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Firma Klais: Bonner Orgelbauer entstauben die Pfeifen in der Elbphilharmonie

Firma Klais : Bonner Orgelbauer entstauben die Pfeifen in der Elbphilharmonie

4765 Pfeifen zu reinigen und zu stimmen – das braucht Zeit. Die Bonner Firma Klais nutzt gerade die kulturelle Zwangspause der Elbphilharmonie-Orgel, um das Instrument vom Baustaub zu befreien. Die Arbeiten zeigen: Orgelbauer sind Handwerker, Perfektionisten und Akrobaten.

Bernd Reinartz ist kein Akrobat, er ist Orgelbauer bei der Bonner Firma Johannes Klais Orgelbau. Seine Arbeit bringt ihn aber auch in schwindelerregende Höhe – wie derzeit bei Reinigung und Feinschliff der meterlangen Pfeifen in der Hamburger Elbphilharmonie. „Alle Mitarbeiter sollten schwindelfrei sein“, sagt sein Chef Philipp Klais.

Die Orgel ist 15 Meter mal 15 Meter groß, 25 Tonnen schwer und ein besonderes Projekt. „Häufig werden die Instrumente in Konzertsälen nicht so oft gespielt, das ist hier anders“, sagt Klais. Es gibt Orgel-Solo-Abos, Führungen, bei denen die Besucher die Pfeifen anfassen können, und andere Konzerte.

Auch der Standort des Instruments ist außergewöhnlich. Es thront nicht – wie in Kirchen – über allem, sondern fügt sich ein in die weiße Fassade des großen Saales. So wundert es nicht, dass auch die Reinigung anders abläuft als üblich. Klais und sein Team bauten mehrere Tausend Pfeifen statt zwölf schon vier Jahren nach der Eröffnung wieder aus, um sie zu reinigen. Die aufwendigen Arbeiten begannen am 4. Januar und sollen Ende Februar fertig sein.

2016 hatten die Bonner das Instrument sechs Monate lang in Hamburg eingebaut. „Während der Fertigstellung des Saales hatten gleichzeitig viele Gewerke Zugang. Es gab eine hohe Staubbelastung“, sagt Klais, der den Familienbetrieb in vierter Generation seit 1995 leitet. Deshalb war schon vor der Eröffnung klar, dass die Pfeifen früher gereinigt werden sollten.

Geplant war die Aktion eigentlich für den Sommer 2021. Nun hofft die Elbphilharmonie wegen Corona aber, dass genau dann das musikalische Leben wieder losgeht. „Deshalb hat die Intendanz im November beschlossen: Wir machen das jetzt“, sagt Klais. Es sei schön und ungewohnt, so schnell wieder mit dem fertigen Instrument zu arbeiten, sagt der Orgelbauer.

Im Januar und Februar hatten die Spezialisten freie Bahn, um die 4765 Pfeifen zu entstauben. Wie sie das machen, ist abhängig von Größe und Verschluss. „Wir arbeiten mit Saugern und Bürsten“, sagt Klais. Bei großen Pfeifen nutze man richtige Staubsauger. Die längste Orgelpfeife in der Elbphilharmonie misst mehr als elf Meter, die kürzeste ist wenige Millimeter lang. „In die sehr großen Pfeifen kommen wir auch so rein, die müssen wir nicht rausheben“, sagt Klais. „Gott sei Dank.“

Jetzt im Februar begann eine spannende Phase für Klais: „Nach dem Säubern werden die Pfeifen nachintoniert und gestimmt.“ Der Bau des Instruments sei Kunst und Ingenieursarbeit zugleich, das Wichtigste sei am Ende aber der Klang. Intonateur Bernd Reinartz gibt jeder einzelnen Pfeife den richtigen Ton. Dafür verändert er sie nur minimal. Mit einem kleinen Spatel – ähnlich groß wie ein Bürstchen für den Zahnzwischenraum – weitet er sie zum Beispiel behutsam. „Dagegen ist Zahnmechanik Grobarbeit“, sagt Klais.

Die Orgel habe nun vier Jahre Konzerterfahrung, sagt Klais. In dieser Zeit besuchten die Orgelbauer aus Bonn ihr Kunstwerk regelmäßig, um es in Aktion kennenzulernen. Hamburg sei nicht so weit weg. „Eine unserer Orgeln steht in Kaohsiung in Südtaiwan. Da kommen wir nicht so schnell hin“, sagt Klais.

Von unterschiedlichen Plätzen im Saal der Elbphilharmonie aus lauschten die Orgelbauer den Konzerten und entdeckten manchmal sogar kleine Stellen, die sie jetzt nachbessern wollen. „Das sind feine Nuancen, bei denen ich denke: An dieser Stelle, an diesem kleinen Detail wünsche ich mir eine behutsame Korrektur“, sagt Klais. Laien würden den Unterschied wahrscheinlich gar nicht hören.

Bei allen Arbeiten stimmt sich der Orgelbauer mit der Organistin Iveta Apkalna und dem Orgelsachverständigen der Stadt Hamburg ab. Am 14. Februar trafen sich alle nochmal zur Endkontrolle. Bis Ende des Monats sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein.

Elbphilharmonie macht klassische Musik attraktiv

Klais ist mit der Orgel in der Elbphilharmonie äußerst zufrieden: „Ich bin sehr glücklich. Es ist eine tolles Instrument in einem fantastischen Raum.“ Er freut sich, dass der Standort der Orgel öffentlich zugänglich ist. „Es ist ein attraktives Gebäude, das auch Leute einlädt, die sonst nicht in klassische Konzerte gehen“, sagt er und fügt hinzu, dass er sich diesen Mut auch für die eigene Stadt wünschen würde.

Klais` Betrieb mit 65 Mitarbeitern baut im Jahr drei bis vier Orgeln. Aktuell restauriert er ein Instrument aus dem 18. Jahrhundert im polnischen Wrocław (Breslau). Ein weiteres Projekt in Kairo liegt gerade wegen Corona auf Eis. War das Geschäft immer schon so international? „Mein Großvater hat die Orgel in der Weltfriedenskirche von Hiroshima gebaut“, sagt Klais. Das beste Beispiel sei aber der Orgelbauer Johann Heinrich Mundt aus Köln, der 1671 in Prag die Orgel in der Teynkirche erbaute. Klais durfte sie restaurieren und war begeistert: „Die Orgel kann Musik spielen, die bei ihrem Bau noch gar nicht komponiert worden war. Das ist visionär.“