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„Kultur in kulturloser Zeit“: Bonner St.-Thomas-Morus-Gemeinde schafft Platz für Kunst

„Kultur in kulturloser Zeit“ : Bonner St.-Thomas-Morus-Gemeinde schafft Platz für Kunst

Die St.-Thomas-Morus-Gemeinde schafft in Corona-Zeiten neue Freiräume für Kultur in kulturlosen Zeiten. In einigen Kirchen wurde bereits zur Seite geräumt – Platz für Kultur, Kunst und Begegnung.

„Schon der Lockdown im März des Jahres hat uns auf Null gesetzt“, sagt Ralf Knoblauch. Das komplette Gemeindeleben der katholischen St.-Thomas-Morus-Gemeinde habe in dieser Zeit am Boden gelegen. Doch man habe daraus gelernt. „Der Lockdown hat uns in der Kirchenentwicklung vier oder fünf Jahre weitergebracht“, vermutet der Diakon. Es gebe Menschen in der Kirche, die glaubten, wenn die Corona-Pandemie vorbei sei, ginge alles so weiter wie zuvor. Dem widerspricht Knoblauch: „Das ist eine große Illusion, weil wir jetzt schon merken, dass sich ganz vieles verändert hat oder weggebrochen ist.“ Der Priester steht in der ausgeräumten St.-Bernhard-Kirche in Auerberg, und berichtet von einem kreativen Pastoralteam, das die Corona-Krise als Herausforderung betrachtet.

„Wir werden Kultur in kulturloser Zeit anbieten“, sagt Knoblauch. Es sei eine schmerzhafte Erfahrung gewesen, in den acht Gemeinden und Kirchen der Bonner Großgemeinde auf Gottesdienste, Taufen und Trauungen zu verzichten und nur unter sehr rigiden Bedingungen zu beerdigen, so Knoblauch rückblickend. Aber auch alle anderen Aktivitäten wie Gruppenstunden von Messdienern, Frauentreffen und Seniorenclubs mussten ausfallen und sind auch jetzt nur mit begrenzten Personenzahlen und unter Einhaltung der gebotenen Abstandsregeln möglich.

Neben bis heute erhaltenen digitalen Angeboten hatte man schon im Frühjahr damit begonnen, die Kirchenräume täglich von 10 bis 18 Uhr zu öffnen, um dort die Möglichkeit zum Gespräch mit Mitgliedern des Pastoralteams zu geben, zu beten, Kerzen anzuzünden oder auch nur ein paar Minuten Stille zu genießen. „Schon damals hatten wir uns Gedanken darüber gemacht, was wir tun würden, wenn das Corona-Problem noch über den Winter geht“, erinnert sich Knoblauch. Im Frühjahr war es aufgrund des meist guten Wetters noch möglich, Gottesdienste oder geplante Veranstaltungen im Freien durchzuführen. Doch wie sollte das bei schlechtem Wetter oder in der Kälte des Winters werden? In der Alt-Tannenbuscher Pauluskirche hatte die Gemeinde bereits gute Erfahrungen mit einer Teilausräumung von Sitzbänken gemacht, um sich auf der so gewonnenen Fläche freier bewegen zu können, als das unter Einbehaltung des Mindestabstands von 1,5 Metern in den Sitzbänken möglich gewesen wäre.

Das Fehlen von Pfarrheim oder Versammlungsflächen in der Auerberger und der Lessenicher Gemeinde führten schon vor rund zwei Monaten zu der Entscheidung, in den Kirchen St. Bernhard und St. Laurentius nahezu sämtliche Sitzbänke zu entfernen und einzulagern, um den auch als solchen mehrdeutig kommunizierten „Freiraum“ spirituell zu füllen. Mit dem Pfarrgemeinderat einigte man sich darauf, die Bänke zu Ostern 2021 wieder aufzustellen. Während die Bernhard-Kirche bereits ausgeräumt ist, wird es in St. Laurentius zum Ersten Advent (29. November) dazu kommen. „In Lessenich werden wir einige Kompromisse machen müssen“, so Knoblauch, „da sich manche Gemeindemitglieder mit der Ausräumung schwer tun.“

Auch in der Pauluskirche hat man nach Protesten zwei Bänke wieder aufgestellt, um Gläubigen das gewohnte Knien und Rosenkranzbeten vor dem Marienaltar zu ermöglichen. Es gebe durchaus Widerstand gegen den Freiraum, der den Kirchenraum ausschließlich auf die Eucharistiefeier und die Anbetung Gottes genutzt sehen möchte. „Doch der wesentlich größere Teil der Gemeindemitglieder ist davon überzeugt, dass wir innovative Schritte gehen müssen, wenn wir Kirche wieder attraktiv machen wollen“, spiegelt Knoblauch die gemachten Erfahrungen wider.

An einer Videokonferenz beteiligten sich nun 14 Menschen, die Knoblauch zur Kerngemeinde gehörend bezeichnet, auch wenn nicht alle von ihnen eine direkte Kirchennähe zeigten. „Alles Menschen, die ein gutes Charisma haben, sich zu überlegen, was man jetzt mit dem Freiraum machen kann“, berichtet Knoblauch mit sichtlicher Begeisterung von dem virtuellen Treffen. Die Freiräume hätten Denkprozesse freigesetzt, wie sich beispielsweise eine Akustik ohne die Kirchenbänke verändert oder wie sich das Begehen der romanischen Laurentiuskirche anfühlt, wenn mit den Bänken auch Blockaden entfallen, die den Kirchenraum in alle Richtungen frei begehbar werden lassen.

Knoblauch geht davon aus, dass viele der vorgeschlagenen und diskutierten Ideen umgesetzt werden können. Da könnte sich ein Literat mit einem Zeichner treffen und einen christlich-jüdischen Dialog in Wort und Bild führen. Ein Fotograf möchte das Ausräumen der Laurentiusbänke dokumentieren und aus diesem Prozess eine Ausstellung in den Kirchraum bringen. Es könnten Musikvorträge und Poetry-Slams sowie geistig-spirituelle Kleinkunst stattfinden, mit der auch coronabedingt notleidende Kunstschaffende unterstützt werden sollten.

Doch über die angedachten Veranstaltungen hinaus, soll der neue Freiraum vor allem durch die nun im Kreis und in Bewegung zu feiernden Gottesdienste und Taizé-Andachten das Miteinander der Gemeinde stärken.