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Bonner Schule verweigert Befreiung von Präsenzunterricht

Vater legt Widerspruch ein : Bonner Schule verweigert Befreiung vom Präsenzunterricht

Weil seine Frau an einer schweren chronischen Erkrankung leidet und für sie eine Corona-Infektion schlimm enden könnte, hat ein Bonner Familienvater seine drei Kinder, die unterschiedliche Schulen besuchen, vom Präsenzunterricht befreien wollen. Die Schule seines Sohnes verweigert die Genehmigung.

Michel K. (der volle Name ist dem GA bekannt) versteht die Welt nicht mehr: Der Vater von drei Kindern will seinen Nachwuchs vom Präsenzunterricht befreien lassen, weil seine Frau unter einer schweren chronischen Erkrankung leidet und deshalb im besonderen Maße vor einer Corona-Infektion geschützt werden müsse. Die Grundschule in Friesdorf und die Gesamtschule Bonns Fünfte, die seine beiden Töchter (7 und 13) besuchen,  haben der Befreiung nach Vorlage eines Attests des Hausarztes umgehend zugestimmt, sagt er. Das Nikolaus-Cusanus-Gymnasium, das der zehnjährige Sohn seit Sommer besucht, verweigere ihm dagegen die Erlaubnis, den Jungen weiter im Distanzlernen am Unterricht teilnehmen zu lassen.

Dagegen hat der Vater, der mit seiner Familie im Bonner Süden lebt, Widerspruch bei der Schulaufsichtsbehörde der Bezirksregierung Köln eingelegt. Weil der Widerspruch aufschiebende Wirkung habe, dürfe sein Sohn derzeit zu Hause bleiben, so Michel K. „Die Leiterin der Schule meines Sohnes beruft sich bei ihrer Entscheidung auf eine Regelung des Schulministeriums des Landes NRW“, berichtet der Vater. Unter der Rubrik „Angepasster Schulbetrieb in Coronazeiten“ findet sich zum Stichwort „Schutz vorerkrankter Angehöriger, die mit Schülerinnen und Schülern in häuslicher Gemeinschaft leben" der entsprechende Passus. Danach gebe es bei einem dauerhaft erhöhten Krankheitsrisiko keine Befreiung vom Präsenzunterricht, es müsse zunächst innerhalb der häuslichen Gemeinschaft für Schutz vor Infektionen gesorgt werden.

„Wie ich meine Frau, die eine ärztlich attestierte chronische Vorerkrankung hat, dauerhaft vor einer Infektion schützen kann, wenn mein Sohn sich täglich mit 15 und mehr Menschen in einem Raum aufhalten muss, weiß ich nicht genau“, sagt der 38-Jährige. Er gehe davon aus, dass hier nur Isolation ausreichend Schutz bieten könne. Immerhin sei seine 40 Jahre alte Frau aufgrund ihrer schweren Erkrankung berufsunfähig. Der Arzt habe ihr attestiert, dass sie bei einer Infektion mit Corona mit einem schweren Verlauf rechnen müsse. Einen Impftermin gebe es auch noch nicht.

Schwiegereltern leben mit im Haus und haben Vorerkrankungen

Hinzu komme, dass seine Schwiegereltern mit im Haus lebten. Der Schwiegervater habe ebenfalls Vorerkrankungen und sei auch noch nicht gegen Corona geimpft. „Wir haben die ganze Pandemie bisher einigermaßen ertragen, obwohl wir uns als Familie stark einschränken müssen“, sagt der Vater. So dürfe jedes Kind seit Monaten lediglich zu einem Freund oder einer Freundin Kontakt pflegen. Seine Eltern hätten sie seither auch nur einmal gesehen. Natürlich würden die Kinder lieber in die Schule gehen. Aber sie hätten über das Problem ausführlich miteinander gesprochen, der Schutz der Mutter habe für alle Vorrang. „Das ist ein richtiger Tiefschlag für mich“, sagt Michel K.

Der Informatiker, der selbst auch nur im Homeoffice arbeitet, ist erst einmal froh, dass jetzt die Osterferien vor der Türe stehen und damit die Kinder ohnehin zu Hause bleiben können. „Wie es anschließend weitergeht, das muss ich mir noch überlegen.“ Zumal zurzeit völlig unklar sei, wie sich die Situation in der Pandemie weiter entwickeln werde.

Gymnasium will Vorgang nicht kommentieren

Auf GA-Nachfrage erklärte NCG-Leiterin Nicole Auen: „Ich werde den Vorgang nicht öffentlich kommentieren.“ Sie könne lediglich auf den Passus des Schulministeriums zum angepassten Schulbetrieb in Corona-Zeiten verweisen. Die Frage, ob es weitere Fälle an ihrer Schule gebe, bei denen Eltern ebenfalls um Befreiung vom Präsenzunterricht gebeten hätten, verneinte sie.

Vanessa Nolte von der Pressestelle der Bezirksregierung sagte dem GA: „Wir haben aktuell noch keine Kenntnis darüber, auf welcher Grundlage das Gymnasium zu seiner Entscheidung gekommen ist.“ Daher könne die Bezirksregierung dazu keine Aussage treffen. Ein Widerspruch habe so lange aufschiebende Wirkung, bis eine erneute Prüfung stattgefunden habe. Wann diese stattfinden werde, war nicht zu erfahren.

Ursula Dreeser, Direktorin von Bonns Fünfter, erklärte dagegen:  „Ich hinterfrage so etwas nicht. Wenn die Eltern ein Attest des Arztes vorlegen, gehe ich davon aus, dass das Anliegen berechtigt ist.“ Zumal es sich bei Corona um eine Krankheit handele, die tödlich verlaufen könne. „Da werde ich den Teufel tun und einen Antrag auf Befreiung von der Präsenzpflicht verweigern.“ Über das Lernen auf Distanz habe man ja die Kinder weiterhin gut im Blick. Bisher habe sie nicht die Erfahrung gemacht, dass diese Kinder weniger und/oder schlechter arbeiteten. Es gebe eine Handvoll Schüler an ihrer Schule, die aus ähnlichen Gründen vom Präsenzunterricht befreit seien. Darunter eine Schülerin, die bereits seit einem Jahr zu Hause lerne, weil ein Elternteil schwer krank sei. „Ich bin fest überzeugt, alle diese Schülerinnen und Schüler würden lieber in die Schule kommen als zu Hause zu bleiben.“

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