fehlt, wenn immer mehr Händler zumachen.“ Sein Laden ist schon ziemlich leer. Becken, Sticks, Felle, Noten und anderes warten noch auf Schnäppchenjäger. „Die Aasgeier“, so Linden sarkastisch, „können kommen.“

Klavierliebhaber mit dem Sparblick betreten derzeit gerne das Pianohaus Hartmann. Das schließt ebenfalls Ende Dezember. Wobei hier ein Schnäppchen ein paar Tausend Euro und mehr kosten kann. „Ich habe die Rente durch“, begründet Rudolf Jakob Hartmann den Schlussstrich. Finanziell stehe sein Laden, den er zusammen mit seinem Bruder Berthold seit 1982 führt, auf gesunden Beinen. „Wir haben eine treue Stammkundschaft“, sagt er und zeigt auf einen gut gefüllten Karteikasten. Doch niemand der Kinder wollte das Geschäft übernehmen. Also freut sich Rudolf ab 2018 auf „freie Samstage“.

Die Werkstatt wollen die Hartmann-Brüder allerdings weiterführen – als leidenschaftliche Klavierbauer können sie vom Stimmen und Intonieren einfach nicht lassen. Auch Spezialisten wie etwa den Instrumentenbauern kann der Onlinehandel wenig anhaben. „Wir arbeiten in einer Nische“, erklärt Rudolf Elbin vom gleichnamigen Geigenbauatelier, „eine speziell gefertigte Geige ist etwas ganz Individuelles“. Dafür ist Graswurzelarbeit nötig. Eltern wie Kinder müsse man dazu „erziehen“, dass sie einen guten Klang zu schätzen wissen. Das sieht auch Jürgen Linden so. „Viele Leute“, klagt er, „haben das Hören verlernt.“

Wenn auch drei Fachgeschäfte aufgegeben haben – bis zur Schreckensvision einer weltbekannten Beethovenstadt ohne ein einziges Musikgeschäft ist es ein weiter Weg. Noch gibt es ausreichend Musikfachgeschäfte und Instrumentenbauer in Bonn. Wie man sie findet? Am einfachsten im Internet.

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